Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 806 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 39 Volk werden. In diesem Worte drückt sich die hoffnungsreiche Lebenskraft Judas aus, die es niemals verlassen und auch heute noch beseelt. Doch wann wird die Morgenröte einer besseren Zeit auch für uns anbrechen? Ewige Frage, auf die schwer zu antworten ist. D r. M a x G r ü n f e l d. Literatur. Aus Wiens jüdischer Vergangenheit. Von Paul Diamant (Wien). Es ist eine sich immer wiederholende Tatsache, daß die Weltanschauung, die einem bestimmten Zeitalter ihr Gepräge verleiht, sich auf allen Gebieten des Geisteslebens wiederspiegelt. Wenn wir den Einfluß der liberalen Weltanschauung auf die österreichischen Juden betrachten, so können wir ihn nicht nur in der Politik bei Ignaz Kuranda, sondern auch in der Literatur bei L. A. Frankl und Kompert Nachweisen und nicht zuletzt in der Geschichtsschreibung bei Gerson Wolf u. d Josef Ritter von Wertheimer. Als im letzten Vierteijahrhundert die nationale Renaissance am Stelle der l i b eralen Assimilation trat, da machte infolge dessen nicht nur die Politik der österreichischen Juden und ihre Dichtkunst die Schwenkung mit, sondern auch die Geschichtsschreibung. Einer der größten Fehler der jüdischen Historiker des liberalen Oesterreich war ihre allzu große Subjektivität. Sagt ja selbst Gerson Wolf in der Einleitung zu einem seiner Werke: Menschen und Dinge wollen von einem gewissen Standpunkte aus betrachtet sein, wenn sie gehörig gewürdigt und anerkannt, oder verdammt und verbannt werden sollen. Wie Bilder wollen sie ein gewiffes Licht haben, um den gehörigen Effekt hervorzubringen. I i Konsequenz dieses Standpunktes begnügten sie sich nicht, die objektiven Tatsachen der Geschichte in ihrem pragmatischen Zusammenhang darzulegeu, sondern ließen ihren subjektiven Ansichten großen Spielraum. Zu sehr war ihr Blick in die Gegenwart, zu wenig in die Vergangenheit gerichtet, das „finstere Mittelalter" war ihnen nur der düstere Hintergrund für die helle liberale Neuzeit, nicht wenige ihrer Werke haben den Anschein, als wären sie nur ein historischer Kommentar zu einem der zahlreichen Gesuche um Toleranz und Emanzipation, kurzum, keine voraussetzungslose Geschichtsschreibung, sondern eine apologetische Geschichtsphilosophie. Vielleicht ist daraufhin auch die bedauerliche Tatsache zurückzuführcn, daß wir bis jetzt keine erschöpfende Geschichte der österreichischen Juden, ja nicht einmal eine eingehende und ausführliche Geschichte der Juden in Wien besitzen. Heute nun. da die jüdische Geschichtsschreibung bewußt oder unbewußt nationale Bahnen betritt, empfindet man diesen Mangel viel mehr als vor zwanzig oder dreißig Jahren. Allerdings in absehbarer Zeit wird sich kaum jemand finden, der das Wagnis unternehmen wollte, eine Geschichte der Juden in Wien zn schreiben, die sich dem Werke über die Juden Roms von Vogelstein und Rieger oder von Berliner würdig zur Seite stellen könnte. Umsomehr ist es zu begrüßen, daß in den letzten Jahren einige Werke erschienen sind, die einzelne Perioden der Wiener jüdischen Geschichte in eingehender - Weise behandeln und so dem künftigen jüdischen Historiker Vorarbeiten, der einst eine Gesamtgeschichte btr Wiener Juden schreiben wird. Manche dieser Werke haben noch ein wenig den Charakter der „liberalen Zeit" beibehalten, wie das treffliche Büchlein von Siegmund Husserl, das die allgemeinen zeitgeschichtlichen Verhältniffe der Wiener Juden im Vormärz, sowie die Neubegründung ihrer Gemeinde in klarer und anschaulicher Weise schildert; andere hingegen haben schon das. Gepräge der nationalen, streng wiffenschaftliche» jüdischen Geschichtsschreibung. Zu diesen gehören besonders Dr. Artur Goldmanus*) Abhandlung über „Das Judenbuch der Scheffstraße zu Wien" und Dr. Ignaz Schwarz' Monographie über „Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine Bewohner**)." Während uns das Judenbuch der Scheffstraße intereffante Einblicke in die Finanzgeschäfte der Wiener Juden gewährt, bietet uns das Werk von Dr. Schwarz eine eingehende Beschreibung der Wiener Ghetti, von denen das eine, in