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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-08-06 · 32 (6.8.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
32 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 642 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 82 Mittelalter werden samt ihren Schutzherren nicht müde, immer denselben Ton aus ihrer Agitationstrompete hervorstoßen : Die Juden wollen die bestehende Ordnung der Dinge Umstürzen. Damit sind die Minister der kulturtragenden Westmächte entschuldigt. Wer wird amtlich zur Kenntnis nehmen, ob man noch so viele nihilistische Juden nach Sibirien schickt oder an den Galgen? Das Wort von der jüdischen Revolution ist aber eine ebenso große als verbrecherische Lüge, eine wahre Hamanverleumduug, „es lebt ein Volk unter deinem Volke . . ." Diese Anschuldigung drückt bis auf den konstitutionellsten Juden in konstitutionellen Staaten. Doch es sammeln sich flammende Beweise dafür, daß die Revolution durchaus nicht jüdischer Konfession ist. Jetzt z. B. wurde in Spanien ein gewaltiges Drama aufgeführt, in welchem Geschütze gegen die Barrikaden aufständischer Bürger kämpften. In Spanien, wo kaum einige hundert Juden leben, die dutzendweise und versteckt in den großen Städten verstreut sind. In Spanien, wo es über zehntausend Mönche und Nonnen gibt, also eine überaus reichliche Gelegenheit, im Volke den christlichen Geist zu verbreiten. Trotzdem hat die iberische Halbinsel nicht nur diesen letzten blutigen Aufstand als Protest gegen den gewissenlos begonnenen Marokkokrieg erlebt, sondern schon früher eine ganze Reihe und die ewigen Karlistenkciege und den Anarchismus als ewiges Vorspiel und Nachspiel dazu. Uebrigeus ist der Anarchismus, diese akute Form der Revolution, keineswegs ein spanisches Privilegium. Er ist auch im grundkatholischeu Italien zuhause. Er wird jetzt auch von buddhistischen Studenten in Indien angewendet, ferner auch von den chiitischen Persern, von anglikanischen Amerikanern. Es ist also eine bewiesene Niedertracht, die Juden für die speziellen Revolutionäre auszugeben und sie sind es auch in Rußland nicht. Nur wie eben durch die antisemitische Beleuchtung unter hundert unbeachteten Betrugsfällen der eine jüdische hervorsticht, so klingen die wenigen jüdischen Namen, deren Vorhandensein aus der tierischen Behandlung des Ansiedlungsrayous ganz gerechtfertigt ist, aus der Masse der christlichen Revolutionäre Rußlands hervor. In den russischen Universitätsstädten studieren 5—10 Perzent jüdischer Studenten, sonst dürfen dort ebenso wenig Juden wohnen, wie in der stets unruhigen Revolutionsfeste Kronstadt und im flachen Land, von wo die zum Hunger getriebenen Bauern hervorbrechen. Die historischeu Führer der russischen Revolution waren immer Christen. Es ist übrigens bezeichnend für die Art, wie gelogen wird, daß die antisemirische Presse die Juden für Revolutionäre ausgibt, aber in einem Atem als zu feig für die Revolution. Solche Unstimmigkeiten sollten wohl Staatsmännern des höchsten Ranges, bei denen auch Berichte über die vermutliche Höhe von Roggeneruten in anderen Länder» eiulaufen, das Verlangen eingeben, sich auch amtlich über die Ursache der russischen Menschenschlächtereien zu erkundigen. Derzeit lebt Rußland in so tiefem inneren Frieden, daß der Zar sich nach Poltawa wagen und dort sogar mit dem Volke in Berührung, treten durfte. Trotzdem wurden in den letzten zwei Monaten 171, hunderteiuundsiebzig Todesurteile im Reiche vollstreckt. So blutig wird das zwanzigste Jahrhundert geschändet. Der Zar kann das entschuldigen. Er will nichts anderes sein, als der Nachkomme jener Herrscher, deren Szepter die Knute war. Die weitaus größere moralische Schuld liegt auf jenen Staatsmännern, welche es nicht einmal wagen, freundschaftliche Vorstellungen zu erheben, um sich nicht die hohe Gunst des russichen Verbündeten zu verscherzen. Die sich die berufenen Kulturträger nennen und sich doch nicht weigern, Orden und Händedrucke vom Zaren anzuuehmen mit der geradezu klassischen Rechtfertigung, daß