Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 543 Ludwigs IX. von Frankreich, bei welchem Nikolaus Donin, der getaufte Jude, seine ehemaligen Glaubensgenossen verleumdete. Die Dominikaner kommen immer mehr zur Herrschaft, und ein Jünger dieses Ordens, Raymund de P en aforte, forderte die Juden zu einer Disputation heraus. Wieder tritt Barcelona in den Mittelpunkt unserer Geschichte. Es war am 20. Juli 1263, als in dieser Stadt das große religiöse Turnier begann, das 4 Tage dauerte. N a ch m a n i d e s, der große Rabbi aus G e r o n a, einer jetzt auch vielgenannten Stadt, kämpfte mit Würde und Geist für die Lehre des Judentums vom Messias gegen den Dominikaner Fra Pablo Christiano, einen getauften Juden. Wiel viel Unheil haben nicht diese Renegaten über die Juden gebracht! Nachmanides, der mit vielem Freimut vor dem Könige Jayme, wie einst Philo vor Caligula redete, hat seine Disputation ausgezeichnet. 1266 verließ er Spanien, wo der Geist der Finsternis immer mehr die Schwingen regte. Im Lande der Väter starb er 1270. Während er zwischen den Ruinen des heiligen Landes lebte und wirkte, gelangte sein 1235 zu Barcelona geborener Schüler, R. Salomo ben Abraham ben Aderet, durch seine ausgezeichneten Talmudkenntnisse zu hervorragender Bedeutung. Nach Barcelona strömten damals Schüler aus den entferntesten Landen, um sich vom Lichte des Ben Aderet (Raschba) erleuchten zu lassen. Dieser verehrte zwar Maimonides, wußte dessen Bedeutung zu schätzen, aber der Glaube stand ihm höher. „Amiens Sokrates, amicus Plato", konnte er sagen, aber die überlieferte Religion war ihm die größte Freundin. So ist Raschba ganz ein Schüler des Nachmanides und des R. Jona aus G e r o n a (Gerondi), dieses größten Gegners des Maimonides, dem er allerdings, nachdem er die Geister, die er gerufen, nicht mehr los werden konnte, Abbitte leisten wollte. Barcelona hat durch Raschba den Ruf eines Sitzes höchster talmudischer Gelehrsamkeit erlangt, ist aber auch durch ihn zum traurigen Ruhme gekommen. Hat sich doch dieser Gelehrte durch den aus Deutschland eingewanderten Rabbi Ascher ben Jechiel (Rosch) bewegen lassen, am 26. Juli 1305, von Barcelona aus, den Bann zu verkünden über alle, die sich vor vollendetem 25. Lebensjahre, mit Philosophie oder sonst wissenschaftlichen Schriften, in den nächsten 50 Jahren, beschäftigen würden. Die Saat Jona Gerondis war in die Halme geschossen. Barcelona war der Mittelpunkt nicht nur des Fanatismus der Dominikaner, sondern auch der Rabbinen geworden. Aber, wie vielgestaltig war doch das kulturelle Leben der Juden Spaniens in dieser Zeit! Derselbe König Jayme I., vor dem Nachmanides in B a r c e l o n a für sein Judentum stritt, hatte einen jüdischen Leibarzt Bachiel ben Moses aus Saragossa, einen entschiedenen Anhänger der Wissenschaft. Für Maimuni ergriff Partei Abraham ibn Chisdai in demselben Barcelona, aus welchem damals Raschba, in schlecht angewendetem Eifer, Bannflüche aussandte; Abraham ibn Chisdai, wohlbekannt durch sein wunderbares Gedicht, das unter dem Titel „Prinz und Derwisch" vor 62 Jahren, (1847) von W. A. Meise! ins Deutsche vortrefflich übertragen wurdet) Die Finsternis haben die Juden in Spanien nicht ertragen, echte Söhne jener Väter in Egypten, in deren Häusern Licht gefunden wurde. Doch gehen wir, um ein Jahrhundert nahezu, weiter, so hören wir von e i n e m b l u t i g e n T a g e, den die Juden Barcelonas zu erleben hatten ... Es war der 5. August des Jahres 1391, etwa hundert Jahre vor dem großen Gerusch. Furchtbar hatten fich die Verhältniffe der Juden in Spanien geändert, in dem Lande, das so viele jüdische Größen gesehen. Heinrich III., ein Kind, — „weh dem Lande, besten König ein Kind ist" — hatte den Thron bestiegen, als Fernando Martin ez, der Beichtvater der Königin Leonora, das Volk gegen die Juden aufhetzte. Das Gemetzel begann