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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite äi2 Dr. Vlochs Wochenscherft. Nr. 30 Schon aus dieser Zusammenstellung allein ergibt sich auch der zweite Irrtum, der in weiten Kreisen verbreitet zu sein scheint, daß nämlich die Emigration künstlich lenkbar wäre und daß man sie auf Grund politischer oder menschenfreundlicher altruistischer Erwägungen nach irgend einem besonderen Gebiete dirigieren könnte. Kann man sich vorstellen, daß in irgend ein geschlossenes, neu zu kolonisierendes Gebiet in einem Jahre 21.779 Schneider und in ähnlichem Verhältnisse andere Professionisten geschickt werden können? Würde ein Territorium gefunden werden, das eine besondere Anziehungskraft für arbeitsfähige Personen hätte, die nicht bestimmten Berufen angehören, so könnte dies höchstens zur Folge haben, daß ganz neue, bisher gar nicht in Bewegung stehende Massen angezogen werden würden, wie dies bei der Entdeckung eines Goldgebietes für abenteuerlustige und geldgierige Personen geschieht. Die gegenwärtig bestehende faktische Emigration würde dadurch bis auf einen kaum nennenswerten Teil gar nicht berührt werden, da sie sich auf Grund rein individueller Bestrebungen vollzieht und sich nicht anders vollziehen kann. Aber schon der bloße Gedanke, daß die jüdischen Auswanderer, soweit von den wirklich großen Massen die Rede ist, überhaupt irgend wohin „geschickt" .werden könnten, ist eine durch statistische Zahlen als eine den Tatsachen vollkommen widersprechende Hypothese zu betrachten: denn mindestens 90 Prozent der Emigranten brauchen weder unseren Rat, noch unsere Hilfe, sind vollkommen unabhängig und würden sich jedes, noch so wohlwollendes Dreinreden verbieten. Eine Zusammenstellung über die von den Einwanderen in Rewyork mitgebrachten Barmittel pro 1905 ergibt, daß die einwandernden Juden weder absolut noch relativ zu den allerärmsten Einwanderern gehören. Sie haben in diesem einen Jahre nicht weniger als 1,824.617 Dollar (nahezu 10 Millionen Kronen) nach den Vereinigten Staaten mitgebracht und selbstverständlich haben alle diese Personen auch vorher ihre Schiffskarten aus Eigenem bezahlt, da diejenigen, welche Mittel besitzen, von den Hilfskomitees in Europa nicht unterstützt werden. Relativ rangieren die Juden mt J 4 Dollar per Kopf zwar hinter den Böhmen und Ungarn, aber noch vor den Polen, die nur je 13 Dollar im Durchschnitt, und den Ruthenen, welche nur 12^2 Dollar mitbringen. Nichtsdestoweniger sind selbstverständlich alle Bestrebungen, welche dahin gehen, durch richtige Informationen, durch Aufklärung über die Arbeitsverhältnisse und namentlich durch Schutz vor Ausbeutung den armen Auswanderern moralischen Beistand zu leisten, als nützlich und dankenswert zu betrachten. Sie erleichtern das Werk der bestehenden Hilfsorganisationen und erhalten das Interesse wach für das Werk der Menschenliebe und Barmherzigkeit im Dienste der Unglücklichen, die, sei es als Opfer der Verfolgung, sei es aus wirtschaftlichen Gründen jenseits der Meere Obdach und Brot suchen. 2. Die gegenwärtige Organisation der Jnformationsbureaus. Um nach Möglichkeit den armen unerfahrenen Emigranten Rat und Auskunft zu erteilen, um sie über die wirtschaftlichen Verhältnisse in den überseeischen Ländern zu informieren, ihnen die genauen Fahrpreise an-ugeben und eventuell die zu erlangenden Ermäßigungen bei den Schiffahrtsgesellschaften zu vermitteln, besonders aber, um sie vor der Ausbeulung durch die Agenten zu schützen, besteht schon seit mehreren Jahren ein durch ganz Europa ausgebreitetes Netz von Hilfskomitees und Informationsstellen, welche teils selbständig wirken, teils von den großen Hilfsorganisationen subventioniert werden. In erster Reihe