Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 31 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 539 „Iewish Literaluv and other Essays". Philadelphia. „Eichendorffs Werke" und „Lenaus Werke" erschienen Leipzig, „A Sketch of Iewish History", Philadelphia, beide 1897. 1898 übergab er sein „Literarisches Wanderbuch", Berlin, der Öffentlichkeit. „Heinrich Heines Autobiographie", Wien, 1899 „Heinrich Heine, aus seinem Leben und aus seiner Zeit". Leipzig, und 1902 „Heinrich Heines gesammelte Werke", ib. Seit jener Zeit beschäftigte er sich nur noch mit der Neuauflage seiner „Geschichte der jüdischen Literatur", wobei ihm die Ausarbeitung des Inder, welchem er diesmal ganz besondere Aufmerksamkeit schenkte, derart anstrengte, daß er sich öfters überanstrengte, bis er ihn im September des Vorjahres endlich vollendete. In den ersten Tagen des April unternahm er eine Reise nach Rom, und wie er mir brieflich mitteilte, beschäftigte er sich in der letzten Zeit mit der neuesten Geschichte der Juden in Italien. Leider hat es das Schicksal anders gewollt, ich weih nicht, was er von dieser Arbeit bereits gesammelt und gesichtet hat. Mehr noch als durch sein literarisches Schaffen hat sich Karpeles bei den jüngeren Vertretern der jüdischen Wissenschaft aus seiner alten Heimat ein ewiges lebendiges Denkmal gesetzt. s'NINDv t6-i pam by ban * . * * Die Bestattung von Dr. Gustav K a r p e l e s versammelte am Sonntag Mittag die angesehensten und vornehmsten Vertreter der jüdischen Gemeinde, so weit sie um diese Zeit noch in Berlin sind, die Vertreter der Literatur und Wissenschaft auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee. Wir sahen u. A. Geheimrat I. Loewe, Ge^eimrat Prof. Dr. Geiger. Rudolf Masse. Prof. Dr. Martin Phil'pson, den Direktor des städtischen Pfandbriefamts Dr. G. Minden, die Rabbiner der jüdischen Gemeinde, eine Anzahl unserer Dozenten und Schriftsteller. Der akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur batte seine Chargierten mit der Fahne entsandt. Eine stattliche Anzahl , von zum Teil aus - weiter Ferne- . hergekomnwnen; Verwandten imb von Freunden umgab die trauernde Witwe. Nach einleitendem Gesang widmete der aus Westerland herbekgeeilte Rabbiner der Reformgemeinde, Dr. M. Lewin, dem b-imqegangenen Freunde in tiefer Ergriffenheit eine warmherzige Würdigung, die sowohl dem fruchtbaren Schriftsteller, dem unermüdlich forschenden Gelehrten, wie insbesondere dem Freunde gerecht wurde Wie er die hohen Verdienste des Heimgegangenen um die geistige Hebung des Judentums würdigte, kennzeichnete er fein des Heimgegangenen persönliche Stellung, den poetische Pietät da« Althergebrachte lieben und kl"re Erkenntnis doch die fortschrittliche Weiterentwicklung fördern ließ. Im Namen des von Karp-les gegründeten Vereines für jüdische Geschichte und Literatur widmete Prof. Dr. Martin Philipson dem entschlafenen Freunde einen gehaltvollen und herzlich enlpfundenen Nachruf. Als Sohn des unvergessenen, in so großem Ansehen und Andenken stehenden Begründers der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" pries er Karpeles insbesondere als den würdigen und berufenen Nachfolger seines Vaters. Im Namen der Bne Brith-Logen feierte Sanitätsrat Dr. Maretzki den Dahwgeschiedenen als den Träger und würdigen erfolgreichen Apostel der großen ethischen und sozialen Ideen. Namens der Freunde widmete I. Landau dem Dahingeschiedenen herzliche Worte. Im Namen des Akademischen Vereines für jüdische Geschichte und Literatur würdigte Dr. Lipschitz die Verdienste des dahingegangenen Ehrenmitgliedes. Unter erneutem Gesang wurde der blumenüberdeckte Sarg — eine Anzahl unserer vornehmsten Vereine hatte gleich so vielen Angehörigen unserer besten Gesellschaft wie unseres Schrifttums Kränze gesandt — nach der naben Grabstelle in der Ehrenreihe des israelitischen Friedhofes gebracht und unter Gebet zur Ruhe bestattet. Hier ist er neben Prof. Oppert. dem berühmten Orientalisten, und nahe bei Karl Emil Franzos gebettet, mit dem ihm im Leben Freundschaft verbunden hat. Langsam zerstreute sich die Versammlung, die in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer Stimmung Zeugnis von der ungewöhnlichen Geltung und Beliebtheit des Entschlafenen ab'egte. Vom Jahrmarkt des Lebens. Detlev v. Liliencron und die russische« Juden. (Eine persönliche Erinnerung von Oberkantor S. Singer, Kattowitz.) Im Momente, als der große deutsche Dichter zu Grabe getragen wird, dürfte es nicht ohne Bedeutung sein, zu erfahren, daß Liliencron ein außerordentliches Interesse für den Kultus