Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 30 (23.7.1909)
- Date
- 1909-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr Blochs WochenfchM. iseite 511 energie und ihren kulturellen Bedürfnissen entsprechen. Außerdem hat die allgemeine industrielle Entwicklung der osteuropäischen Länder eine Reihe negativer Faktoren für die wirtschaftliche Lage der Juden geschaffen, die besonders die Positionen der proletarischen und kleinbürgerlichen Schichten der jüdischen Nation untergraben. Alle diese Erscheinungen rufen eine neue kolossale jüdische Wanderung hervor, die sogar in der jüdischen Geschichte nicht ihresgleichen finden kann." Nach einer Darstellung der Situation in den Einwanderungsländern heißt es dann am Schluffe: „Aber auch in Amerika werden zahlreiche Maßregeln zur Einschränkung der Einwanderung getroffen. Selbst die amerikanischen Genossen sind bekanntlich von der antialienistischen Bewegung ergriffen worden. Aber abgesehen von diesen gesetzlichen und gesellschaftlichen Hemmnissen, macht sich in den jüdischen Einwanderungszentren Nordamerikas und Englands auch eine immer stärkere wirtschaftliche Sättigung in Hinsicht auf die Aufnahmefähigkeit des stets wachsenden jüdischen Emigrantenstromes ganz unzweideutig bemerkbar. Als sicheres Symptom dieser Sättigung erscheint die antisemitische und asemitische Bewegung, die in letzter Zeit und besonders in Nordamerika immer häufiger bemerkbar wird. All diese Momente führen mich zu dem Ergebnis, daß die bisherige jüdische Wanderung die Iudenfrage nicht gelöst, sondern vielmehr vervielfältigt hat. da sie durch jene auch in den Emigrationsländern aufgerollt wird. And darin besteht eben der tragische innere Widerspruch der neuesten Periode der jüdischen Wanderungen: Einerseits wächst in steigendem Maße das Emigrationsbedürfnis in den unteren Schichten des osteuropäischen Judentums, anderseits aber wird die Immigrationsmöglichkeit in die bisherigen jüdischen Ehnoanderungszentren immer beschränkter. Der große jüdische Wanderungsstrom stößt immer härter an eine stets höher werdende Mauer von ökonomischen, rechtlichen und sozialen Hemmnissen. Das Problem wird immer zugespitzter und brennender. Wo ist ein Ausweg aus dieser Sackgasse? Welches jst die Linie des kleinsten Widerstandes für die fernere Richtung der jüdischen Wanderung? Welche Tendenzen machen sich in ihr selbst bemerkbar? Alle diese Fragen bilden augenblicklich den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses innerhalb des osteuropäischen und des amerikanischen Judentums, und sie stehen auch in erster Reihe auf der Tagesordnung sämtlicher jüdischen Parteien und Gruppen. Eins steht jedoch außer Zweifel: Es handelt sich hier um eine Frage, von deren Lösung das Schicksal der nationalen Entwicklung der Juden überhaupt und des jüdischen Sozialismus insbesondere in ganz bedeutendem Maße abhängt." Israelitische Allianz z» Wien. Die Mitteilungen der „Israelitischen Allianz zu Wien" bringen über „D ie jüdische Emigration und ihre Regelung" nachstehende Information: 1. Der relative Umfang und die Qualität der jüdischen Emigranten. Menschenfreunde, die mit einzelnen armen Auswanderern zu tun haben, die zu jeder physischen Arbeit befähigt und in jedes beliebige Land zu gehen bereit sind, um sich nur eine Existenz zu begründen, sind leicht geneigt, zu generalisieren und dies als den Typus des jüdischen Emigranten zu betrachten. Wenn sie dann.hören, daß in einem Jahre über 100.000 Juden aus Rußland ausgewandert sind, stellen sie sich unwillkürlich eine ebensolche Zahl arbeitskräftiger und