aber haben die von der Jewish Eolonization Association („Jca") in Rußland selbst geschaffenen, mit großen Kosten erhaltenen Jnformationsbureaus und Auskunftsstellen in den meisten von Juden bewohnten Städten, selbst in den kleinsten Ortschaften bereits sehr viel zur Ordnung und Regulierung der Emigration beigetragen. In St. Petersburg besteht ein Zentralkomitee der genannten Gesellschaft, das einerseits mit unserer Allianz in Wien und den Hauptorganisationen der anderen westeuropäischen Länder, andererseits mit Lokalkomitees in allen russischen Provinzorten in permanentem Kontakt ist. Dieses Zentralkomitee redigiert auch in jüdisch-deutscher Sprache (in hebräischer Schrift) eine zweimal monatlich erscheinende Zeitschrift „Der jüdische Emigrant", die, in 50.000 Eiemplaren verbreitet, die weitesten Kreise selbst der ungebildeten Juden in entlegenen Provinzorten mit den tatsächlichen Verhältnissen der Emigration vertraut macht. Dieses Organ der Informationsbureaus bringt fast in jeder Nummer ausführliche Berichte von verläßlichen Korrespondenten aus Newyork und anderen amerikanischen Zentren, Briefe aus den europäischen Hafenstädten und Berichte von den Komitees und den Vertrauensmännern im russischen Reiche, ferner genaue Angaben über die Bahn- und Schiffahrtspreise von jeder russischen Grenzstadt aus. Jnformationsbureaus bestehen in Nordwest-Rußland im "Gouvernement Witebsk an 11 Orten, ,im Gouvernement Mohilew an 11 Orten, im Gouvernement Minsk an 58 Orten, im Gouvernement Kowno an 9 Orten, im Gouvernement Wilna an 13 Orten, im Gouvernement Grodno an 13 Orten: für Südwest- Rutzland im Gouvernement Wolhynien an 26 Orten, im Gouvernement Podolien an 12 Orten, im Gouvernement Kiew an 30 Orten, in den Gouvernements Poltawa und Czernigow an 22 Orten; für Russisch-Polen in Warschau und in 16 Provinzorten: für Südrußland in Kischinew, Odessa, Cherson. Ekaterinoslaw, Simferopol und 29 anderen Orten: ferner in den Ostseeprovinzen und in Finnland. Die „Israelitische Allianz zu Wien" steht in regelmäßiger Korrespondenz hauptsächlich mit dem Zentral- Komitee in St. Petersburg, korrespondiert aber in besonderen Fällen im Interesse der Emigranten auch mit den provinzialen Haupikomitees in Rußland. Mberschreiten die Auswanderer die russische Grenze, so sind auf der preußischen Seite Jnformations- und Schutzkomitees in Königsberg, Memel, Tilsit, Prostken, Thorn, Myslowitz, Kattowitz, Ratibor und längs der österreichischen Grenze die Filialen und Lokalkomitees der „Wiener Israelitischen Allianz" in Nowosielitza, Czernowitz, Podwoloczyska, Vrody, Husiatyn, Krakau und Lemberg. In Wien wie in Berlin sollte sich eigentlich das Hilfswerk darauf beschränken, Direktiven an die Grenzkomitees zu erteilen, und es sollte kein hilfsbedürftiger Auswanderer passieren, für den nicht schon von Rußland aus oder bei der Jnstradierung an der Grenze vollkommen gesorgt ist. Durch den Umstand jedoch, daß zahlreiche, durch die wirtschaftliche Notlage zur Auswanderung gedrängte Familien entgegen den Warnungen, die so häufig erlassen werden, sich ohne genügende Mittel und ohne Sicherheit über die Zulassung zur Landung, oft auch ohne bestimmte Ziele sich auf die Wanderung machen, haben die mitteleuropäischen Zentralstellen neben ihrer weitverzweigten Hilfstätigkeit ebenfalls Tag für Tag als Jnformationsbureaus für zahlreiche ratlose Durchwanderer zu wirken. Rumänien kommt natürlich gegenüber Rußland mit seinen sechs Millionen Juden verhältnismäßig nur wenig in Betracht. Die Regelung der Emigration in diesem Lande konnte schon vor vielen Jahren von der JCA in Verbindung mit unserer Allianz dadurch leicht durchgeführt werden, daß der ständig in Bukarest

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