Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 816 Dr. Blochs WoKenfchrtst. Skr. 30 Verein gründen helfen. Auf dem Bundestage hat er scharf gegen die geplante Zwangsorganifation Stellung genommen. Zu diesem Punkte entspinnt sich eine lebhafte Debatte, an der der Vorsitzende und die Herren Dr. Reiniger, Fil. Hofbauer, Ardel, M. Klein, I. Klein, Neumann, Pappenheim und Andere teilnahmen. Folgende Resolution (Antrag Dr. Reiniger) wurde einstimmig angenommen: „Die Generalversammlung begrüßt es mit besonderer Freude, daß eine Organisation geschaffen werden soll, die alle Juden Oesterreichs ohne irgend einen Unterschied der Parteistellung umfassen kann, um die Interessen der Glaubensgenoffen in politischer und wirtschaftlicher Richtung mit Nachdruck allerorten zu vertreten. Aus diesem Grunde bedauert sie aufs lebhafteste die vom Allgemeinen Israel. Bundestage geplante zwangsweise Zusammenfassung der Kultusaemeinden, denen selbstverständlich auch die Lösung von religiösen Fragen zukommen muß. Hierdurch wird das ganze Werk illusorisch gemacht und muß Zwietracht in die Reihen ruhig nebeneinanderlebender Juden gebracht werden, da unvereinbare Gegensätze zusammengespannt werden müßten. Es muß dies notwendig zu einer Vergewaltigung der Minoritäten führen, was der Billigkeit und Zweckmäßigkeit widerspricht. In Erwägung aller dieser Umstände spricht die Generalversammlung den galizischen Gemeinden und den Vertretern der Orthodoxie auf dem Bundestage ihre volle Zustimmung und Anerkennung aus und ersucht dieselben, sowie den Vorstand des Vereins, auf dem eingeschlagenen Weg zu verharren und gegen die geplante Zwangsorganisation Stellung zu nehmen." Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Obmann Bernhard Hofbauer; Stellvertreter Abr. Fischer, Jos. Schaalmann; Kassier Emil Kritzler; Schriftführer Wolf Pappenheim, Dr. Js. Reiniger; Kontrolleure D. Robitsek, Elias Weiß. Ferner: Ph. Back, S.'B u ck>- w ald, Mor. Felsenburg, Sim. Hecht, Sam. Hirfch l, Ph. H o f b a u e r, Dr. S. K o r e i n, Ad. Lettner, Beruh. Schiff, Benj. Schreiber, Mor. Silb er stei n. Ein „Paradechrist". Der auf so tragische Weise in der vorigen Woche aus dem Leben geschiedene kais. Rat Herr Wolfbauer kann als ein Opfer feiner mannigfachen Ehrenstellen, die er in den verschiedenen industriellen und wirtschaftlichen Korporationen bekleidet hatte, bezeichnet werden. Es liegt uns fern, konfessionelle oder nationale Gegensätze in industriellen und rein wirtschaftlichen Institutionen zu propagieren. Wir sind uns der Tragweite solcher künstlich hervorgerufener Fragen in industriellen Vereinigungen vollkommen bewußt. Jndeß verlohnt es sich, den Ursachen nachzugehen, weshalb gerade Wolfbauer ausersehen war, alle nur möglichen, öffentlichen Funktionen zu übernehmen. Es ist nicht im Geringsten zu zweifeln, daß er ein integrer Charakter und ein wahrscheinlich ziemlich begabter Mensch war. Dies allein scheint denn doch nicht die einzige Veranlassung gewesen zu sein, gerade ihn an die Spitze aller kaufmännischen Institutionen zu stellen, denn es gibt noch Viele aus den Reihen der Wiener Kaufmannschaft, die über die angeführten Eigenschaften verfügen. Was ihn in den Augen seiner Berufskollegen als den Berufensten erscheinen ließ, ist ohne Zweifel feine Abstammung. Wolfbauer war Arier und als solcher muß er voran spazieren. Der „Verein reisender Kaufleute" und der „Verein für Kaufmännische Jntercffen" können, von einem ganz kleinen Bruchteil abgesehen, als ausschließlich jüdisch gelten, die jüdischen Mitglieder derselben scheinen sich leider selber als minderwertig zu betrachten und glauben immer gezwungen zu sein, einen „Paradegoj" zum Präsidenten zu wählen. Ein solcher „Paradegoj" war der eben durch Selbstmord geendete kaiserliche Rat W o l f b a u e r. Wir Juden, die mit Recht bei jeder Gelegenheit, wo es sich darum handelt, daß man unsere staatsrechtlich verbürgte Gleichheft, fei es bei den politischen oder kommunalen Behörden nicht anerkennen will, energisch protestieren, geben unseren Feinden selbst die Waffen in die Hand, wenn wir von Rechten, die uns zukommen, keinen Gebrauch machen. An der Spitze des „Vereines reisender Kaufleute" gehört