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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 514 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 30 rationellen „Methode" kommt die Leichtigkeit der Tongebung, der gleichmäßige Glanz der Lagen, die Sicherheit im Gebrauch der Stimme, schließlich auch die Dauerhaftigkeit und Unverwüstlichkeit des Materials. Lucille Marcel ist ein Gesangsnaturell, eine Sängerin von starker Persönlichkeit, sorgfältig gezügelter Eigenart. Ein Lied oder eine Arie „hinzulegen", wild hinauszuschmettern ist ihre Sache nicht. Die Klage der Tosca habe ich niemals größer und selbstloser gehört, als aus diesem Munde. Diese Stimme verändert sich im Augenblicke der Leidenschaft auch nicht um eine Schwebung. Der Ton bleibt voll, groß, rund, jede Phrase wird ruhig entwickelt, klingt aus, man merkt weder Mühe noch Arbeit. Das ist selten geworden, das führt gleichsam wieder in die Heimat des Gesanges zurück und knüpft an die berühmtesten Traditionen. Lucille Marcel ist eine Dame von Welt im besten Sinne des Wortes. Ihre Eltern stammen aus Odessa, gehören der starken, tapferen, aufopferungsfähigen Rasse der russischen Juden an. Verfolgt und verachtet, erneuern sich diese erzeptionellen Menschen immer wieder aus der Kraft ihrer Eigenart und erfreuen sich des dauerhaftesten Hasses im offiziellen Rußland. Aber Lucille ist in Rewyork geboren. Dort hat sie, früh begonnen, einen Gesangsmeister unbekannten Namens zum Lehrer gehabt. Von Rewyork kam sie nach Berlin, von Berlin nach Paris an die Komische Oper, wo sie die Mignon sang und ihre Kolleginnen bald verdunkelt. In Paris hörte sie Jean de Reszke; väterlich nahm sich dieser treffliche Meister ihrer an, bewog sie, verlockenden Anträgen gegenüber fest zu bleiben und an ihrer künstlerischen Entwicklung zu arbeiten. Seine Mühe, seine Voraussicht sind glänzend belohnt worden. Richard Strauß, der sie bei Reszke fand und von ihrem Material ebenso begeistert war. wie von ihren dramatischen Qualitäten, empfahl sie der Wiener Hofoper. Das war, glaube ich, bei allem Respekt für sein Können, bisher sein bestes Werk. Den großen Erfolg hat Lucille Marcel erst in Wien erlebt: dem Triumph als „Elektra" folgte die enthusiastische Aufnahme der Sängerin im Kongertsaale. Run bleibt sie in Wien, ist dem Institut auf sechs Jahre verpflichtet. Ihr Heim gleicht einem blühenden Garten; es fehlt nicht an Versicherungen glühender Verehrung, an Eastspielanträgen und natürlich auch nicht an großen amerikanischen Anerbietungen. Lächelnd schlägt die Marcel alle diese Dinge in den Wind. Ihre Dankbarkeit gegen Wien ist stärker, als die Versuchung, der Weltkarriere zuzustreben. Sie liebt diese Stadt, wie alle Fremden sie lieben, die den Geist und die Herzensgüte des kultivierten Wienertums im Innersten verstehen. Im Herbste werden wir sie in großen Soubrettenpartien hören. Als Mignon, als Margarete zunächst. Dann als Tosca. Die Direktion kann nun wieder daran denken, das Repertoire, das seit dem Abgänge der Renard verwaist liegt, auferstehen zu lassen. Es ist ein Glücksfall für die Hofoper, daß sie Lucille Marcel gefunden hat, und vielleicht auch ein Glücksfall für diese hochbegabte Schauspielerin und vollkommene Sängerin, daß es.ihr rechtzeitig erspart bleibt, von Ort zu Ort zu jagen und im Wanderleben die schönsten und wertvollsten künstlerischen Kräfte zu verbrauchen. Sie hat das Zeug, sich zur Primadonna von Weltruf zu entwickeln, ihr Name wird sicherlich Einmal neben den allerbesten genannt werden. Ich freue mich, schon heute davon zu sprechen, ihr auf diesem Wege für die köstlichen und erlesenen Augenblicke zu danken, die ihre reife Kunst uns allen bereitet hat. „Das Forum." Vom Aabrmarkt des Lebens. Dr. Gustav Karpeles gestorben. Aus Mannheim, 21. d., wird uns