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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 518 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 30 mente wäre es unklug, wenn die breite Volksmasse sich aktiv mit politischen Problemen befassen würde. Das hieße, sich ,>am Sabbath" mit Feuer spielen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, halte ich mich an das Prinzip, mich möglichst viel mit sozialen Fragen im allgemeinen und im besonderen mit sozialen Fragen zu beschäftigen, die direkt unser Land berühren. Schließlich sind die sozialen Fragen unseres Landes so zahlreich, datz. ich kann es ruhig sagen, wir uns in einem embarras du cliois befinden. Nehmen wir z. V. die Frage unserer Bevölkerung. Und wenn man von der Bevölkerung spricht, ist es unmöglich, den Zionismus zu übergehen, der jetzt auf der Tagesordnung steht. Sie werden es wahrscheinlich wissen, datz die sozialen Fragen in einem Lande nicht von selbst entstehen könnten, ohne datz daselbst gewisse Umstände und bestimmte Bedingungen bestünden, aus denen sie hervorgehen. Eine Frage wie der Zionismus kann nicht das Werk einer eraltierten Einbildungskraft sein, sie hat ihre Eristenzberechtigung; man kann nicht soziale Fragen schaffen, wie man eine Poesie schafft. Es wäre auch unklug, eine soziale Frage solcher Art zu schaffen. Ich halte es für eine patriotische Pflicht, die vitalen Interessen der israelitischen Gemeinschaft zu .schützen, der ich für die erste Erziehung, die sie mir geboten, zu ewigem Danke verpflichtet bin, einer Gemeinschaft, der ich durch Erinnerungen, die in meine erste Jugend zurückreichen, in aufrichtiger Freundschaft zugetan bin. Das sind lauter Gründe, für mich, die Gelegenheit wahrzunehmen, um hier meine Ansichten über eine Frage zu äuhern, welche die sonst so einige und solidarische jüdische Nation in zwei feindliche Lager spaltet. Ich glaube, datz ich mit der Aeußerung meiner Ansichten über den Zionismus Ihnen auch einen kleinen Dienst erweise. Bevor wir die Lösung einer Frage suchen, wird es gut sein, erst nach ihrem Entstehungsgrunde zu forschen. Indem wir die wahren Ursachen des Zionismus aufdecken, können wir 90 Prozent der Schwierigkeiten beseitigen, welche die Intelligenz von ihrem logischen Wege zur Lösung abwenden. Würde mir genügende Zeit zur Verfügung stehen, so wäre ich in der Lage, Ihnen mit historischen, sozialen und politischen Argumenten nachzuweisen, datz der Zionismus eine Folge der schlechten Behandlung ist, welche die unglückliche israelitische Nation seit etwa 3000 Jahren zu erleiden hat. Ich könnte Ihnen zeigen, wie die Kinder Israels, nachdem sie ihr Königreich, ihre politische Würde und ihre gouvernementale Autonomie verloren hatten, gezwungen waren, ihr Land zu verlassen, heilige Andenken zu bewahren, denen diese edle Nation ihre Existenz verdankt. Ich könnte Ihnen schließlich Nachweisen, daß, so oft eine Nation besiegt und niedergeschlagen wird von den anderen Nationen, die ihre Altäre zerstören, eine solche in ihrer Eigenliebe verletzte, ins Herz getroffene Nation sich stets im schrecklichen Zustande eines stechenden Heimwehs befindet. Der Vers: „Vergesse ich dein, o Jerusalem, verdorre meine Rechte", erklärt dieses Prinzip. Aber lassen wir diese philosophischen Auseinandersetzungen für ein anderesmal. Heute begnüge ich mich, Ihnen in kurzen und klaren Worten einige Grundgedanken zu sagen, die Sie in dem patriotischen Werke leiten sollen, das Sie Vorhaben. Ich werde Ihnen sagen, wie ich den Zionismus auffasse, denn, merken Sie wohl auf, ich bin Zionist, aber Zionist nach meiner Fasson. Hören Sie nun, wie ich den Zionismus verstehe, und wie ich ihn unter den gegenwärtigen sozialen und politischen Verhältnissen von allen