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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 622 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 30 Wiege unseres Kindes. Stundenlang lag ich davor, meine Tränen benetzten den Boden und dann lief ich fort, ohne zu wissen, wo ich ein Ziel finde, nur dem Jammer, mir selbst wollte ich entlaufen. In zerlumpten Kleidern, einem tierischen Instinkte folgend, drückte und wand ich mich über die Grenze, überall begleitet von dem Gespenste des Elends, das ich Tor vermeinte hinter mir zu lassen. Ich schloh die Augen, um nicht sehen zu müssen, hielt mir die Ohren zu, um nicht zu hören, und dieses wurde mir zum Fluche. In der fremden, weiten Welt, ohne diejenigen, für die ich atme, die Fleisch von meinem Fleische sind, welche Last ist mir das.Leben. In einer Zündholzfabrik fand ich Beschäftigung. Der Lohn ist ein kleiner. Schabbos arbeite ich nicht, und damals fühlte ich mich noch elender, noch einsamer. Und doch habe ich noch eine kleine Hoffnung, ein Schimmer nur, aber doch genug, daß ich nicht ganz erliege. Ich spare, ich geize mit der Zeit und mit dem Gelde. Bei jeder zurückgelegten kleinen Münze denke ich an das Lächeln meines Kindes, an dich, meine Mutter, und an dich, mein gutes Weib. Ich habe .ausgerechnet, wie viel ihr braucht, zum herüber zu kommen. Es ist viel, eine beinahe unerschwinglich hohe Summe, aber eine innere Stimme sagt mir: Gott wird helfen. Und so, nun schließe ich meinen Brief mit lausend, tausend Grützen und Küssen. Der Vater, der den Verlassenen .deisteht, möge euch aufrichten und uns noch in diesem Leben zusammenführen. Chajim Silberstein." Trübe brannte das Lämpchen. Kein Laut ward hörbar, nur die ruhigen Atemzüge des schlafenden Kindes und das leise Schluchzen der beiden Frauen. Literatur. Altjiidischc Sprichwörter. Vom Rabbiner I. Goldstei« in Nimburg (Böhmen). Der unter vorstehender Aufschrift in der Nummer vom 9. Juli d. I. in Dr. Blochs „Defterr. Wochenschrift" erschienene, höchst anziehend geschriebene Aufsatz hat mich umso mehr überrascht, als ich in der Mainummer der «Mitteilungen des israelitischen Landeslehrervereineö in Böhmen" einen ähnlichen Aufsatz erscheinen ließ. In den meisten, besonders in den älteren Kultusgemeinden . in Böhmen kursieren viele speziell jüdische Sprichwörter und Redensarten, die alle dem Untergange verfallen sind, wenn nicht in letzter Stunde sich Jemand finden würde, der diese Sprichwörter sammelt, sichtet und der Nachwelt übermittelt. Diese Sprichwörter enthalten eine Fundgrube gesunder Lebensanschauung, eines treffenden Witzes und eines oft äußerst humoristischen Wortspieles. In früheren Jahren wurden diese Sprichwörter ohne weitere Erklärung gegeben und auch sofort verstanden. Etwas anderes aber ist es mit der Heranwachsenden zweiten und dritten Generation. Diese leben unter ganz anderen Verhältniffen, genießen eine ganz andere Erziehung, so daß diese Sprichwörter ohne genügende Erklärungen ihnen ganz unverständlich bleiben müßten. Ich will es versuchen, eine kleine, sehr beschränkte Auslese solcher Sprichwörter zu geben und bin fest überzeugt, daß in jeder Gemeinde eine ganze Reihe solcher und ähnlicher Sprichwörter gang und gäbe waren: 1. Wer sich schämt zu effen und zu oren (orare), der ist in der ganzen Welt verloren. (Die altjüdische Gastfreundschaft beschränkte sich nicht darauf, den Orach zu Tische zu laden, sondern sie verehrte auch in der Regel das Llesumen beuaobsu demselben. War der Orach aber ein Am haarez Ignorant, so schlug er lieber die Einladung aus, um nicht zum Benschen aufgefordert zu werden.) 8. Alles soll man kennen. Nichts soll man brauchen. 3. Eine Gans, die Haman klopfen, Ein Kalb, das Akdomos singen hört. Sind Beide nicht viel wert. (Soviel als alles zu seiner Zeit; vielleicht auch ein Hinweis auf die Schonzeit?) 4. Ein Chilaf (Wechsel) ist ein Chalif (Schlachtmesser). (Warnung vor dem leichtsinnigen Ausstellen eines Wechsels.) . 5. Purim ist kein Jontof, Kadachas ist keine Kränk! 