am 6. Juni *) Denselben Stoff behandelte der deutsche Dichter Rudolf von Ems in „Barlaam und Josaphat". in Sevilla, am 17. Thamus (20. Juni) — ein verhängnisvoller Tag — fand das Schlachten in Toledo statt. Am 2. August wurden die Juden Palmas gemordet, drei Tage später kam Barcelona dran, Barcelona, der Sitz des jüdischen Geistesadels . . . Die Juden dieser Stadt waren zu großem Wohlstände gelangt, den sie durch ihre überseeischen Geschäfte erworben hatten. Das reizte den Pöbel. Und das Morden in Barcelona wurde mit Gründlichkeit betrieben. Das Volt dieser Stadt scheint darin Uebung zu besitzen. Die zerstörten Klöster und Kirchen, die Verwüstungen vom 9. Ab 1909 geben Zeugnis dafür. Gegen die Juden kann es fteilich jetzt nicht gehen. Aber damals am 5. August 1391, an einem Sabbathe, da ertönte der schauerliche Ruf in der Hauptstadt Kataloniens: „Nieder mit den Juden!" Die Judenstadt wurde ein Raub der Flammen und nicht ein einziger Jude blieb in Barcelona zurück. . . . Freilich suchten auch Viele dem Gemetzel zu entgehen. Es gab eben nicht bloß Glaubensstarke. 11.000 Juden sollen bei dieser Gelegenheit getauft worden sein. Der Gouverneur der Stadt hatte allerdings einen großen Teil der Gemeinde in das Kastell ausgenommen. Was nützte es? Der Pöbel belagette förmlich die Burg. Die eingeschloflenen Juden sahen keine Rettung, viele nahmen fich das Leben mit eigener Hand, andere stürzten fich von der Mauer, noch andere verließen die Festung und fielen den Angreifern in die Hand. . . . Das alle Lied, das alte Leid des furchtbaren Martyriums. Damals lebte und wirkte der edle Chisdai Creslcas in Saragossa, einer der originellsten Denker des Mittelalters und Bekämpfer der neuchristlichen Eiferer. Seine Familie stammte aus Barcelona. In christlichen Kreisen anerkannt, war er auch am aragonischen Hofe hochgeehrt. Wir wollen hier nicht von seinem Hauptwerke „0r Adonai" (Gotteslicht) sprechen. Es gehört dies nicht in den Rahmen dieser bescheidenen, historischen Skizze. Erwähnen wollen wir nur, daß er die Schreckenszeit von 1391 in einem ergreifenden, erschütternden Schreiben schilderte. Hatte er doch in Barcelona seinen einzigen Sohn verloren, der eben seine Hochzeit mit einer edlen Jungfrau feiern wollte. Der Gemeinde Perpignan teilt Crescas seinen herben Schmerz mit. Diese hatte fich Nachricht von ihm über die traurige» Vorfälle erbeten. . . . Und 1492, im Jahre der Welt 5252, zogen auch die jüdischen Söhne Kataloniens hinaus ins Ungewiffe. Biele von ihnen begaben fich in die Türkei. Ihnen folgte der gute Ruf nach, daß sie das Bedeutendste in Weisheit und Wiffeuschaft geleistet. Insbesondere die Gemeinden von Barcelona und Gero na konnten fich rühmen, daß auS ihnen Männer von Namen hervorgegangen find, welche die Augen der Kinder der Golah erleuchteten.5) „Die Lust von Barcelona macht weife", wie Rabbi Isaak ben Scheschet (Riwasch) in einer seiner Response» sagt. °) Und in einer anderen äußert er fich, daß die Kinder Kataloniens im Besitze der Thora seien.7) In Salonichi finden fich noch manche Nachkomme» der Söhne Kataloniens, die den Namen der Stadt Barcelona bewahrt haben: Albargleono, Albareelono.^) Vergangene Zeiten! Aber, wie werden wir an sie schauerlich gemahnt, da wir von den blutigen Vorgängen in Barcelona hören. Wer zweifelt da noch an einer Vorsehung, welche die Geschichte der Völker lenkt, wenn man „die Donnerstimme des Gottesgerichtes" vernimmt, die nun in dem unglücklichen Reiche wieder ertönt: „Die Weltgeschichte ist daS Weltgericht." Dr. Max Grünfeld. b) Aus dem Werke „Dibie Jeme Jiaioel be Togamah“, dem vortrefflichen Buche von Sal. A. Rosanes „Geschichte der Inden in der Türkei" (1300 —1520), 1. Teil» 1907. S. 215. s) A. a. 0. S. 215. Respp. des Riwasch, sä Konstantinopel 1547, Nr. 369. 0 A. a. 0. S. 216. Respp. Nr. 36. *) A. a. 0. S. 216. „Sichronoth Bene Katalonia.“