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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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'/.r. 30 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 521 noch weher. Schreien, so wild wie es inwendig schreit, darf man ja nicht, kommt auch nichts davon heraus. Nur schön ruhig sein, denn sie muh arbeiten, arbeiten für ihr Kind, für die halbblinde alte Frau, die dort an der Tischecke sitzt, für — ]etue Mutter.-Sie sollen und dürfen nicht betteln. Die kleinen Lebkuchen, die sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend am Toreingang feilbietet, schützen vor dem Verhungern, Erfrieren. — Nur rasch, rasch, man mutz doch leben. Und Iochebed rührt die sützen Lebkuchen. „Drei Stück eine Kopeke." „Den Brief", kommt es heiser flüsternd von dem Munde der alten Frau. Sie war von ihrem Platze aufgestanden und stand jetzt dicht vor Iochebed. In der nächtlichen Stille klingt dieses Wort wie ein Wehruf, wie ein Mahnen an eine Schuld. Und die junge Frau, die trotz all' ihrer guten Vorsätze ihre Gedanken wie scheues Wild herumfliegen läßt, fährt erschrocken auf. „Ja, Mutter, gleich", sagt sie im sanften Tone, wie entschuldigend. Vorsichtig stellt sie die Schüssel auf eine neben dem Ofen befindliche hölzerne Bank und langt nach einem abgegriffenen Buche. Feige hatte sich zu ihrem Sessel zurückgetastet und sitzt da, die Hände übereinander gefaltet, das müde Haupt gebeugt, als horche sie fernen Tönen, melodischen, sützen, wohlbekannten. Iochebed hat einen Schemel zu ihren Fützen hingezogen und, nachdem sie ein kleines Lämpchen angezündet, sich darauf niedergelassen. Eine Weile herrschte wieder das vorige Schweigen im Zimmerchen. „Du liest noch immer nicht." „Ia, Mutter, gleich." Und Iochebed entnimmt dem Gebetbuche ein grotzes, in Briefform zusammengefaltetes Blatt, streicht sich mit der Linken über die trockenen Augen und beginnt zu lesen. Sie hält das Papier vor sich hin, ohne hinein zu hlicken liest sie. Weitz sie doch jedes Wort davon auswendig, jeden unscheinbaren Federzug. Seit drei Monaten ist er ihr Gebet, sie hütet ihn gleich einem Talisman, er ist der Quell ihrer unterdrückten Tränen. Feige hat sich nach vorne gebeugt, um so besser hören zu können. Auf ihren blassen, gefurchten Wangen erscheinen rote Flecke, um alsbald einer fahlen Blässe Platz zu machen. „Wie hohl doch Iochebeds Stimme klingt", klagt die Alte. „Noch einmal meine Tochter", bittet sie, „noch einmal". „Wie du willst", ist ihre ruhige Antwort, und sie fängt noch einmal an: „Meine gutes, meine teures Multerleben bis hundert Iahr! Heute sind es zehn Wochen geworden, daß ich von euch gegangen und ihr wisset nicht von mir ob ich lebe oder ob ich gestorben bin. Ich Hab' euch keinen Grutz, keine Nachricht schicken können. Erst Hab' ich nicht können, weil ich krank und elend war, krank am Körper und an der Seele. Und dann später Hab' ich nicht wollen, ist der böse Geist des Trotzes, der Gottlosigkeit über mich gekommen. Sollen sie zuhause glauben, datz ich gestorben bin, soll sich meine Mutter, mein Weib auf die Erde setzen und mich beweinen, sollen sie ihr Kleid zerreitzen, soll das erste Wort, das mein Kind lallen wird, ein Kaddisch sein, ich will für sie tot sein. — Wozu soll dir Mutter ein Sohn, der unfähig ist, dir auf deine alten Tage einen Bissen Brot zu geben. Was braucht Jochebed, mein über alles, alles geliebtes Weib, die es verdient hätte, in Seide und Sammet zu gehen, einen Mann, der ihr kaum die paar geflickten Lumpen bieten kann. Siehst du, Mutter, so hat dein Sohn gedacht, für den du mitten im Winter Berge überstiegen hast, mit dem Packen auf dem Rücken, um ihn lernen zu lassen, um aus ihm einen Menschen zu machen, der dich dann, als du seiner bedurftest, in bitterer Armut zurücklietz. — Aber ich bin nicht gestorben. Es gibt noch