der Juden, sowie für ihre Sitten und Gebräuche bekundete. Im Spätherbste des Jahres 1902 beging das Komitee für Kunst und Wissenschaft des Vereines junger Kaufleute in Kattowitz die erste deutsche Lilien cron-Feier; mir wurde der ehrenvolle Auftrag zuteil, für diesen Abend 4 Dichtungen des Meisters aus den lyrischen Stücken in Musik zu setzen und vorzutragen. Der Vortragsabend, wie das folgende Bankett brachte mich dem Dichter näher und in eindringlichster Weise bat er mich, ihn am folgenden Morgen in die imposante Synagoge zu führen und einige „der schwermütigen jüdischen Weisen" zu fingen; ich kam seinem Wunsche nach, mußte ihm aber noch manches aus dem Kultus erklären und ganz besonders die Einteilung der Wochenabschnitte an der Hand einer Sefer- Thora; voll Bewunderung verließ er die Synagoge mit den Worten: „Ja die Juden mit ihrer 5000jährigen Kultur". Seinem sehnlichsten Wunsche, russisches Gebiet zu betreten und das Ghetto von Sosnowitz zu sehen, konnten wir durch das Entgegenkommen der Polizeibehörde entsprechen, da die Beschaffung eines Halbpaffes Schwierigkeiten bereitete; als wir russisches Gebiet jenseits der Dzemsa betraten, war der Dichter förmlich erregt: „Endlich einmal im großen heiligen Rußland" rief er aus. Doch schon die Ankunft in Sosnowitz befremdete ihn; die Unzahl von Kosaken, Polizisten, Zollbeamten und Dienern in Uniform auf dem Bahnhofe, die unsere Päffe lange prüften und die Namen zum Teile ganz entstellt riefen, machten ihm viel Spaß; entsetzt war er über den Zustand der Straßen, als wir durch endlose Pfützen watend, über Gruben springend und vom hohen Trottoir auf den Fahrweg kletternd endlich ins Judenviertel kamen. Hier aber bewunderte er wieder alles; die rotbärtigen jüdischen Charakterköpfe feffelten ihn oft lange und entlockten ihm stets einen Vergleich mit Rembrandt; ganz ausführlich mußten wir ihm die Sitte des Scheitel-Tragens bei den Frauen erklären: „Das ist sehr finnig, das ist ganz wunderbar". sagte er nachdenklich. Beim Scheiden am Abend versicherte er mir, daß diese Eindrücke für ihn unauslöschliche bleiben werden, und er beabsichtige in seinen nächsten Arbeiten unbedingt darüber etwas zu bringen; als meine Liliencron-Lieder vor einiger Zeit in Leipzig gedruckt wurden und ich dem Dichter die ersten Exemplare schickte, erhielt ich die letzte Kunde von ihm; nebst einigen herzlichen Zeilen, ein Bild mit langer Widmung, das nach seiner Unterschrift noch die Anmerkung trägt „in Rußland Grotesk-Springer"; er hatte den Ausflug nach Sosnowitz nicht vergessen. Die Sichtung seines Nachlasses durch Rich. Dehmel wird beweisen, ob er auch der anderen Eindrücke gedacht hat. Baden, 25. Juli 1909. Ein Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. Vom Komitee zur Vorbereitung eines hebräischen Kongresses geht uns folgende Zuschrift zu: Nach einem tan währenden Stillstand in den Lebensänßerungen der hebräischen Sprache haben die das Judentum aufrüttelnden letzten Dezennien auch darin einen tiefwurzelnden und hochbedeutsamen Umschwung gebracht. Unsere Generation ist Zeugin dessen, wie aus demselben historischen Prozeß, der im jüdischen Leben ungeahnte Strebungen nach nationaler Regenerierung schafft, zugleich nicht nur eine umfangreiche und vielversprechende Literarur erwächst, sondern auch die hebräische Sprache frische Kräfte schöpft, um ans den jüdischen Organismus befruchtend zurückzuwirken. Noch sind es mühevolle Anfänge, tastende Versuche, in deren Dienst viele junge Talente ihre Individualität stellen, aber auch schon jetzt entwickelt sich neben einer allgemeinen hebräischen Presse, die allein Zehntausenden Juden die Güter des Geistes bringt und die jüdischen Volksinteressen konzentriert, neben einer im Aufblühen begriffenen Belletristik und einer auf alle Lebenswie Zeitprobleme reagierenden Publizistik ein ausgedehntes hebräisches Schulwesen, das hie und da in Osteuropa, namentlich aber in Palästina die Sprache der Väter zur Unterrichtssprache erhebt, weiter ausblldet und zu einem lebensfähigen Element adelt. Drüben im Osten gibt es schon ganze Scharen von Kindern, denen das Hebräische zur Muttersprache geworden, die im Hebräischen ihre psychische Vereinheitlichung stählen und auch in der Alltäglichkeit ihre Wiedergeburt voll erleben. Derselbe Orient kennt bereits ganze Gebiete, in denen die durch ihre Geburt sprachlich getrennten Judenteile natürlicherweise nur im Hebräischen ein Verständigungsmittel finden, und beweist mit zwingender Logik, daß die Sprache der Bibel mir ihren weiteren Formierungen das natürliche einigende Band der G.-