Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021851--18525-3043458- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 547 griffes, welche die Bestellung der lutherischen Geistlichen zu Wächtern und Inquisitoren der reinen Lehre zur Folge hatte, denselben entschieden nicht zum Vorteil. Stolz, Hoffart, Herrschsucht, schroffe Rechthaberei und unverträgliches Wesen waren häufig die unausbleiblichen Folgen davon, und dazu gesellten sich noch Geiz und Habsucht. Außerdem fand nun fast überall das Beispiel Luthers, der vielfach mit einer sich mit zunehmendem Alter nur noch steigernden Heftigkeit und in den derbsten Ausdrücken gegen die Personen, denen er grollte, loszog, unter den lutherischen Predigern nur allzu getreuliche Nachahmung. Kein Wunder, daß so alle wahre christliche Liebe auch im Volke immer mehr erkaltete, dagegen Zügellosigkeit, Hab- und Geldsucht, niedriges Denunziantenwesen, Hochmut und Hartherzigkeit überhand nahmen. So bot denn die Kirche Kursachsens beim Tode ihres Begründers keineswegs einen sehr erfreulichen Anblick dar." S. 131 f. Solche Bücher, wie das von Dr. Wappler, sind natürlich begreiflicherweise nicht nach jedermanns Geschmack, man möchte es mit denselben am liebsten machen, wie der Zwickauer Diakonus Mag. T. W. Hildebrand im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts mit den Zwickauer Akten. Diesen beschuldigt nämlich Wappler, und wie's scheint mit triftigen Gründen, aus dem Zwickauer Ratsarchiv eine Anzahl sehr wichtiger und interessanter Akten über die Zwickauer Inquisition und Ketzerprozesse auf die Seite geschafft zu haben, weil ihm dieselben für Luther, Melanchthon und die Reformatoren allzu kompromittierend erschienen. Wapplers einschneidendes Buch wird man nach der heute beliebten Methode im besten Falle auf mancher Seite suchen totzuschweigen. Hoffentlich interessieren sich aber auch die Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift" für die in demselben behandelte, dem Judentum verwandte Materie und ermutigen damit den Verfasser und Verleger zu -derschon; angekündigten Herausgabe ähnlicher Publikationen auf Grund weiter gesammelten und zum Druck bereiten Materials. Jerusalem. Phil. Kieferndorf. Korrespondenzen Das Kruzifix in der Judenschule. Ein interessanter Rechtsfall, der die mährischen Schulbehörden seit einigen Monaten beschäftigte, ist jetzt dem Unterrichtsministerium zur Entscheidung vorgelegt worden. Die politische Israelitengemeinde Lomnitz erhält eine Schule, an der bis vor einem Jahre der jetzige Bürgermeister Schiller die Stelle des Oberlehrers bekleidete. Nach seinem Rücktritt wurde ein katholischer Oberlehrer angestellt, da inzwischen die katholischen Schüler die Mehrheit an der Schule erlangt hatten. Im Oktober vorigen Jahres stellte nun das Lomnitzer Pfarramt an den Ortsschulrat der Jsraelitengemeinde das Verlangen, aus Gemeindemitteln ein Kruzifix anzuschaffen und im Schulzimmer anzubringen. Der Ortsschulrat wies dieses Verlangen in einer motivierten Eingabe an das Lomnitzer Pfarramt zurück, erklärte jedoch, daß gegen die Anbringung eines Kruzifixes während des katholischen Religionsunterrichtes selbstverständlich nichts einzuwenden sei. Das Pfarramt versäumte die Rekursfrist und wendete fich nun an das bischöfliche Ordinariat in Brünn, das der Schule in der Jsraelitengemeinde Lomnitz ein Kruzifix zum Geschenk machte. Die Schulgemeinde und der Ortsschulrat verweigerten aber die Annahme dieses Geschenkes, worauf der k. k. Bezirksschulrat Brünn (Land) die Anbringung des geschenkweise überlassenen Kruzifixes im Schulzimmer für zulässig erklärte, und nur die Entfernung während der Stunden des jüdischen Religionsunterichtes verfügte. Zugleich wurde der Schulleiter angewiesen, diese Verfügung durchzuführen. Gegen die Weisung des Bezirksschulrates wurde nun die Beschwerde an den Landesschulrat erhoben. Der Landesschulrat wies mit Erlaß vom 23. Juni l. I. die Beschwerde mit der Verschärfung zurück, daß das Kruzifix permanent in der Schule zu belassen sei, gestattete aber auch, daneben ein jüdisches Symbol anzubringen. Gegen diese Entscheidung des Landesschulrates wurde der Rekurs an das Ministerium für Kultus und Unterricht eingebracht. Meran. Die verflossene Saison des Kurortesübertraf durch ihre Frequenz alle vorhergehenden, was ein Beweis für daS