gute, kluge Menschen, die einem tief ins Herz hinein sehen können. Sie redeten za mir mit Geduld. Sie behandelten mich mit Nachsicht und Milde und nicht wie einen gottverlassenen Bösewicht. Sie sahen.den lauernden Wahnsinn, den bösen Geist, der mir immer zuraunte: „Es ist besser so. sie werden dich vergessen, dich nicht immer beweinen, lerne auch vergessen." Und gute Menschen heilten mein krankes Herz, bis ich einsehen lernte, datz ich auf dem Wege war. ein grotzer Sünder zu werden. Ich frage dich nicht. Mutier, ob du mir verzeihst, ob du deinem unglücklichen verzweifelnden ^>ohne vergibst, nein, dich frage ich nicht, fragt der Vogel, ob er in sein Nest zurückkehren darf? Aber sie, Iochebed, mein Weib, wird sie es auch können? Zehn Wochen sind es, datz ich euch verlassen, ohne Abschied, ohne auch nur mit einem Worte meine Absicht zu verraten. Nicht wahr, Mutter, du staunst noch jetzt, datz ich dies imstande war. Wie ich noch ganz klein war und ich dir wie drin eigener Schatten überall nachging, und dann, als ich herangewachsen, ich immer mit dir, neben dir war, wer hätte damals sagen dürfen, es wird eine Zeit kommen, wo dich dieser Sohn, der nur im Lichte deiner Liebe leben konnte, wie ein Dieb, ja, wie ein Dieb verlassen wird. Ich mutz innehalten im Schreiben, ich bin noch nicht gänzlich geheilt. And weitzt du, Mutter, der Schutz, den ich im Kampfe gegen die Gelben bekommen habe, erinnert mich noch manchmal, datz ich ein Untertan Väterchens bin. — Dein grotzer. starker Sohn, der mit Leichtigkeit die schwersten Lasten trug, ist oft so schwach, datz er nicht einmal mit den Zähnen knirschen kann. Mutterleben, mein gutes, gutes Mutierleben und du, mein über alles geliebtes Weib, ich bin sehr weit von euch. Erst trennten mich von euch nur viele hohe Berge und jetzt das Meer. Wenn ich sah, wie sich die Wellen türmten, dachte ich immer: die steigen auf und sinken zurück, von wo sie gekommen. Nur wenige Tage sind es. datz ich und noch einige Genossen, darunter Avrum Mojje aus Stirkovltke, m Amerika uns befinden. Avrum Mojse ist mit seinem Weib und seinen zwei Söhnen herübergekommen. Es sind tüchtige Menschen und stehen zu einander wie Blatt und Blume. Warum ich gerade dieses Beispiel wähle, vielleicht, weil ich mir selbst wie ein abgerissenes Blatt vorkomme. Sie sind arm, sehr arm, und doch reich in ihrer Liebe zu einander. — Wenn ihr auch hier wäret, uuo icy auch au eurem Anblick erwärmen könnte! O. mein gütiger Gott, kann dies noch sein, darf diese Hoffnung mich noch durchzittern! Warum ich so fort bin. weitz ich heute schon selber nicht. Auch weitz ich nicht, warum ich mir diese unerhörte, furchtbare Selbstqual auferlegt habe. Ich habe euch leiden, euch hungern gesehen. Tropfenweise hätte ich mein Blut hergegeben, um damit ihr leben, nur notdürftig leben könnet. Was habe ich nicht alles versucht, vergebens, alles vergebens. Der wahnwitzige Gedanke, euch eurem Geschicke zu überlassen, hat mich überkommen, als man uns aus dem Dorfe hinausgetrieben. In der grotzen Stadt, ohne schützendes Dach die wenigen Habseligkeiten. ohne Hoffnung auf einen Erwerb, du, meine Mutier, dem Erblinden nahe, — Weib und Kind vor dem Verhungern,-— wie leicht hatte es der Böse mit mir. Mein treues, gutes Weib, wie viele Tränen sah ich dich heimlich vergietzen. Wenn ich abends, von meinem vergeblichen Herumlaufen nach Arbeit in die armselige Hütte kam, wenn ich sah, wie das hilflose Kind an deiner ausgetrockneten Brust Nahrung suchte und keine fand und du lieblich und tröstend zu mir sprachst, du. die zarte, schwache Frau, den starken Mann aufrichtend. Wo finde ich Worte, meinen Schmerz, meine Beschämung auszudrücken. Der Kampf, den ich kämpfte, war furchtbar. — Es trieb mich auf von meinem Lager, hinaus in die wütende Kälte und dann wieder zurück zu euch, zur

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