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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-30 · 31 (30.7.1909) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
31 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 31 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 535 Leiden der Emigranten. New-Aork, 8. Juli. U In der Einwanderungsstation Ellis Island, dem ameri-8 konischen Haupteingangstor für die Einwanderer, weht seitÄ kurzem, seit dem Amtsantritt des Einwanderungskommissärs^ William Williams, ein scharfer Wind. Die Zurückweisungen der Ankömmlinge aus Europa mehren sich erschreckend, ebenso die Zahl derjenigen, die aus nichtigsten Gründen von den Einwanderungsbehörden „detiniert", das heißt in der Einwanderungsstation zurückgehalten werden und über deren Landung langwierige Verhandlungen vor dem sogenannten Jnquifitionsausschuß gepflogen werden. In dem kurzen Zeitraum vom 26. Juni bis einschließlich 7. Juli wurde der Rücktransport von 668 Personen, die die Reise über den Ozean unternommen hatten, nach deren Heimatsland verfügt. In fast allen Fällen erfolgte der Rücktransport auf Grund eines vor etwa zwei Wochen ergangenen Ukas des Kommissärs Williams, daß Auswanderer nur dann willkommen sind, wenn sie über mindestens 25 Dollar (125 Kronen) Bargeld und, sofern New-Aork nicht ihr Ziel ist, außerdem über das erforderliche Reisegeld bis zu ihrem Bestimmungsort verfügen. Die Wirkungen der Verfügung find um so härter, als die bis jetzt davon Betroffenen beim Verlassen ihrer Heimat von der im Emwanderungsgesetz nicht vorgesehenen Bestimmung keine Kenntnis haben konnten. In welcher verzweifelten Lage die Auswanderer find, die in der Heimat ihr gesamtes Hab und Gnt verschleudert haben und sich nun durch den Willkürakt des Einwanderungskommissärs Williams in ihrer letzten Hoffnung getäuscht sehen, erhellt am besten aus den Briefen, die diese Aermsten an ihre Freunde oder an Zeitungen gerichtet haben. Einer der Briefe, der die Situation besonders grell beleuchtet und in dem im jüdischen Jargon erscheinenden Parteiblatt „Vorwärts" abgedruckt war, lautet im wesentlichen: Wir, Ihre unglücklichen Brüder, die wir augenblicklich auf Ellis Island zwecks Deportation zurückgehalten werden, bitten Sie, unseren Brief zu -veröffentlichen-,' damit unsere-Brüder in Amerika erfahren, was wir hier zu leiden haben. Es sind hier Leute aller Nationalitäten, die meisten russische Juden. Viele können aus politischen Gründen nicht nach Rußland zurückkehren. Viele Familien haben auch ihr ganzes Hab und Gut in der alten Heimat verkauft, um damit die Ueberfahrt nach den Vereinigten Staaten zu zahlen. Sie sind jetzt ohne Mittel an ihren Gestaden gelandet, in der Erwartung, daß Freunde ihnen helfen würden, das Leben in diesem Lande neu zu beginnen. Niemand weiß besser als der ruffische Jude, welche Leiden der Einwanderer erdulden muß, bevor er du, hiesigen Boden sicher betreten kann. Zunächst muß er sich unter steter Gefahr der Verhaftung und durch Bestechung über die Grenze schmuggeln. Dann gibt es noch einige Tage Elend in einer Hafenstadt, bevor er an Bord des Schiffes gehen kann. Die Leiden des unbemittelten Zwischendeckpaffagiers sind zu bekannt, um einer Schilderung zu bedürfen. Und nun, im Begriff, hier zu landen, sehen wir uns unerwa.tet folgender Ordre gegenüber: Fünfundzwanzig Dollars in bar oder dahin zurück, woher ihr gekommen! Hätten wir dies vorher gewußt, wir hätten es wohl auf die eine oder andere Weise ermöglichen können, die verlangten fünfundzwanzig Dollar zusammenzuscharren. „Die Lage in diesem unseren Gefängnis (auf Ellis Island) zu beschreibenist beinahe unmöglich. Aber einzelnes müssen wir Ihnen doch Mitteilen. Wir sind alle zusammengesperrt in einem Raume, der bestenfalls zweihundert Menschen faßt. Augenblicklich sind annähernd tausend darin untergebracht. Es ist so eng, daß wir kaum Platz genug zum Niederlegen haben, um ein Weilchen der Ruhe zu pflegen. Der Fußboden ist feucht, schmutzig und mit Auswurf bedeckt. Diejenigen, die am längsten hier sind, konnten nicht einmal ihre Wasche wechseln, weil wir nicht an unser Gepäck herankönnen. Irgendwo in dem Saale hört man fortwährendes Weinen. Das Weinen und Wehklagen der Frauen und Kinder in dem benachbarten Raume können gewöhnliche Nerven kaum aushalten. Detinierte