jungen Leuten in der Türkei verstanden wissen möchte. Vor allem rate ich Ihnen, nicht aus Unkenntnis oder Mangel an Takt eine unglückliche Frage zu schaffen, aus welcher eine andere, noch viel unglücklichere Frage entstehen könnte: Die Iudenfrage! ... Sie dürfen niemals vergessen, daß der Zionismus nur einen Zweck hat: mit allen möglichen Mitteln alle nötigen Bedingungen zu schaffen für eine soziale und politische Hebung der großen Masse der israelitischen Nation, die unglücklicherweise nicht überall der Menschen- und Bürgerrechte hat teilhaftig werden können. Denn trotz der sogenannten europäischen Zivilisation werden zahlreiche Juden ungerechter- und unedlerweise überall, mit geringen Ausnahmen, wie z. V. in der Türkei (frenetischer Beifall) verfolgt. Die Bedingungen, unter denen die großen Volksmassen im Mittelalter gelebt haben» machten den Grundbesitz unmöglich: sie waren Sklaven, die Wasser und Blut schwitzten und den Boden zum Nutzen ihrer Herren bearbeiteten. Das Los der Juden konnte natürlicherweise nur ein schlechtes sein. Aber heute haben sich die Zeiten geändert und eine der ersten Bedingungen, diese armen Juden, die durch die ganze Welt herumirren, sozial- und moralisch zu heben, ist, sie in irgend einem Lande festzusetzen. Ich wünschte, daß dieses Land die Türkei sei (lebhafter Applaus, Rufe: Es lebe die Türkei!). und zwar: 1. weil wir immense, unkultivierte, aber fruchtbare Gebiete besitzen, 2. weil ich sicher bin, daß die Israeliten dieses schöne Land lieben, das ihnen gehörte, noch bevor es das unselige war, und 3. weil sie bei uns niemals in Massen mißhandelt wurden und weil sie heute noch besser empfangen würden als gestern, da sie nicht die Dummheit besitzen, eine idealistische Politik zu betreiben. Sie können eine große politische Nolle spielen, indem sie die Finanzpolitik in ihre Hände bekommen. Wenn die Zionisten praktisch und klug sind, stecken sie sich ein einziges Ziel vor: die Juden nach der Türkeizu ziehen! Hier ist das Land, das ihnen am meisten entsprechen kann, und ich bin überzeugt, daß die ottomanische Regierung sich dem niemals widersetzen wird. Aber man darf nicht vergessen, daß, wenn die Juden aus dem Zionismus eine sentimentale und poetische Politik machen, zu befürchten steht, daß dies der jüdischen Sache verhängnisvoll werden kann, indem es in der Türkei eine unglückliche Iudenfrage zeitigt, die das gerade Gegenteil von dem zur Folge haben müßte, was mit klügeren Mitteln hätte erreicht werden können. Es gibt viele junge Leute, die die sozialen Fragen stets von einem einzigen exklusiven Gesichtspunkte aus betrachten. Die Zionisten z. B., wenigstens ein Teil von Ihnen, wollen die Juden in Jerusalem zentralisieren, in der heiligen Stadt, die allen Nationen gehört und international bleiben wird, selbst dann, wenn die Türkei aufhören wird, zu existieren. Wozu also das allgemeine Mißtrauen erregen, wozu eine tiefgehende Feindschaft erwecken und überdies einschränkende Einwanderungsgesetze Hervorrufen und selbst einen Massenaufstand gegen die Juden herbeiführen?! Das wäre durchaus nicht politisch! Machen Sie Zionismus ohne Schwatzhaftigkeit, bilden Sie einige Einwanderungskomitees, etablieren Sije sich, Sie und Ihre Brüder in Anatolien und Mesopotamien! Wir Haben gute Arbeiter, anständige Menschen, die sich mehr mit Ackerbau abgeben, als mit revolutionärer Politik, auf daß sie unseren Boden erträgnisreich machen. Wissen Sie also, daß, wenn Sie den Zionismus so verstehen, die türkische Regierung Sie sicherlich unterstützen wird: werden Sie aber bloß die Zentralisation in Jerusalem als Ziel vorschreiben, so schaffen Sie eine Iudenfrage. Seien Sie also praktisch und. klug, denken

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