Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 538 De. Vkochs Wochenschrift. Nr. 31 das nahe Wasser, an die mit majestätischer Würde dahin rollende Moldau, zieht es den Prediger. Dort kennt er jeden Baum und Strauch, dort hat er sein stilles Lieblingsplätzchen sich auserkoren, wo er mit seiner Innenwelt allein ist, dort stand er gestern und vorgestern und die ganze Woche, betrachtete sinnend das liebliche Spiel der Wellen und schöpfte Gedanken für seine Predigt. Er nimmt Stock und Hut und die „Grüne Zeitung" mit seinem homiletischen Ingenium in ihren Falten. Der kleine Quälgeist, der schon Schabbes gemacht hatte, sein Schatten, der ihm überallhin folgte, lief mit chm. An der grauen Alt-Neuschul und dem verfallenen Rathaus vorbei — der Minutenzeiger auf dem hebräischen Zifferblatt rückt immer weiter und weiter — kommt er rasch ans Ziel. Ein leiser Wind haucht über die gekräuselten Wellen und wächst sich zum respektablen Gegner einer ahnungslos manövrierenden Fischerbarke aus. Du lieber Gott, wenn er ihm das Blatt aus der Hand reißen, wenn er ihm das Manuskript entführen würde, wo er noch keinen Buchstaben memoriert hat! Er wehrt den nervösen Gedanken ab, den zu Ende zu denken ihn graut, krampfhaft umklammert er mit beiden. Händen die „Grüne Zeitung" mit dem Schatze, den sie für ihn barg, und machte sich hastig an die Lektüre der Predigt: Meine andächtigen Zuhörer! In dieser warmen Jahreszeit kommen wir mehr als sonst ans Wasser. Wenn wir dem lieblich bewegten Schauspiele sinnend zuseheu. zusehcn, wie Welle auf Welle zerrinnt, wie Woge auf Woge sich türmt, wie der leichtbeschwingte Kahn mit seinen stillvergnügten Insassen gegen Wellen und Wogen nur ein klein wenig avzukämpfen braucht, um als glücklicher Sieger die Wasserfluten zu teilen und pfeilschnell über sie hinwegzugleiten; wie das träge Holzstoß im Wind und Wirbel von schwielenbedeckter Hand mühselig über den Rücken des Stromes geschoben und gestoßen werden muß; wie der kühne Schwimmer mit dem Aufgebote aller Kunst und Kraft auf der tosendeit Brandung treibt und wie endlich dem völlig Erschöpften das Rettungsseil zugeworfen wird, daß es ihn zurückbringe an's sichere Ufer; wenn wir alles das sehen und beachten, dann drängt sich uns ein Vergleich auf zwischen dem Wasser und dem Leben. Auch das Leben fordert zum Kampfe heraus, zum Kampfe mit Wellen und Wogen, mit Wind und Wirbel, mit Strom und Sturm. Der Eine fliegt in leichtem Kahne spielend und tändelnd über die geglätteten Wogen dahin; der andere schiebt und stößt mühselig mit schwieliger Hand das schwere Lebensschiff durch die sturmgepeitschte Flut. Der Eine treibt kühn mit den geschwellten Segeln seiner Kraft dem sicheren Ziele zu; der Andere greift verzweifelt nach dem Rettungsseil, das eine gütige Hand dem Erschöpften zuwirft, damit er nicht sinke ins nasse Grab. Die Religion erblickt in jedem Menschenherzen einen tiefen Abgrund, der voll ist der Gefahren, wie das reißende Wasser mit seinen verheißenden Freuden, wie das schäumende Element mit seinen Wellen und Wogen, mit seinem Wind und Wirbel, mit seinen Stürmen und Strömen, wie geschrieben steht: jn sSö m«n zb oai Und auch das Herz der Menschenkinder ist voll des Bösen. Es lockt und lächelt, es ruft und reizt, es stammelt und stürmt, und die Menschenkinder folgen seinen Klippen und Klüften, seinen Tiefen und Tücken. Da ist der Starke und der Schwache, der von der Gunst des Geschickes Verwöhnte und Verweichlichte, der Leiddurchfurchte und von allen milden Boten des Himmels Vergessene, der Jüngling und der Greis, der Herr und der Diener, Mann und Weib. Allen wirft die Religion ihr Rettungsseil nach, daß sie gleichsam zu einem letzten Kampfe mit den dunklen Gewalten ausholen und sich zurückfind m zu dem Hort des Hohe« und Heiligen, zu dem