Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 544 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 32 Hat da» Judentum Dogmen oder nicht? Sehr geehrter Herr Redakteur! In einer der letzten Nummern Ihrer geschätzten Wochenschrift macht Herr Oberrabbiner Dr. I. Steinherz in Szokes-Fehörvär Mitteilungen. über die Ansichten Mendelssohns und Johann D. Michaelis über die Dogmenlofigkeit des Judentums. Diese Ansicht ist heute allgemein verbreitet und wird sowohl in gottesdienstlichen Vorträgen, wie in wissenschaftlichen Werken verkündet und gelehrt. Wahr ist, daß das Judentum keine Heils- und Glückseligkeitslehre im Sinne des Christentums und Islams zum Grundpfeiler seiner Bekenntnisses gesetzt hat, aber Dogmen kennt jede Religion, ebenso auch die Religion Israels. Selbst die Bibel geht von dem Grundsätze aus, daß nur der Mann selig ist, der nicht nach der Gesinnung der Gottlosen wandelt, noch auf den Weg der Sünder tritt, noch auf dem Sitze der Spötter fitzt, sondern an der Lehre seine Lust hat und Tag und Nacht über seine Lehre nachfinnt. (Ps. K. 1. V. 1 ff). Wer wohnt im Zelte Gottes und auf seinem heiligen Berge? Wer unsträflich handelt und wer Recht tut, von Herzen Wahrheit redet, aus seiner Zunge nicht Verleumdung hegt, einem anderen nicht Böses zufügt und nicht Schmach auf seinen Nächsten lädt . . . der sein Geld nicht um Zins gibt und nicht Bestechung gegen den Unschuldigen annimmt (K. 15); wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist; wer nicht auf Falschheit ausgeht und nicht betrüglich schwört, der wird Segen von Gott empfangen. (K. 24. 24). Heil ist ferner dem, de-r den Armen beglückt (K. 41. V. 2) und schließlich denen, deren Weg unsträflich ist, die nach der Lehre Gottes, wandeln, die seine Zeugniffe beachten, ihn von ganzem Herzen suchen, keinen Frevel verübt haben, sondern auf seinen Wegen gewandelt find (K. 119. V. 1). Das sind ja in engerem Sinne des Wortes auch Dogmen,. die über Lohn und Strafe, Sünde und Gnade sprechen, aber nicht in einem jenseitigen Leben eintreffen, sondern schon hienieden ans Erden. Die Tannaim und Amoräer haben gleichfalls Dogmen gekannt. Einen Kanon für die alte Dogmenlehre finden wir gleichsam in der alten Mischna. (Sanhedrin K. X. M. 1): Folgende haben keinen Anteil am jenseitigen Leben (oder an der zukünftigen Welt): Jene, welche die Auferstehung der Toten leugnen, die Göttlichkeit der heiligen Lehre verwerfen, die Epikuräer (vgl. unsere Abhandlung in Revue des Etudes Juives, Jahrg. 1907 p 181 ff, wo wir nachgewiesen, daß unter 0-11x7 'Bk nur autinomistische Gnostiker zu verstehen sind)^ verbotene, ketzerische Bücher lesen, über Wunden Zauberformel flüstern, den Namen Gottes mit Buchstaben aussprechen. Die Dogmenlehre hat sich auch im Judentum entsprechend den Zeitverhältnissen und den Geistesströmungen immer fortgebildet, die Amoräer haben ebenfalls Strafen für einzelne Vergehungen und Versicherungen für Belohnung verheißen, so b. Berochot 4 b. R. Jochanan wer täglich Ps. K. 145 spricht “ni*? nbnn naiKn ba nana nr ba »an thxs p uinv *6 wird av der zukünftigen Welt Teil haben, oder Midrasch Tehilim (ed. Buber p. 370) 0333 mnw -ö *?a a*ab> 03331 pan a*ai nrcsa wer hier die Synagogen und Lehrhäuser besucht, wird auch in der zukünftigen Welt Synagogen und Lehrhäuser besuchen oder in K. 91. 12. wen Leiden hienieden heimsuchen, der wird sicher Teil haben am Leben in der zukünftigen Welt. Ebenso haben die Amoräer für jedes Vergehen eine Strafe im Jenseits bestimmt, wie wir dieselben im Hechylatbuche und in der verwandten Literatur lesen (vgl. dazu die ’AuoxaXucptg toö Tzszpo'j die im Jahre 1892 in einem altchristlichen Grabe in Akmin' in Oberegypten entdeckt wurde). Was wir unter Kan ebir „zukünftige Welt" zu verstehen haben? — Darüber gehen die Ansichten der Talmuderklärer und Religionsphilosophen auseinander. Jedenfalls hat auch das Judentum seine Dogmen, allein anders ist