Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-23 · 30 (23.7.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
30 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021849--18486-3043417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 510 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 30 welcher den tieftraurigen Ruin vieler Familien bedeutete, den Verlust vom Munde abgedarbter Spargroschen, die Alterssorgen von Dienstmännern und anderen armen Teufeln, bei dieser sensationellen Korruptionskatastrophe eines rein arischen Finanzinstitutes brachte das ^Deutsche Volksblatt" nichts als die reinen Tatsachen. Da ließ es seine Rufzeichen im Setzkasten, seine Verleumdungen eingeschlossen in armseligen Gehirnen. Da wurde kein einzigesmal gesagt, der Fall sei geradezu typisch und die Bevölkerung solle sich mit Gewaltakten zur Wehre setzen. Denn da hätte es heißen müssen, daß die Korruptionsaffäre des Schwindeliustitutes „Merkur" identisch sei mit dem Krach der christlichsozialen Vorschußkassa in Nußdorf und der klerikalen St. Wenzels- Vorschußkassa in Prag. Die Bücher und Kassen des „Merkur" trugen den frommen Vermerk: „Mit Gott", aber das hinderte nicht, daß das christliche Volk unter dieser gleißncrischen Parole von den Befreiern vom jüdischen Kapital ebenso geplündert wurde, wie politisch von den Befreiern vom jüdischen Einfluß im öffentlichen Leben. Und sollen wir die Redakteure des „Deutschen Volksblattes" an die berühmten Obligationen ihres Chefs des Herrn Vcrgaui erinnern? Er war freilich in der glücklichen Lage, nachträglich den Schaden wieder gutzumachen; die Anzahl der Ehrenmänner, die mit Hilfe der antisemitischen Hetze mit dem Ausruf: „Haltet den Dieb," das christliche Volk ausplündern, vermehrt sich immer mehr. Es steht fest, wenn es auch auf den ersten Blick sonderbar erscheint, daß es die Allgemeinheit ist, welche darunter leidet. Der Staat Oesterreich windet sich derzeit unter den nationalen Feindschaften, welche in Gehässigkeiten ausgeartet sind. Wie aber ist der Hetzton der Feindseligkeit entstanden? Schritt für Schritt könnte man Nachweisen, daß es die Schule der antisemitischen Agitatoren war, in welcher die nationalen Demagogen gelernt haben. Im Miuisterrat zerbricht man sich den Kopf, wie die versöhnlichere Stimmung unter den Völkern Oesterreichs wieder zurückzuzaubern wäre, und die Erlässe gegen den Boykott sind die Folgen dieses Nachdenkens. Ader was kann es nützen, gegen ein Prinzip aufzutreten, das man gegen die Juden bestehen läßt. Man will England in Oesterreich haben, ein anständiges, ruhiges Leben in der Politik. Aber die Antisemiten läßt man Rußland hereiutragen und wundert sich dann, wenn sich das Milieu der Kosaken verbreitet. Sozialdemokratie und Iudeufrage. In einem interessanten Aufsatz in den „Sozialistischen Monatsheften" (Berlin) behandelt Marim An in „Die Judenfrage als Wanderungsproblem." Der Aufsatz ist auch besonders deshalb beachtenswert, weil er die allmähliche „Umwertung" der Judenfrage in sozialistischen Kreisen andeutet. Wir geben nachstehend die einleitenden Betrachtungen und das Schlußresumee Anins wieder: „Will man das Schicksal einer Nation richtig beurteilen, so muß man vor allem die innere Logik ihrer Geschichte erfassen; aus ihrer konsequenten Fortbildung werden sich dann auch die historischen Entwicklungsmöglichkeiten und -Ziele dieser Nation ergeben. Gegen diese elementare Weisheit wurde vielleicht nirgends so stark gesündigt, wie bei der Behandlung der vielumstrittenen Judenfrage, und zwar sowohl auf Seiten der Philowie .der Antisemiten. Wohin mit den Juden? Was mit den Juden beginnen? Diese Fragen klingen aus allen Zeitaltern und aus allen Ländern zu uns herüber. Natürlich mußte die Antwort je nach dem politischen und sozialen Kredo des Beantwortenden grundverschieden ausfallen, und so brachte diese Fragestellung notwendigerweise das Moment