Aufblühen Merans ist. Ebenso wie die Kurverwaltung für die Errichtung jener Institute sorgt, die ein moderner Kurort verlangt, so haben auch die Königswarter-Stiftung und der Verein „Asyl für mittellose kranke Israeliten" in Meran in diesem Jahre bewiesen, daß auch sie, soweit es in den Bereich ihrer Pflicht fällt, sich ihrer Aufgaben in dem Weltkurorte Meran bewußt sind. Die Königswarter-Stiftung hat ihre Sorge auf eine repräsentable Behandlung und Verwaltung der Kultusangelegenheiten gelenkt und sich durch den von allen Tempelbesuchern rühmend anerkannten Gottesdienst, ferner durch Besorgung des Religionsunterrichtes und schließlich die Anlage des neuen Friedhofes, der von derselben die größten Opfer forderte, großes Lob verdient; größer ist das Verdienst des noch ganz jungen Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten", der mit erstaunlicher Kraft und Energie das großartige Genesungsheim mit an 100 Betten aus dem alten kleinen Asyl mit 14 Betten geschaffen hat. Seit 26. Jänner 1909 stand das Genesungsheim in vollem Betriebe und rechtfertigte das Vertrauen, das der Vorstand in d en ärztlichen Leiter Med.-Dr. Koref und den geschäftsführenden Vizepräsidenten gesetzt hat. Durch die ganz außergewöhnliche Arbeitskraft dieses Herrn war es möglich, das humanitäre Werk zu schaffen und in so kurzer Zeit in Betrieb zu setzen. Es waren in den wenigen Monaten der Frühjahrssaison über 100 Pfleglinge aus aller Herren Länder fast alle die ganze Saison hindurch im Hause in Pflege und darf sich die Anstalt rühmen, sehr günstige Resultate erzielt zu haben. Das Genesungsheim wurde von vielen illustren Persönlichkeiten besucht, so insbesondere M.-U.-Dr. Schlesinger, Profeffor an der Wiener Universität, M.-U.-Dr. Stiller, Profeffor an der Universität in Budapest. und M.-U.-Dr. Münzer, Professor an der Prager Universität, welche übereinstimmend in dem uneingeschränkten Lobe des Genesungsheimes sagen, daß man durch die tadellose Reinlichkeit und Ordnung überrascht ist und daß wir in Oesterreich glücklich sein können, für unsere Glaubensgenoffen eine solche Heilstätte zu besitzen. Die Anstalt, welche streng rituell geführt wird, wird mit 26. September wieder den Betrieb aufnehmen und beweist die große Zahl von Aufnahmsgesuchen, daß dieses Haus eine segensreiche Notwendigkeit ist. Wir sehen dem diesjährigen Jahresberichte mit Interesse entgegen und wünschen dem Hause das beste Gedeihen und lenken die Aufmerksamkeit aller Menschenfreunde und Wohltäter auf dieses eminent humanitäre Werk. Vom Großherzog von Baden. Im badischen Blättern lesen wir: Bei dem ersten offiziellen Besuche, den das badische Großherzogpaar vom 1. bis 3. Juli der Stadt Heidelberg abstattete, wurde auch der Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß vom Großherzog zur Audienz befohlen. Beim Beginne derselben betonte der hohe Herr, er habe Wert darauf gelegt, auch den Rabbiner bei fich zu sehen. Dann erkundigte er fich nach den Verhältnissen der israelitischen Gemeinde und folgte mit offensichtlichem Interesse den Ausführungen, welche der Bezirksrabbiner machte. Im Laufe der Unterredung bemerkte der Großherzog nochmals, er habe Herrn Dr. P. zu fich gebeten, um zu zeigen, daß ihm alle Untertanen gleich nahe ständen. Bezeichnend für die zarte und rücksichtsvolle Art des hohen Herrn war die Frage: „Ich habe Sie doch nicht gestört, es ist heute Samstag?" Da die Audienz Samstag um 1 Uhr standfand, konnte der Rabbiner versichern, daß der Gottesdienst längst vorüber sei. Der Großherzog wünschte dem Rabbiner den Segen Gottes für seine Tätigkeit; mit dem Ausdruck der Freude, ihn bei fich gesehen zu haben, schloß er die Audienz, die in der erfreulichsten Weise dartat, daß unser jetziger Fürst gegen die israelitischen Bürger seines Landes von der gleichen, gerechten und vorurteilsfreien Gesinnung erfüllt ist, wie sein Vater, unser unvergeßlicher Großherzog Friedrich I. — Auch zu der feierlichen Eröffnungssitzung der Heidelberger Akademie, an der das großherzogliche Paar teilnahm, hatte Herr Dr. PinkuS eine Einladung erhalten. Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Ludimar Hermann, einer der wenigen ordentlichen Univerfitätsprofefforen jüdischer Religion in Preußen, feierte kürzlich sein goldenes Doktorjubiläum. Zu demselben hat die medizinische Fakultät in Königs-