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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 513 wohnende Vertreter der Hilfsorganisationen in ununterbrochener Verbindung jntt Vertrauensmännern in allen rumänischen Städten für die Verbreitung verläßlicher Informationen sorgt. Anläßlich , der wiederholten großen Auswanderung in den verflossenen Jahren war das Hilfswerk so organisiert, daß viele Tausende von Personen in geordneten Gruppen^ jedesmal vorher der „Israelitischen Allianz in Wien" avisiert, aus Rumänien reisten, bei der Ankunft in Wien am Bahnhofe von unseren Beamten erwartet, verpflegt und innerhalb weniger Stunden (wenn nicht gerade ein Samstag eine Unterbrechung der Reise und längeren Aufenthalt in Wien nötig machte) unter telegraphischer Benachrichtigung des von uns subventionierten Auskunfts-Bureaus in Basel dorthin weiter expediert wurden, um von dort über Rotterdam oder Antwerpen nach den überseeischen, bereits vor der Abreise aus Rumänien festgesetzten Zielen befördert zu werden. Bei der Ankunft in Nordamerika, in Kanada, wie in Argentinien wirkt eine ganze Reihe von Empfangs- Komitees dahin, daß den unerfahrenen Personen in der neuen Heimat Auskunft, Rat und Schutz zuteil werde. In Newyork besteht eine jüdische Hilfsgesellschaft für Einwanderer (Hebrew Immigrant Aid Society), mit der wir, sowie die anderen europäischen Organisationen, in regelmäßiger Korrespondenz uns befinden und die ihrerseits mit Komitees und Vertrauensmännern in den meisten anderen amerikanischen Städten in Beziehung steht. Ein besonderes Komitee in Newyork Memoval Committee) unterstützt mit Rat und Tat diejenigen Personen, welche angesichts der ungeheuren Schwierigkeit, sich in dem von armen Juden überfüllten Newyork eine Existenz zu begründen, nach dem Innern des Landes weiterzureisen geneigt sind. Seit einiger Zeit erscheint in Newyork auch für die Einwanderer eine besondere, in jüdisch-deutscher Sprache mit hebräischen Lettern herausgegebene Zeitschrift, in welcher über das Leben in Amerika, die Erwerbsverhältnisse im allgemeinen, den Arbeitsmarkt in den verschiedenen Staaten der Union, die gemeinnützigen Anstalten usw., ausführliche Informationen erteilt werden. Es bleibt natürlich noch sehr viel zu tun übrig. Die bestehenden Einrichtungen können erweitert und ausgestaltet, die Komitees vermehrt, die erteilte moralische Hilfe hie und da wirksamer gemacht werden. Aber im großen und ganzen ist, was auf dem Gebiete der Fürsorge für die jüdischen Auswanderer aus Ost-Europa geschehen konnte, bis jetzt geschehen, und wenn man sich vor Augen hält, daß von einer Bevormundung der großen Massen selbständig mit eigenen Mitteln und nach freigewählten Zielen auswandernder Personen überhaupt nicht die Rede sein kann, ist jeöe weitere humanitäre Tätigkeit auf diesem Gebiete wohl nur durch Anlehnung an das bereits Geschaffene denkbar. KuciUe Marrel. Von Hans Liebstoeckl. Agamemnon! Agamemnon! Die Generalprobe von „Elektra" war im Gange, die Szene der Mägde war vorüber, aus dem Dunkel des Hauses, aus dem Schoße einer schrecklichen und gefährlichen Finsternis trat die Tochter des ermordeten Königs, in Lumpen gehüllt. Von einer lieblichen, mädchenhaften Stirne stürzte ein Wasserfall von Haaren zu beiden Seiten herab. Unter dieser Stirne aber standen zwei Augen offen, merkwürdig hell und katzenhaft, die Augen der Rattenmamsell oder der Ellida Mangel, qualvoll, unruhig mitunter, dann wieder starr, groß, leer, der Blick der offenen See im Glanze der Mittagssonne. Agamemnon! Agamemnon! Es war ein Ton, der gleichsam aus der Höhe kam, der irgendwo in einem unbekannten Reiche entsprang und seinen Weg durch die Kehle der