Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 32 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI Zentralorgan für die gesamten Interessen des Zudentums. -□i:.„ □- Wien, 6. August 1909 LrscbeLnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasie 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. 0 Cr - .- .=0 O P Vrxugsprrks für Vestcrrrikh: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. <1. o O— - — —Q o °G O A. ft. Poflsxarkaffrnsmk Slearing-Verkebr «r. S10.S7S. Redattton und Administration: s> wir« H/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. Do Q OG: Cl Do Inhalt: Leitartikel: Revolution. — Barcelona. — Hat das Judentum Dogmen oder nicht? — Inquisition und Ketzerprozesse zur Reformationszeit. — Korrespondenzen: Das Kruzifix in der Judenschule. Meran. Vom Grohherzog von Baden. Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Ludimar Hermann. Liga des nationalen Friedens in Salonichi. Die Sassoons und die Rothschilds. Abdul Hamid und Theodor Herzl. Ein Gesuch russischer Juden an die Türkei. Die türkische Parlamentsdeputation über Zangwills Memorandum. Merkwürdige Streitigkeiten in einer jüdischen Kolonie. Die amerikanischen Arbeiter gegen die Einwanderung. Der amerikanische Handelsminister gegen die Vorgänge auf Ellis Island. Die Demission des Newyorker Polizeidirektors. Die amerikanische Ehescheidungsstatistik und die jüdische Frau. Ein neuer jüdischer Professor an der Harward-Universität. Kanada gegen Emigranten. — Vermischtes. — Feuilleton: Das Schicksal einer Predigt. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Kevolulio«. Der Zar von Rußland, unter dessen Kronjuwelen so viele Blutsteine düster hervorschimmern, der Zar ist auf Reisen. Kaum hatte sich der Pulverdampf der französischen Schiffskanonen bei Cherbourg verzogen, wo Präsident Fälliges Händedrücke und Versicherungen der Bündnistreue empfing, so drang schon aus Marinegeschützen bei Cowes dröhnender Knall aus Dampf und Flammen hervor und König Eduard nahm eine Umarmung und Ausdrücke der Freundschaft entgegen. Die Hottentotten, die Marokkaner, Türken und Chinesen müssen sich sehr gut amüsieren über solch hohe Politik der Westmächte. Denn zu diesen Völkerschaften sind England und Frankreich im letzten Jahrhundert oft und oft mit Bajonetten und mit den modernsten Shrapnells gekommen, weil es diese Großmächte nicht aushielten, die genannten Barbaren und Menschenschlächter ohne die bewährte europäische Kultur zu lassen. Die Kriegsflotten überheizten ihre Kessel, um für das kleinste Blutbad in der Barbarei ein großes anzurichten, aus welchem dann die Zivilisation frisch gesäubert hervorstieg. Dafür nannten sich dann die Westmächte Kulturträger und behaupteten, daß sie sich für die guten Sitten der ganzen Welt verantwortlich fühlten. Siehe da — jetzt kommt vor den Augen der mit Kartätschen gebesserten Wilden Zar Nikolaus zu den Westmächten, der Lenker von Rußlands bittersten Geschicken, der Herrscher Sibiriens, der Kerkermeister der Studenten, der Folterer der Revolutionäre, der Lenker der Pogroms, der Herr der Galgen und Feldgerichte, der Feind der Verfassung — und die leidenschaftlichsten Freunde der Kultur nehmen von diesem mittelalterlichen Tyrannen hocherfreut Grüße und Küsse entgegen. Die Völker, welche das Wort Politik noch nicht mit Verachtung des Idealismus übersetzen, protestieren zwar dagegen, es gab Volksversammlungen und stürmische Szenen längs der Zarenreise in Kiel, Cherbourg und Portsmouth, ja im englischen Parlamente tadelte ein Viertel der Deputierten die englische Regierung in sehr scharfen Ausdrücken und Beschlüssen. Aber die Staatsmänner stellten sich alle auf den Standpunkt, den Sir Edward Grey, der englische Minister des Auswärtigen, in feiner denkwürdigen Verteidigungsrede einnahm. Er konnte die freiwillig übernommene Kulturmission Englands nicht aus der Welt leugnen, aber er umging sie, indem er sagte, er sei nicht bemüssigt, von den russischen Greueln amtlich Kenntnis zu nehmen. Die Diplomaten der Westmächte nehmen also amtlich nicht die Toten zur Kenntnis, welche die zariscken Schergen und Kosaken bereits lieferten, sondern nur die Toten, welche von den viereinhalb Millionen russischer Soldaten geliefert werden könnten. Und hingerissen von der kolossalen Ziffer der möglichen kriegsmäßigen Morde, vergessen sie an die zahllosen Opfer des russischen Friedens und bereiten dem mittelalterlichen Vertreter des Strelitzentums einen Empfang in allen Ehren. So unterstützen sie eine schon wahnwitzige Barbarei und vergessen daran, daß nur der große Mann den Ruhm der Weltgeschichte erlangt, dessen Taten die Kulturgeschichte ohne Scheu vor Wahrheit und Ehrlichkeit vorwärts gebracht haben. Jedes Wort verlogener Schmeichelei für den Zaren befestigt seine hohe Meinung über sich selbst und trifft als Unglück das russische Volk. Grey und Pichon aber haben sich noch eine Art Verteidigung zurechtgelegt. Sie verteidigen als aktive Staatsmänner das Prinzip der Gesetzlichkeit, und wenn sie sagen, sie wollten sich in die inneren Angelegenheiten Rußlands nicht einmengen, so heißt das, daß sie es dem Zaren nicht verwehren können, gegen die gewaltsamen Angreifer seiner Rechte mit Gewalt vorzugehen. Die Diplomaten, welche den großen Revolutionen des Westen ihre Verfassung verdanken, sollten zwar diese Untreue gegen historische Wahrheiten nicht begehen. Aber in dem zuletzt angeführten Argument ihrer Verteidigung ist noch ein Nebenargument eingeschloffen, welches die Diplomaten zwar nicht selbst aussprechen, dagegen die reaktionäre Presse und der Kaiser der Reaktion selbst, der Zar, welcher wiederholt sagte, die Juden machten allein die revolutionäre Bewegung, und der neulich gemeint hat, auch die türkische Revolution sei hauptsächlich von Fremden (lies Juden) verursacht worden. Mit diesem Schlagwort der Reaktion ist jede freiheitliche Regung gelähmt. Es ist ein System, das nur der Denkfaulheit der Völker verborgen bleibt. Die Vorkämpfer der Geistlichkeit und des Rückschrittes, des Adels und der Wiederkehr zum