Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021849--18493-3043424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 517 waren am Schlüsse des Berichtsjahres 15.771 Seelen Ackerbaubevölker ung (zirka 2500 mehr als im Vorjahre), die 84.507 Hektar bearbeiten. Die Resultate ihrer Arbeit erlaubten ihnen nicht nur, sich zu ernähren, sondern auch noch Abzahlungen zu leisten. In 37 Schulen werden die 2529 Schulkinder der Kolonisten von 109 Lehrern unterrichtet — Auch die Kolonisation in Brasilien macht gute Fortschritte. Die Seelenzahl beträgt 327, die Bodensiäche 400 Hektaren. — Auch bei den in den Vereinigten Staaten und in Kanada eingewanderten Juden bemüht sich die ,Jca", sie einer Existenz, besonders der Landarbeit, zuzuführen. In den Vereinigten Staaten beschäftigen sich bereits 2000 jüdische Familien mit Ackerbau. Die 20 Kolonien in Palästina mit 6600 Seelen entwickeln sich gleichfalls günstig. — In Rumänien, wo den jüdischen Kindern säst alle öffentlichen Schulen verschloffen find, subventionierte die „Jca" 32 jüdische Schulen und in Rußland 50 jüdische Elementarschulen und 38 jüdische professionelle Schulen. Die in Rußland und in Galizien errichteten Leihkaffen wirken überaus segensreich. Der jüdische Canonieus. Ein interessanter Mann ist Ende vorigen Monates in Lyon zu Grabe getragen würden. Es ist dies der Canonieus Augustin Lemann, päpstlicher Prälat, Professor der Heiligen Schrift und der hebräischen Sprache an der katholischen Fakultät in Lyon. Der Verstorbene hatte eine interessante Lebensgeschichte. Am 18. Februar 1838 wurden in Dijon zwei Zwillingsbriider Achille und Eduard Lemann geboren. Früh verwaist, wurden die beiden Brüder von ihrem Onkel» der in Lyon wohnte, erzogen. Sie besuchten das Lyzeum, dessen vorzüglichste Schüler sie waren. Da hatte ein Vikar der Pfarre Saint-Nizaire ein Auge auf die beiden talentierten Waisenknaben geworfen und mit Hilfe zweier anderer Geistlicher gelang es ihm auch, die beiden im Alter von 18 Jahren zum Uebertritte zum Katholizismus zu bewegen. Der eine erhielt den Namen Augustin, der andere wurde Joseph benannt. Der Uebertritt, der trotz des Widerstandes der Familie durchgeführt wurde, hatte seinerzeit in Frankreich großes Aufsehen erregt. Als die jungen Leute großjährig wurden, bezogen sie beide das Seminar Saint-Sulpice und es ist interessant, daß die beiden Juden erst hier begannen, hebräisch zu lernen. Im Jahre 1878 wurde Augustin Lemann zum Professor für hebräische Sprache an der katholischen Universität Lyon ernannt, welche Stelle er bis zu seinem Tode innehatte. Canonicus Augustin hatte trotz seines guten Herzens unter der französischen Klerisei fast gar keinen Freund. Seine Berufskollegen konnten ihm seine jüdische Abstammung niemals vergessen. Es half auch nichts, daß er, in seiner bizarren Art, ultramontan bis zum Exzeß war, die Juden wegen ihres unbeugsamen Festhaltens an ihrer angestammten Religion geradezu verachtete; in den Augen der katholischen Geistlichkeit blieb Canonieus Augustin, sowie sein Bruder, der ihm in den Tod vorangegangen, der „jüdische Canon'cns". Juden als Förderer der Wissenschaft. Aus Paris wird uns geschrieben: M. Albert R a f) n, dessen Munifizenz die Pariser Universität schon so viel zu danken hat. hat nun eine neue Stiftung von besonderer Wichtigkeit ins Leben gerufen. Um Gelehrte aus allen Weltteilen, die sich durch irgend eine Entdeckung oder eine Originalarbeit ausgezeichnet haben, nach Paris zu bringen, oder französische Gelehrte zum Studium moderner Errungenschaften ins Ausland schicken zu können, stiftete M. Kahn für die ersten fünf Probejahre ein Subvention von 30.000 Francs jährlich. Der Senat der Universität hat diese hochherzige. Stiftung angenommen und M. Kahn mit einem besonders warm gehaltenen Dankschreiben ausgezeichnet. Amerikanische Juden in Paris. Anläßlich des amerikanischen Nationalfestes veranstaltete die amerikanische Handelskammer in Paris unter Vorsitz ihres Doyens Herrn William Selig mann einen Empfangsabend. Wie