für sie keine Ursache vorliege, die Ursache der russischen Revolution, diese Kulturschmach, amtlich zur Kenntnis zu nehmen. Karret»«« in der jüdischen Geschichte. Das war ein furchtbarer Tischah be-Ab im Jahre der Erschaffung der Welt 5252, der 2. August 1492. Heber ihn schreibt Don Isaak Abrabanel in schönen Versen?) „Und Jakob zog aus von Beer-Seba. seiner Wohnstätte, — im Jahre Mesoreh Jisroel-), — im 6000. Jahre nach der Erschaffung der Welt. — An einem Tage fand sein Auszug aus allen Provinzen des Königreichs (Spanien) statt — am Tischah be-Ab, an seinem Fast- und Trauertage; — an eben diesem Tage zogen die Heerscharen des Ewigen, alle aus ihrem Erbteile aus." Israel wanderte weg aus Sephara d, das ihm ein zweites heiliges Land geworden war. Dort blühte Judas Glauben, seine Philosophie und seine Literatur, die Dichtung und die hebräische Sprache. . . . „Von Sonnenaufgang bis zu ihrem Niedergange gab es kein Land, das diesem zu vergleichen gewesen wäre für das Volk der Golah."^)'417 Jahre sind seit jenen unseligen Tagen vergangen, an dem Ferdinands und Jsabellas Befehl zur Tat geworden, Spanien von Mauren und Juden „gesäubert" worden. Welches Unheil ist seit diesen Tagen der Herrschaft Torquemadas über das unglückliche Land ergangen! Wie wurde es von den Fiebern der aufgeregten Volksleidenschaften gerüttelt und an den Rand des Abgrundes gebracht! Und was wird uns jetzt aus diesem Lande berichtet? Wir schaudern, wenn wir hören, wie die entfesselte Volkswut Klöster und Kirchen zerstört. Aus diesen Klöstern gingen gar oft die Zerstörer und Vernichter Israels hervor. Die Geschichte der Juden in Spanien weiß davon zu erzählen, was der religiöse Fanatismus'an uns sündigte. Bebend flüstern wir die Worte: „Die Weltgeschichte ist d a s W e lt g e r i ch t." Unter den blühenden Gemeinden Israels in Sepharad war eine der blühendsten einst Barcelona. Das ist der Hauptort Kataloniens, mit mehr als 1h Million Einwohnern^ eine Stadt des Gewerbefleißes, ' der Industrie, mm Mittelländischen Meere, in einer wohlangebauten Landschaft gelegen, jetzt ein Bild der Zerstörung und Verwüstung, Sodom vergleichbar. Es war im Jahre 1162. Damals kam Alsonso II. zur Regierung. Und er herrschte über Aragon und Katalonien 34 Jahre. Er war ein Beschützer der Dichter und Denker. Unter den Juden Spaniens gab es deren damals viele. Die Gemeinde Barcelonas wurde als die der „Fürsten und Hochgestellten" von C h a r i s i hochgepciesen Ihr hochangesehener Vorsteher war damals der „Fürst" R. Scheschet Beritz eni st i (1131—1203), wie man sieht, ein Zeitgenosse Rambams. C h a r i s i nennt ihn in dichterischer Ueberschwenglichkeit „die Säule der Welt und die Stütze aller Frommen". Sehen wir von dieser orientalischen Hyperbel ab, so müffen wir zum Ruhme des Mannes sagen, daß er stets der Vernunft das Wort redete und für Maimonides Partei nahm. Er gehörte nicht zu den Finsterlingen, welche das Licht der Wissenschaft bekämpften und es zu verdunkeln suchten. Denn gegen die große Leuchte, die aus Spanien hervorgegangen war, gegen Maimonides, wetzten die Dunkelmänner ihre Zungen, wie die Schwerter. Scheschet Benvenisti aber, der Vorsteher der Gemeinde Barcelonas, verfaßte ein Spottgedicht auf Meir h a- Levi Abulafia (1180—1244), welcher, ein gründlicher Talmudist, die Philosophie bekämpfte, einen Brief gegen Maimuni an R. Moses den Nachman richtend. Der Spott Scheschets wendet sich gegen den Namen M e i r, der Leuchtende. Wie kommt dieser zu dem Namen, der nichts mehr scheut als das Licht des Wissens? — Der Streit um die Schriften Maimunis erfüllt überhaupt das 13. Jahrhundert. Ein Streit ist's um „himmlische Dinge", der freilich unserer Geschichte nicht zur Ehre gereicht. Doch bald erfüllten andere Sorgen die Juden Aragons, als König Jayrne regierte, der Freund des heiligen 0 D o n I s a a k Abrabanel in seinem Welke „M a a j n e Hajeschujah" (Vorrede). Rosanes „Geschichte der Juden in der Türkei", S. 55. 2) Der „Perat" nach Jereyr. 31, 10. s) Abrabanel, I. c.

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