Vater in den lichtumfloffenen Höhen, der iHnen ja auch den Keim des Guten ins Herz gepflanzt hat. Was das für ein Rettungsseil ist, das die Religion dem im sittlichen Kampfe Erschöpften zuwirft? Wir haben heute in der Heiligen Schrift davon gelesen, und wir sprechen das Verlesene zweimal täglich im Gebete nach. Ein kraftvoller Beweis seiner Bedeutung und Wichtigkeit für's Leben. Es ist das Gebot der Schaufäden, genannt: Meine andächtigen Zuhörer! Wir haben nach dem bewährten Muster unserer alten Weisen das Gebot der Schaufäden, auch nx'x, ein Rettungsseil der Religion genannt, welches sie dem mit den Versuchungen seines Herzens rastlos Ringenden zuwirft, damit er nicht untergehe im Meere der Sünde. Nicht weil die Schaufäden, welche die Kinder Israels an . den vier Enden ihrer Kleider tragen sollten, eben Fäden sind und eine sinnenfällige Verbindung zwischen dem Netter in den Höhen und dem Bedrohten in den Tiefen veranschaulichen. Nein, weil uns das Gebot der Schaufäden nicht wie andere Gebote auch als ein heiliger, unerforschlicher Wille, ohne faßlichen Grund für den Menschenverstand überliefert wurde; weil uns hier klar und deutlich Zweck und Bestimmung des Gebotes mitgeteilt wird, wie geschrieben steht: DiTt*3n rii,T n/nsn Dn'ioi dd1? D3*ry 'NN81 2333^ nnx rwin 8^1 onx Die Schaufäden seien euch zu dem Zwecke, daß ihr sie sehet und euch Erinnert aller Gebote des Ewigen und sie ausübet und daß ihr nicht uachgehet euerem Herzen und eueren Augen. Herz und Augen sind die Vermittler der Sünde; das Herz erfindet sie, die Augen erspähen sie, und der Mensch begehrt sie. Der Mensch soll sich aber nicht betören lassen von seinem Herzen; er soll sich nicht einfangen lassen von seinen Augen. Er soll ankämpfen gegen die Sünde, wie der kühne Schwimmer gegen Wind und Wellen ankämpft mit allen Künsten und Kräften. Die Religion kommt ihm zuhilfe und wirft ihm ihr Rettungsseil. nach. So greif' doch, Israelit, nach dem Rettungsseil, das deine Religion in ihrer Güte dir zuwirft; so greis' doch nach den Schaufäden mit der himmelblauen Schnur, und du erinnerst dich des Himmels und dessen, der über ihm thront, und es siegt der Mensch über das Tier in dir, das Ewige über das Irdische, das Heilige über das Gemeine, wie geschrieben steht: ii2w fyö1? onjHp Dn”m 'mao'fwnK Die Schaufäden seien euch zu dem Zwecke, daß ihr euch erinnert aller meiner Gebote und sie ausübet und daß ihr heilig bleibet euerem Gotte. Doch, du greifst ja nach dem Erinnerungszeichen, so oft du morgens im Gebete zu der Stelle gelangst: D3*? rrm Und das sei euch zu Schaufäden. Du suchst ja die Schaufäden zusammen an den vier Ecken des Gewandes, mit dem du dich hier, in diesem Hause, vor deinem Gott bekleidest. Mein lieber Bruder! Hier, in diesem Hause, vor deinem Gotte — so dachte schon vor fast tausend Jahren einer der schärfsten jüdischen Denker — hier, in diesem Hause, vor deinem Gotte — so sagte schon Abraham ibn Esra — da brauchst du am allerwenigsten die Schaufäden, daß sie dich abhalten von der Sünde; hier in diesen geweihten Hallen ist kein Platz für die Sünde. Draußen, wo der Strom des Lebens mächtig flutet und sein gefährlich Spiel mit dir treibt, dich bald hierher wirft, bald dorthin verschlägt; draußen, wo die Sünde vor der Türe lagert und lauert und tausend Schlingen und Fallen deinem Fuße legt; draußen, wo das Blut dir kochend durch die Adern rast, die Pulse hämmern und fliegen, das Herz klopft und klopft, daß es dir den Atem benimmt, die Sinne berauscht, den Geist berückt: Da, da greif nach den Schaufäden, daß du dich erinnerst deines Gottes und seiner Gebote — und die Sünde zieht an dir vorüber. Erst wenn dein Herz zu pochen aufgehört hat, wenn dein Blut stille hält und deine Pulse ruhen; erst wenn sie dir das Kleid, in das du dich hier, in