alljährlich ließ Herr Seligmann auch diesmal in seiner Festrede die Ereignisse des abgelaufenen Jahres Revue passieren und hob die Freiheit hervor, deren sich die Menschen in Amerika, ohne Rücksicht auf ihre Religion oder Nationalität, zu erfreuen hätten. Anknüpfend hieran sagte Herr Seligmann: „Hoffen wir, daß auch die christlichen Nationen, besonders diejenigen, die ihre Mitbürger wegen ihres Glaubensbekenntnisses verfolgen, unserem. Beispiele folgen werden. Ia, ich habe die Ueberzeugung, daß dieses Beispiel, dank dem Fortschritte der Freiheit und der Humanität, den keine menschliche Kraft aufzuhalten imstande ist, trotz des despotischen und rückständigen Fanatismus dennoch wird befolgt werden." Die Rede hat besonders mit Rücksicht auf den bevorstehenden Besuch des Zaren in Paris großes Aufsehen hervorgerufen. „Leider unmöglich... Selbst in den schlechtesten Zeiten wurden in Rußland die Gesetze gegen die Juden nicht mit solcher Strenge gehandhabt, wie jetzt, in den „ruhigen Zeiten". Ein neuerlicher krasser Fall wird im „Rjetsch" erzählt. Das Jekaterinoslawer Landwirtschaftliche Amt hat an die Studenten der Agronomie am Kiewer Polytechnikum die Einladung ergehen lassen, sich an praktischen Feldarbeilsübungen zu beteiligen. Unter den vom Rektorat nominierten Hörern befanden sich auch 10 jüdische Hörer. Da jedoch den Juden das Wohnen in Dörfern verboten ist, wandten sich die jüdischen Hörer an das Landwirtschaftliche Amt mit der Frage, ob sie auch an der Exkursion teilnehmen dürften. Die Antwort war eine ablehnende. Da es sich hier um besonders fleißige Hörer handelte, wandte sich der betreffende Professor selbst an den Leiter der Landwirtschaftlichen Anstalt mit dem Ersuchen, die jüdischen Hörer zur Arbeit zuzulassen, indem er hinzufügte, daß er für ihre Gewissenhaftigkeit und Wohlanständigkeit mit seiner ganzen Persönlichkeit hafte. Der Professor erhielt hierauf folgende Antwort: „Wir sind von der gewissenhaften Arbeit der jüdischen Studenten überzeugt, aber aus Gründen, die mit der Sache nicht Zusammenhängen, ist die Erfüllung ihres Wunsches — leider unmöglich." Dr. Riza Tewfik über den „Palästinenfismus". „Le Progrös de Salonigue" enthält eine Korrespondenz aus Smyrna, die nicht verfehlen wird, in den weitesten Kreisen der Iudenschaft berechtigtes Aufsehen zu erwecken. Mit Rücksicht auf ihre große Wichtigkeit geben wir die Korrespondenz hier in größerem Auszuge wieder: Die Delegation der türkischen Deputierten. 15 an der Zahl, die zum Besuche europäischer Parlamente ihre Auslandreise antrat, weilte hier zwei Tage. Die zionistische Gesellschaft „Ahavath Sion" bat das Mitglied der Delegation und Deputierten von Adrianopel. Dr. Riza Tewfik, ihnen in einem Vorträge Ansichten über den Zionismus zum besten zu geben. Dr. Tewfik sagte zu. und über 3000 Personen lauschten am anderen Tage den interessanten Ausführungen des einflußreichen Politikers. der vom Vorsitzenden, Abgeordneten von Smyrna, Mazliah E f f e n d i, mit folgenden charakteristischen Worten eingeführt wurde: „Ich stelle Ihnen den Philosophen Riza Tewfik vor, der die beste Zeit seines Lebens sozialen Studien gewidmet. Er wird Ihnen über Zionismus in spaniolischer Sprache sprechen. Dr. Riza Tewfik spricht mehrere Sprachen, die er in den — Gefängnissen erlernt hat." Hierauf hielt Dr. Tewfik den folgenden Vortrag: „Mein Kollege und Freund, Herr Mazliah, sagte Ihnen, daß ich mich für alle sozialen und Fragen der Nationalökonomie interessiere. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich stets dem Prinzipe huldigte, daß der Mensch vor allem alle seine moralischen und materiellen Kräfte der Hebung der Wohlfahrt seines Vaterlandes widmen müsse. Die Türkei hat es. wenigstens für eine Zeit noch, sehr nötig, daß alle ihre Bürger ihre ganze Aufmerksamkeit sozialen und wirtschaftlichen, nicht aber politischen Fragen zuwenden. Die Politik ist eine Kunst, die nicht jedermann auszuüben versteht. Im gegenwärtigen Mo-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.