die Stellung des Judentums zu den Dogmen! Die Dogmen konnten keine autoritative, bindende Kraft erlangen. Vergebens suchte Maimonidcs 13 Hauptdogmen aufzustellen, denn Albo stellte mit Recht die Frage auf: nach Maimonidcs war ja R. Hillcl, der den Ausspruch tat» daß der Messias bereits in den Tagen Hizikjahus aufgegeffen wurde, ein Ketzer? Daß R. Hillels Aussprych eine polemische Spitze gegen das Christentum hatte, kannten die Alten picht, jedenfalls konnte Albo die Feststellung gewiffer Kardinaldogmen bestreiten. Es geht uns nicht anders; wenn wir Maimonidcs Dogmenlehre nach dem Talmud und Midrasch Prüfen, so werden wir gar bald zur Ueberzeugung kommen, daß viele Aussprüche im Talmud nach dieser Dogmatik ketzerisch sind! Das Glück war. daß eine Behörde gefehlt hat, wie Päpste und Konzilien, die solche Dogmen sanktionieren und überwachen konnte. Der größte Zweifler, so seine Gesinnung und sein Wandel fromm find, war und ist im Sinne des Judentums rein, viel mehr als der Strenggläubige, der einen lasterhaften Lebenswandel führt. V i n k 0 v c i, den 11. Juli 1909. Hochachtungsvoll Rabb. Dr. A. M a r m 0 r st e i n. Inquisition itttfr Ketzerprozeffe zur Reformaliorrszeit. Schon, in Nummer 32 vom Jahre 1905 der „Oesterreichischen Wochenschrift" hat der Unterzeichnete und nach ihm in Nummer 28 vom Jahre 1906 hat Herr Rabbiner Dr. Mar Grunwald in einem Artikel „Rembrandts Jüdelei" auf den engen Zusammenhang hingewiesen, welcher sowohl hinsichtlich der Lehre und Geschichte als des gemeinsamen Martyriums zwischen den Juden und den unter verschiedenen Namen bekannten christlichen „Sekten- und Ketzergemeinden" des Mittelalters. und der Reformationszeit besteht, welch' letztere, gleichwie die Juden, in der grausamsten Weise dem katholischen und protestantischen Glaubenshaß und Verfolgungswahn, der Folter, Tortur und einem gewaltsamen Tode zum Opfer fielen, weil sie weder mit dem Papst noch mit Luther übereinstimmen und Zusammengehen konnten. In den - genannten Artikeln war schon darauf hingewiesen, daß die „Ketzer" die ihnen von ihren Gegnern beigelegten Namen selbst zurückgewiesen haben und sich am liebsten als „Brüder" bezeichneten, während die Namen, unter denen wir ihnen in der Geschichte begegnen als „Katharer", „Paulicianer", „Waldenser" im Mittelalter und „Täufer", „Sakramentierer", „Anabaptisten", „Mennoniten" in der Reformations- und Neuzeit, nur als von ihren Gegnern erfundene Schimpf- oder Unterscheidungsnamen zu betrachten sind. Diese uralte äußerkirchliche religiöse Bewegung, welche als nichts anderes denn eine Fortsetzung der judenchristlichen Richtung der ersten christlich apostolischen Gemeinden zu betrachten ist, erlebte in der Reformationszeit einen neuen kräftigen Aufschwung, da sie in den ersten Jahren seines Auftretens und öffentlichen Wirkens auch Luther zü ihrem Wortführer und Vertreter zählen durfte. Die drei ersten großen Reformationsschristen Luthers: „Von der Freiheit eines Christenmenschen", „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" und „An den christlichen Adel deutscher Nation, von des christlichen Standes Besserung", sind ganz im Sinne und Geiste dieser alten evangelischen Brüdergemeinden verfaßt. Allmählich aber ist bei Luther, sobald er ansing, mit dem Gedanken -er Errichtung einer neuen, protestantischen Staatskirche sich zu beschäftigen, ein Umschwung in seinen bisherigen Glaubens- und Eemeindeidealen eingetreten, welche ihn zu seinen bisherigen Freunden und Mitkämpfern in einen scharfen Gegensatz bringen mußte, wie sich von dieser Zeit an auch eine schroffe Wendung gegen die Juden bei ihm bemerken läßt, für welche er bis dahin auch Nur Wohlwollen und Freundlichkeit gezeigt hatte. Als ein Hauptsitz dieser uralten, früher von der katholischen und später aüch von der lutherischen Kirche als ketzerisch gebrandmarkten, religiösen Bewegung, welche zur Reformationszeit einseitig den Namen „Anabaptis-