Väter können ihre Frauen und Kinder nur aus der Entfernung sehen. Untersteht sich jemand, während der Mahlzeiten mit feinen Lieben zu sprechen, so erinnert ihn ein grober Befehl oder noch Schlimmeres, daß er immer noch ziemlich weit vom freien Amerika entfernt ist. Wir hatten am 4. Juli, dem Tage der Feier der Unabhängigkeit Amerikas, einen Tag der Ruhe. Heute, am 5. Juli, werden wieder viele zur Schlachtbank geführt. Und werweiß, wie viele Menschenleben das kosten wird? Eine ganze Anzahl hat offen erklärt, daß sie, sobald sie in sicherer Entfernung vom Lande sein würden, über Bord springen werden. Lieber den Tod auf der See als die Tortur in Rußland! Dieser Brief ist unterzeichnet von vielen Einwanderern, die noch die Kraft hab:n, eine Feder zu führen. Viele sind derart schwach, daß es beinahe zu schwer für sie ist, ihn zu unterschreiben. Diese Zeilen sind von einem Einwanderer namens Alexander Rudnow geschrieben, »einem Studenten der Petersburger Universität. „Frauen können den »Brief nicht unterschreiben, weil es uns nicht erlaubt ist, sie zu sehen." SEs folgen dann sechsundneunzig Unterschriften. 8 Aehnliche Briefe von Deutschen und Oesterreichern, denen '.'es ebenso wie den Russen erging» hat die „New-Iorker Staats»; zeitung" während der letzten Tage wiederholt veröffentlicht: Dieser ^Derzweiflungsschrei veranlaßte die Blätter zu energischen Protesteü gegen diese einer angeblich freien Republik unwürdige Barbarei. Massenproteste gegen den Einwanderungskommissar Williams. Am 10. Juli fand in Newyork eine von.der „Amerikanisch-jüdischen Gesellschaft zur Regulierung der Einwanderung" veranstaltete Konferenz statt, an welcher 50 verschiedene Organisationen, sowie zahlreiche hervorragende Privatpersonen teilnahmen. Sämtliche Redner verurteilten in scharfen Reden die emigrantenfeindliche Haltung des neuen Einwanderungskommissärs, faßten einstimmig eine Protestresolution gegen Williams und wählten ein zehngliedriges Komitee, das den Kampf gegen das ungesetzliche Verhalten der Einwanderungsbehörde aufnehmen soll. Das Komitee wird sich zunächst mit den Emigrationsorganisationen anderer Nationalitäten, sowie mit den bekannter: Freunden einer Liberalen Einwanderungspolitik ins Einvernehmen setzen, um den Kampf gemeinsam zu führen. Erleichterungen für Auswanderer über Galveston. Wie uns aus Kiew geschrieben wird, hat das dortige Informationsbureau für jüdische Auswanderer aus Newyork die telegraphische Mitteilung erhalten, daß die neue Forderung der amerikanischen Einwanderungsbehörden, wonach jeder Einwanderer bei seiner Landung den Besitz von 25 Dollars in Barem Nachweisen müsse, sich auf solche Emigranten bezieht, welche durch die Kiewer Gesellschaft nach den südwestlichen Staaten über Galveston befördert werden. Diese Auswanderer sind von dem erwähnten Nachweise befreit. Prozeß der Ica gegen jüdische Kolonisten. Wie der Petersburger „Fraind" meldet, hat die Verwaltung der Ica gegen 50 jüdische Kolonisten aus dem Chersoner Gouvernement, die seit fünf Iahren mit ihren Zahlungen an die Ica im Rückstände sind, die Zivilklage überreicht. Die Verhandlung wird in nächster Zeit stallfinden. Man sieht der Gerichtsverhandlung in den beteiligten Kreisen mit großer Spannung entgegen, da ihr Ausgang für die Haltung der Ica den Kolonisten gegenüber prinzipielle Bedeutung besitzen wird. Vermischtes. Wien. (Verlobung.) Dr. Ernst Bettelheim' k. k. Bezirksrichter, Sohn des Herrn Gottlieb Bettelheim, Präsident des Tempelvereines des IX. Bezirkes, hat sich mit Fräulein Elly Brukner, Tochter der Frau Alice Brukner, verlobt. Wien. (V e r l o b u n g.) Herr Dr. Hans Gideon H e y m a n n hat sich mit Frl. Lotte K r e m e n e z k y, der Tochter des Herrn Johann Kremenezky, Mitglied des Großen A. C., verlobt. Wien. (Vermählung.) Mittwoch den 4. August d. I. findet in Baden bei Wien die Vermählung des Herrn Rabbiner Dr. Markus B r a u d e, Mitglied des Großen A. C., mit Frl. Nelly B u b e r statt. Herr Dr. Brande ist an Stelle des zurückgetretenen Dr. I e l s k i zum Prediger in Lodz ernannt worden. Wien. Sonntag den 1. August, halb 2 Uhr, findet im Gemeindetempel, XVIII., Schopenhauerstraße 39, die Trauung des Fräulein Johanna Weiß, Tochter des Religionslehrers Herrn Simon Weiß, mit Herrn Max Kohn statt.

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