6. Wenn Gott will, ist alles leicht, sagt der Dorfgeher, der am Abend den leeren Sack in die Stubenecke wirft. “idiö -|“rc b«in nruKi -pn •pies bv ernixm trun-n nin ' -fepäsy'ip rpv n n«n "Qi cnyitt1? mivn mrarc bib rn’böi ."QL mtoy. hbd rnonpa pKabi« p-prrc Das vorliegende 600 Seiten starke Werk ist eine reichhaltige Sammlung homiletischer Vorträge verschiedenen Inhaltes. Es umfaßt zunächst 290 Betrachtungen und Erläuterungen zu den 5 Büchern Moses, sodann 26 Abschnitte homiletischer Exegese zu den andern diversen Teilen der heiligen Schrift. Den Inhalt der übrigen 84 Abschnitte bilden Erklärungen zu den Sprüchen der Väter und verschiedenen agadischen Stellen anderer talmudischer Traktate, nebst dem Vortrage für die Festtage und Materialien für Gelegenheitsreden bei Hochzeiten re. Man mag über den exegetischen Wert des Magiduth, wie es hauptsächlich in Ungarn und in den östlichen Ländern gepflegt wird, denken wie man will, man wird ihm die ihm innewohnende religiös-erzieherische Kraft keinesfalls absprechen können. Uebrigens ist es auch nicht die Aufgabe der Predigt oder Derascha, einen streng wissenschaftlichen Vortrag zu bieten. Ihr Hauptzweck ist, bei den Zuhörern den religiösen Sinn zu wecken und zu erhalten. Wer einmal die Gelegenheit hatte, zu beobachten, wie vorzüglich in den orthodoxen Gemeinden am Sabbath die Synagogen vollgepfropft sind von Zuhörern und mit welch lebhaftem Interesse und großem Entzücken die Versammelten den Erklärungen von Bibelversen und den dazu zitierten Midraschstellen lauschen — besonders wenn der Redner oder sagen wir Darschan geschickt den Volkston zu treffen weiß — wird zugeben, daß der lebendige Sinn für Thora und Judentum, der noch in jenen Gemeinden vorherrscht, zum großen Teil auf diese von echter und inniger Religiosität getragenen Vorträge zurückzuführen ist. Nun, auch aus diesem uns vorliegenden Werke weht uns ein tief religiöser Geist entgegen. Der Verfasser versäumt es auch nicht, bei jeder Gelegenheit Streiflichter auf moderne Verhältnisse fallen zu lassen. Was aber noch besonders den Wert dieses Buches erhöht, das ist die anmutige Form, ein sehr leichtes, schönes Hebräisch, in der uns der Autor eine Fülle von Anregungen bietet. Dieses inhaltsreiche homiletische Werk ist besonders jungen Kanzelrednern zur Benützung zu empfehlen. Aber auch andere werden es nicht ohne Nutzen aus der Hand legen. Dr. G. R. "ia*D LQv mawn Halachische Respousen von weiland Oberrabbiner S. B. Schreiber in Preßburg. Herausgegeben von Oberrabbiner Akiba Schreiber in Preßburg. Verlag Josef Schlesinger, Wien, I., Seitenstettengaffe 5. Die Akklimatisierungsfähigkeit der Juden ist ein bekannter, charakteristischer Zug ihrer Geschichte. Sie äußert sich — in des Wortes ursprünglicher Bedeutung — in der beispiellosen geographischen Verbreitung der jüdischen Volksteile. In Kanada und in Australien, in China und in Sudan, auf jedem geographischen Längen- und Breitengrade sind sie zuhause. Und überallhin tragen sie etwas bezeichnend Jüdisches in das Milieu hinein, das eigentlich sie amalgamieren sollte. Schon dem alten guten Horaz war es zum Beispiel nicht recht, daß die Hebräer mit ihren prägnant ausgesprochenen Kehllauten dem Lateinischen eine jüdische Färbung geben. (Vor 2000 Jahren gab es nämlich schon einen lateinischen Jargon.) Heute wieder ist es Vielen nicht angenehm, daß die Presse, wenn auch in tadellosem Deutsch, eine jüdische Sprache führt. Und so reiht sich dieser eigentümliche Angliederungsprozeß durch die ganze Golusgeschichte des Judentumes. Natürlich laufen da vom Anbeginn zwei parallele Linien neben einander. Die eine führt von den Griechlingen über Philo zu Mendelssohn und seine im Aussterben begriffenen Schule herunter: die andere: von den pharisäischen Makkabäern über R. Jochanan ben Sakkai von Chasan Sofer zu S. R. Hirsch und seiner Schule. Beide wolltep affimilieren. Die erste wollte jüdische Griechen oder Deutsche „erzeugen"; letztere: griechische oder deutsche Juden „erziehen." Jenes bleibt für alle Zeiten komödienhafte Kunstproduktion, die stets auf die Lachmuskeln gewirkt hat; diese ist schwere, mühsame Erziehungs- und Entwicklungsarbeit, die, von ihren Erfolgen abgesehen, schon in ihrem Ernst achtunggebietend ist. Gleichgültig ist keine der beiden Richtungen an den Zeiterscheinungen vorübergegangen. Freilich wollten und wollen die Einen die Ewigkeit am kleinlichen Maßstab dieser Zeiterscheinungen messen. „Wie sehen die Zeitgenossen die Thora an?" ist ihre Sorge. Die Anderen begnügen sich damit, die Erscheinungen der Zeit vom Gesichtspunkte der Ewigkeit anzusehen. „Wie sieht die Thora die Zeit an?" ist ihre

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