der subjektiven Voreingenommenheit in die Behandlung der Judenfrage. Der eine wollte, daß die Juden so rasch wie möglich von der Erdoberfläche verschwinden, der andere, daß sie vorher die oder jene (religiöse, ethische oder soziale) Mission erfüllen, der dritte, daß sie nach Zion zurückkehren, der vierte, daß sie in der Diaspora (Golus) eine „autonomkulturelle Gemeinschaft" bilden sollen usw. Kurz: entweder theologischer Determinismus oder theologische Willkür. Die Hauptfragen aber (Wohin führen die Entwicklungstendenzen der jüdischen Nation? Welche Strömungen und Kräfte machen sich, unabhängig von den Wünschen einzelner, im jüdischen Leben geltend?), diese Fragen wurden stets äußerst stiefmütterlich behandelt. And dennoch steht es außer allem Zweifel, daß die Fragestellung nur so lauten kann, wenn eine sichere Basis für ihre Lösung gewonnen werden soll. Aeberblickt man die jüdische Geschichte vom Gesichtspunkt ihrer inneren Triebfeder und Tendenzen aus, so erscheint sie gewissermaßen als eine fast ununterbrochene Kette von Wanderungen, die besonders intensiv und rasch seit dem Mittelalter auseinander folgen. Seit dieser Zeit wandern die Juden als Träger der Geldwirtschaft unaufhörlich innerhalb der naturalwirtschaftlichen Welt. Ein Werkzeug der finanziellen Ausbeutung der breiten Volksmassen in den Händen des herrschenden Feudaladels, werden die Juden von den ersteren gehaßt, von den letzteren verachtet, von allen jedoch verfolgt und mißhandelt. Nur so .lange man ihrer finanziellen und vermittelnden Tätigkeit bedarf, werden sie geduldet. Kaum aber ist das Heranwachsende Bürgertum reif, die volkswirtschaftlichen Funktionen der Juden auf sich zu nehmen, so werden sie brutal aus dem Lande gejagt. Es ist gewiß kein Moßer Zufall, daß gerade in diesen Perioden die Scheiterhaufen der heiligen Inquisition lichterloh brannten, die ungeheure Tragik des jüdischen Schicksals beleuchtend. Spanien, England, Frankreich, Deutschland, Polen, Rußland: Das ist der dornenvolle Weg, den die Juden gleichzeitig mit der Bewegung des Kapitalismus vom Westen nach Osten als seine Träger durchgemacht haben. Rußland war die Endstation dieser Wanderung der Juden. Weiter konnte der Strom in dieser Richtung nicht fließen. Hier stauten sich seine Fluten in einem Sumpf sozialökonomischer Impotenz, bürgerlich politischer Rechtlosigkeit und national-kultureller Sterilität. Erst nach einer jahrhundertelangen Periode der Stagnation beginnt in den Sechziger-Jahren des vergangenen Jahrhundert, mnerhalb der bisher in sozialer Beziehung fast homogenen oder richtiger amorphen Massen des osteuropäischen Judentums der Prozeß der sozialen Differenzierung. Der Kapitalismus dringt endlich in die jüdische Nation selbst ein und ruft in ihren verschiedenen Schichten das mächtige Streben und Bedürfnis des Uebergangs zu höheren Formen der sozialen Betätigung hervor. Die moderne Judenfrage ist daher ihrem Wesen nach nicht ein Problem der Degeneration, wie das oft behauptet wird, sondern in erster Linie der Regeneration, der wachsenden Produktivkräfte, die jedoch keine freien Entfaltungsmöglichkeiten finden. Allerdings erzeugen diese Hemmnisse im jüdischen Volk verschiedenartige Degenerationserscheinungen, diese sind aber zum bedeutenden Teile eben nur Begleiterscheinungen des gehemmten inneren Wuchses, die nach der Ueberwindung der historischen Krisis, die das Judentum jetzt durchmacht, verschwinden werden. Insbesondere hat das neuentstandene jüdische Proletariat durch sein mächtiges soziales Ringen neues Leben und Bewegung in das Dasein des europäischen Judentums hineingebracht. Freilich ist bei den äußerst beschränkten' Entwicklungsbedingungen der jüdischen Nation dieser Kampf der jüdischen Arbeiterklasse nicht imstande gewesen, ihr auf sozialökonomischem Gebiet Errungenschaften zu verschaffen, die ihrer Kampfes-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.