ein reisender Kaufmann und kein Direktor eines schlecht verwalteten Lagerhauses, und nachdem der Verein mindestens fünfundsiebzig Perzent Juden zu seinen Mitgliedern zählt, so ist es nur selbstverständlich, daß es ein Jude sein soll, der dieses Amt bekleidet. Dasselbe gilt auch von dem „Verein für kaufmännische Interessen". Hätte man Wolfbauer nicht so viele Aemter übertragen, so hätte er mehr Zeit gefunden, sich feinem eigentlichen Berufe, nämlich der Verwaltung des Lagerhauses, zu widmen und es wäre schwerlich einem Beamten gelungen, jahrelang betrügerisch zu manipulieren. Die jüdischen Kaufleute und Industriellen mögen endlich einmal mehr Selbstbewußtsein bekommen und Vereinigungen, die sie gründen und erhalten, auch selbst verwalten. Es muß nicht, wie beispielsweise der Herr v. Schöller Präsident der Börse für Landesprodukte, gleichzeitig der Präsident der Wiener Handels¬ und Gewerbekammer fein, alles nur deshalb, weil er das Glück hatte, als Arier auf die Welt zu kommen. Die Aemterkumulierung rächt sich bitter an den Personen, die sie besitzen, und an den Institutionen, die von ihnen verwaltet werden. I. Grobtuch Der Stationsvorstand von Pisek. (Ein Beitrag zur Geschichte des Blutaberglaubens.) Pisek. Am 12. Juli fand bei dem hiesigen k. k. Bezirksgerichte die Schlußverhandlung gegen den Stationsvorstand Karl Sputa in Vlastic bei Pisek wegen Ehrenbeleidigung statt, begangen dadurch, daß er seinerzeit, wie berichtet, vom Herrn Ludwig König, Geschäftsmann in Oslov, das Gerücht verbreitete, letzterer hätte auf dem Bahnhofe ein Packet mit blutbefleckten Kinderlleidern zurückgelaffen, welche höchstwahrscheinlich einem aus der Gemeinde Tople verschwundenen fünfjährigen Knaben gehörten. Acht zu dieser Verhandlung erschienene Zeugen bestätigten unter Eid, daß Sputa sowohl im Gasthause wie in seinem Amtsbureau die Verdächtigung gegen Herrn König äußerte, dieser wäre im Besitze der blutbeflecketn Kleider des in Tople verloren gegangenen Kindes. Sputa machte auch hievon die Anzeige bei der Gendarmerie in Zabor und Pisek und erzählte hievon den Gästen im Gasthause der Frau Vojtikovü in Vlastic, ebenso befragte er diesbezüglich den Theologieprofeffor an der Lehrerbildungsanstalt in Soböslau, Herrn Mathias Lhotsky, welcher sich zufällig am 9. Juni d. I. anläßlich eines Ausfluges auf die Burg Zvikov mit seinen Schülern kurze Zeit auf dem Bahnhofe in Vlastic aufhielt, um Rat. Ueber den Umstand, wieso jene Kleider Blutflecke aufwiesen, gab der Buchbinder Johann Hofmann in Pisek verläßliche und genaue Aufklärung. Er bestätigte, daß heuer am 9. Juni Herr König aus Oslov in seinem Geschäfte ein Packet Radiergummi kaufte und ihn außerdem ersuchte, zwei Packete mit Fleisch und ein größeres Packet mit Kinderkleidern zu dem gekauften Packete Gummi beizupacken. Der Zeuge entsprach diesem Wunsche und verpackte dieselben in gewöhnliches Packpapier zu einem einzigen Packet, welches dann einem Kofferchen ähnlich war. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Zeuge, daß aus der Umhüllung des Packetes, welches ein Kilo Schöpsen- und eineinhalb Kilo Rindfleisch enthielt, Blut rieselte und die Kleidchen und das Hemd befleckte. Die Verhandlung währte den ganzen Vormittag, worauf der amtierende Bezirksrichter Herr Zimmermann das Urteil verkündete, nach welchem der Geklagte Karl Sputa des Vergehens gegen die Sicherheit der Ehre nach §8 487 und 401 St.-G. schuldig erkannt und zu einer Geldstrafe von 100 Kronen, bei deren eventuellen Uneinbringlichkeit zu 5 Tagen Arrest und Zahlung der Gerichtskosten verurteilt wurde. Den Privatkläger vertrat Herr JUDr. Leopold Bloch, den Angeklagten verteidigte Herr JUDr. Lad. Sebek, beide Advokaten aus Pisek. Paris. Die Generalversammlung der Jewish Colonization Association („Jca") fand hier am 11. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten M. N. Leven statt. Anwesend waren: Dr. I. Blau-Frankfurt, P. Errera, H. G. Lousada, Dr. A. Netter, C. Netter-Berlin, Fr. Philippson-Brüffel und S. Reinach; außerdem Direktor Sonnenfeld, Sekretär Schwarzfeld und Dr. Cazes. Dem vom Präsidenten erstatteten Jahresbericht sei folgendes entnommen: In den argentinischen Kolonien.