kolonisatorisch in jedem Lande verwendbarerPersonen vor und werfen die naheliegende Frage auf, ob es nicht zweckmäßig wäre, .diese großen Menschenkolonnen, deren Bewegung sie als eine beispiellose Erscheinung betrachten, nach einem bestimmten Territorium zu dirigieren, wo sie dauernd Ruhe und Erwerb finden könnten. Nun liegen aber die Dinge ganz anders. Die gesamte jüdische Auswanderung, selbst aus den Ländern, wo die größten Verfolgungen stattfinden, bildet nur einen unbedeutenden Teil der europäischen Emigration überhaupt und steht, wie die stilistischen Zahlen beweisen, trotz der besonderen politischen Leiden der Juden vorwiegend unter dem Einflüsse rein wirtschaftlicher und individueller Triebkräfte. So sind im Jahre 1906/7 (dem letzten vor der amerikanischen Krises aus Rußland allerdings 114.932 Juden nach den Vereinigten Staaten ausgewandert. Aber in demselben Jahre betrug die Zahl der europäischen Auswanderer in diesem hauptsächlichen Einwanderungsgebiete nicht weniger als 1,285.349 Personen, also mehr als das Zehnfache. An dieser Zahl partizipieren die Italiener allein mit 294.061 Personen, also weit mehr als mit der doppelten Zahl der emigrierenden Juden aus ganz Europa, welche im genannten Jahre auf etwa 140.000 Personen berechnet wurde. Die Massenwanderung der Juden hat also, wenn man die besonderen Erwerbsverhältnisse und die leichtere Beweglichkeit derselben in Betracht zieht, weder etwas ungewöhnliches noch etwas beunruhigendes. Nebenbei bemerkt. bilden die 114.239 russischen Juden auch nur 44 Prozent der Auswanderung aus dem russischen Reiche allein, wo die nichtjüdischen Bauern doch viel schwerfälliger, die Erlangung von Reisepässen ungeheuer schwierig ist und die kolossale Ausdehnung des allen Nichtjuden offen stehenden Reiches doch, wie man annehmen möchte, eine Emigration nach Amerika gar nicht aufkommen lassen sollte. Aber auch bezüglich der Qualität ist die Statistik besonders lehrreich, da sie den jüdischen Einwanderern zwar das an sich sehr günstige Zeugnis ausstellt, daß sie die größte Anzahl gelehrter Arbeiter (skilled trades) stellen, dieser Umstand aber in wirtschaftlicher Beziehung sich zu ihren Ungunsten wendet. Sie sind nämlich dadurch nicht ein Menschenmaterial schlechtweg, eine undifferenzierte Masse von Arbeitskräften, die man beliebig dirigieren kann, sondern vorwiegend Personen und Familien, die nur in bestimmten Gebieten und unter bestimmten Verhältnissen ihre Existenz finden können. So waren z. B. unter der genannten Zahl jüdischer Einwanderer in Nordamerika 21.797 Schneider. 4790 Schneiderinnen, 2087 Wäschenüherinnen, also zusammen 28.656 Personen, die in der Kleider- und WäschebrancheBeschäftigungsuchen und wohl kaum zu irgend etwas anderem befähigt waren. Eine Berechnung des Prozentsatzes jüdischer Handwerker bestimmter Kategorien im Verhältnis zu den übrigen Emigranten desselben Handwerkes ergibt folgende Tabelle: es waren im Jahre 1906/7 von den einwandernden Hutmachern.74*5% Spenglern (tinners) . . 568% Schneidern.71-0% Schneiderinnen.56*2% Modistinnen.70*0% Juwelieren. 48-9% Buchbindern.67-2 % Tapezierern.47-4% Kürschnern.65*1% Graveuren. 33 5% Uhrmachern.62*5% Schlossern.32-9% Juden. Außerdem waren unter den Einwanderern: 3534 Kaufleute, 66 Künstler, 2420 Kommis, 63 Literaten, 269 Lehrer, 54 Ingenieure, 178 Musikanten, 49 Rabbiner und Kantoren. 69 Elektrotechniker, Bei dem größten Teil dieser Personen muß man sich Familienhäupter. denken, die entweder ihre Ängehörigen schon mithaben oder sie in kürzester Frist, nach Erlangung dauernder Arbeit, Nachkommen lassen wollen.