telegraphiert: „Der hervorragende Literarhistoriker Dr. Gustav Karpeles ist heute abends hier einem Herzschlage erlegen. Wie erinnerlich, hat Dr. Karpeles im November vorigen Jahres noch in voller Rüstigkeit seinen sechzigsten Geburtstag in Berlin gefeiert." Die „Oesterr. Wochenschrift" brachte damals zur Würdigung seines Wirkens einen besonderen Festartikel aus der Feder des Rabbiners Dr. Max G r u n w a l d. Durch seine „Geschichte der jüdischen Literatur" und durch die von ihm begründeten jüdischen Literaturvereine hat sich Dr. Gustav K a r p e l e s um das deutsche Judentum besonders verdient gemacht. Nicht minder als langjähriger Redakteur der bereits von Dr. Ludwig Philippsohn s. A. gegründeten „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Bei uns in Wien ist er durch seine interessanten und geistreichen Vorträge über „Humor bei den Juden" und „Heinrich Heine" in guter Erinnerung. Karpeles war einer der populärsten Heineforscher und er darf das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, daß er durch seine vielen, von unantastbarem Forscherernst getragenen Heineschriften das Interesse für den Dichter wachsen machte und allenthalben erstarken ließ. Seine allgemeine Geschichte der Literatur, seine Schrift „Goethe in Polen", über Lenau, sowie seine Geschichte der jüngsten Literatur zeugen von seinem reichen Wissen und seiner geistvollen Kritik. Er war aus Mähren gebürtig und war schon in sehr jungen Jahren literarisch tätig. Anfang der Siebziger-Jahre redigierte er in Breslau das Feuilleton der „Breslauer Zeitung" und kam von dort im Jahre 1877 nach Berlin, wo er in die Redaktion der „Berliner Zeitung" eintrat. Dr. Karpeles war auch der Erste, der auf die Bedeutung von Theodor Fontane und Wilhelm Raabe hingewiesen hat. Von seinen zahlreichen Werken seien noch erwähnt: eine Schrift über Ludwig Börne, Literaturbilder „Unter Palmen", Essays „Im Foyer", ein „Literarisches Wanderbuch", u. s. w. Das Fernbleiben der rumänischen Aerzte vom Internationalen Aerztekongreß in' Budapest. Budapest, 21. Juli. Wie die Blätter melden, haben die rumänischen Aerzte beschlossen, dem Sechzehnten internationalen medizinischen Kongreß in Budapest fernzubleiben. Ihren Entschluß begründen die rumänischen Aerzte in einem Zirkularschreiben an die Aerzteorganisationen. In diesem Schreiben heißt es: „Die rumänischen Aerzte schätzen die internationale Macht und Größe der Wissenschaft; sie fördert die Verbrüderung der Nationen, dient dem Frieden und schafft freundliche Beziehungen unter den Völkern. Internationale Kongresse haben aber Festlichkeiten im Gefolge, welche den Mitgliedern zu Ehren von den Bewohnern des Kongreßortes veranstaltet werden. Es wäre für rumänische Aerzte schmerzlich, Einladungen der Hauptstadt Budapest Folge zu leisten, da ein ungarisches Gericht eine Rumänin, Frau Anna Vlad, die Gattin des ungarischen Abgeordneten, zu einer Kerkerstrafe verurteilt hat; die Verurteilung erfolgte aus dem Grunde, weil Frau Vlad rumänischen Kindern in einer rumänischen Schule die Pflege der Muttersprache ans Herz gelegt habe. Frau Vlad hatte die Strafe nicht angetreten, da sie vom Kaiser und König begnadigt wurde. Doch ändert dieser Akt der Herrschergnade nichts an der Tatsache der Verurteilung; diese Verurteilung beweist vielmehr, daß in Ungarn den Rumänen Rechte genommen werden, welche jeder Mensch besitzt. Die rumänischen Aerzte werden deshalb an den Festen in Budapest nicht teilnehmen; sie bedauern es, daß es ihnen bei dieser Gelegenheit nicht möglich sein werde, Kollegen aus dem Auslande die Hand zu drücken und ihnen ein Rendezvous für den in drei Jahren folgenden Kongreß zu geben. Die Erklärung der rumänischen Aerzte ist unterzeichnet von Profeffor Babös, den

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