Sängerin nahm. Es war mir, als hätte ich noch nie eine so seltsame Stimme gehört, eine Stimme, die ihren Stolz bewahrte und die doch ihren Zusammenhang mit einer leidenden Seele nicht verleugnen konnte. Dann geschah etwas, für mich wenigstens, außerordentlich Spannendes. Das Orchester wurde wütend, stürzte sich mit der ganzen Wucht seiner Mittel auf diese Stimme. Richard Strauß ist ohne Mitleid; er befiehlt, daß die Sängerin den Kampf besiehe, daß sie den Lärm überstrahle, sich halte, was auch immer geschehen möge. Die Weidt und die Mildenburg fügten sich; sie nahmen alle Kräfte zusammen. Das außerordentlich Spannende lag eben darin, daß Elektras Gelang auch im stärksten Sturm nicht unterging, obzwar die Sängerin keinerlei Anstrengung machte, daß wohl die Wellen über ihr zusckmmenschlugen, daß sie aber standhaft blieb. So schimmerte denn dieser wundervolle, edle Ton anderthalb Stunden lang durch die Brandung des Orchesters, behielt seinen Glanz, seine Frische, seine edle Herkunft. Es war ein Duell auf Leben und Tod. Und ein Sieg schließlich ihrer Kunst, ihrer Klugheit, ihrer Souveränität über die Mittel. Die Sängerin hieß Lucille Marcel. Wie ein Mädchen aus der Fremde erschien sie. Keiner von uns hatte sie früher gehört, keiner ihren Namen gekannt. Sie kam von Paris, war von Richard Strauß entdeckt und für die Wiener Premiere der „Elektra" empfohlen worden, war ihm also gewissermaßen zu Dank verpflichtet. Trotzdem protestierte sie dagegen, sich für ihn zu opfern. Protestierte mit ihrer Gesangskunst, mit dem Aufgebot ihrer starken schauspielerischen Persönlichkeit. Protestierte bescheiden, aber standhaft: „Lieber Meister! Nicht böse sein! Ich singe, wie ich's gelernt habe, denn wir haben doch beide schließlich nichts davon." Ich fand das imposant, war sicher, daß es sich hier um künstlerische Vollendung handelte, daß Lucille Marcel eine Sängerin wäre, wie sie seit der Lucca fehlt. Und nach der Premiere der „Elektra" schrieb ich tapfer und auf eigene Gefahr: „Tadellos blieb die Technik selbst im stärksten Affekt, der Schrei wandelte sich in Wohllaut, die Kantilene wurde zur Offenbarung einer unglaublich verfeinerten und verinnerlichten Seele. Ihre Geste, ihr Blick, ihr Tanz, ihre tierische Kraft im Angriff, ihre Kunst des Lauerns, Zuwartens, Sichsteigerns wirkte, auf mich wenigstens, erschütternd." Später, anläßlich eines Konzertes der „Concordia", stand Lucille Marcel im großen Musikvereinssaale. In einer bestrickenden Pariser Toilette, liebenswürdig lächelnd, gleichsam erlöst von den Schrecken und vom Dunkel des Atridenhauses. Ihre junge, strahlende Stimme, ihre kultivierte Art, die klassische Ruhe und Reinheit des Tones, die edle Linie der Kantilene eroberten die Leute im Sturm. Es war ein Erfolg, wie er in dtzn Annalen des Wiener Konzertsaales nur selten vorkommt. Die Marcel sang die große Arie der „Tosca", sang französische Lieder, erwies sich in dieser, wie to jenen als geradezu ideale Sängerin. Es gibt jetzt zwei Sorten von Sängerinnen: solche mit schönen Mitteln und starker Technik, aber von uninteressanter Persönlichkeit, und solche mit starker Persönlichkeit, aber dürftigem Material und mangelhafter Technik. In dieser Schülerin Jean de Reszkes sind Stimme und Persönlichkeit zu bewunderungswürdiger Harmonie vereinigt. Das Geheimnis der Reszkefchen „Methode" rqht auf denselben Grundlagen, wie das der Dresdener Gesangsmeisterin Orgeni. Es besteht einfach darin, daß die Stimme natürlich. von der Sprache aus entwickelt wird. Alle Sorgfalt gilt zunächst dem Kopfton; Reszke lehrt eigentlich bloß diesen und die Kunst seiner Verstärkung. Aus dieser

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