der Innern Stadt um 1421, das andere, das sich im Unteren Werd befand, im Jahre 1670 aufgehoben wurde. Ein trauriges und armseliges Leben führten die Wiener Juden in ihrem ersten Ghetto, das zwischen dem Hof. dem Tiefen Graben, der Salvatorgaffe und den Tuchlauben lag. Schon längst war die gute Zeit dahin, da Kaiser Friedrich II. und Herzog Friedrich der Streitbare sich in wertvollen Privilegien uberboten, seit lange waren sie nicht mehr die stolzen Kaufleute, die die Waren von Florenz und *) Das Judenbuch der Scheffstraße zu Wien (1389—1420). Herausgegeben von Dr. Artur Goldmann. **) Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine Bewohner. I. Das Judenviertel in der Innern Stadt bis zu seiner Aushebung im Jahre 1421. II. Die Judenstadt im Untern Werd 1625—1670. Venedig in Danzig oder Königsberg verkauften, das aufstrebende städtische Bürgertum hatte sie überflügelt und fast unterdrückt, mit Geldleihen und Zinsennehmen mußten sie ihr Leben fristen. Doch man denke nicht an große finanzielle Transaktionen, mit den armen Vorstädtlern der Scheffstraße, einer vor dem Stnbentor am Wienfluß gelegenen Ansiedlung von Müllern, Fjschern und Faßziehern, machten sie ihre Geschäfte, die im „Judenbuch von der Scheffstraße" von landesfürstlichen Beamten genau verzeichnet wurden. Item Stephan Nnger und Kathrei sein uxor schallen unverschaidenlich gelten Jana Stenssen dem Inden und sein erben 6 Pfund den. auf der heiligen drcyer Chunigtag, der schicrist chumbt, und haben iN'dafuer cze gesaczt ain Hans und garten, gelegen vor Werdertor czenachst Christian Meindleins Haus, furbas cze gesuech über den egenanten tag all Wochen 3 den. Das ist geschehen des suntags vor Simonis et Jude anno Domini etc MCCCC IX. Item daran hat er geben 4 Pfund den. dominica Circum dederunt anno decimo. Dock) auch das nackte Leben und den kargen Verdienst mißgönnte man den unglückseligen Inden. Herzog Albert V., der unglücklich gegen die Hussiten kämpfte, wollte seinen leeren Schatz mit dem Gelbe der Inden, seiner Kammerknechte, füllen und nichts kam ihm und seinen Räten gelegener als das plötzl ch auf.'auchende Gerücht, die Juden zu Enns hätten einen Hoftienfrevel begangen. Das war das Zeichen, um sich auf die Juden zu stürzen und ihrer Habe zu bemächtigen: Ilno die, eawdewgue llora in univer8i8 1oei8 duei3 Austriae adficiuntur Jadaei captivati, coufiäcantur eorain bona, et relegatis popularibus reservantur magis honorati eorundem sagt Thomas v. Haselbach auf Lateinisch. Auf gut Inden-Deutsch aber meldet ein gleichzeitiger jüdischer Chronist in der „Wiener Geserah": Es war vor zeiten, da wolt n“-"pn (der Heilige, gelobt sei er!) versuchen sein Volk bKTtf’ (Israel), ob si stark waren in der nriöK (Glauben), ob si (das Leben opfern) weren auf sein heiligen namen, ne fielt auf si ein geweltigen vi2N (= dux, Herzog) im land, zu Ostreich, der ein großer intn (Frevler, Judenfeind) war, un' trachtet stetiz rrb'bv (Beschuldigungen) auf Men (ferner) befelt er, das man sott di (A r m e n) v e rtreiben ne' die cr'v&'P (Reichen) soll man rän (gefangen) halten. Und nun eilt das Verhängnis mit Riesenschritten, am 23. Mai 1420 war es, daß sämtliche Juden in den Städten Oesterreid)s gefangen genommen wurden und am i2. März 1421 wurden alle, die sich nicht bekehrt hatten, in Erdberg verbrannt. Nachdem die Justizkomödie zn Ende war, verteilte der Herzog die Beute und beschenkte seine Getreuen mit Judenhänsern. Ueberaus bezeichnend dafür ist die Urkunde vom 12. April 1421, die Doktor Jg. Schwarz unter vielen andern auf die Häuserchronik der Judenstadt bezüg ichen veröffentlicht: Wir Albrecht von gotes gnaden herczog ze Österreich, ze Steyr, ze Keruben und ze Krain, graf ze Tyrol etc. Embieten den erbern weisen unfern getrewn lieben, dem richter und dem rat unserer stat ze Wienn unser gnad und alles guct. Als wir unserm getrewn Hannsen demMustrer, unserm burgermaister d äselbs ze Wienn ain haus mitsambt ainem gertlein, gelegen in der Judengassen hie, daz weilent von I o n a d e m S t e u ß e n, u n s e r m I u d e n an uns kamen ist,zenechst Davids Hans im Türe von sundern gnaden gegeben haben, also empfelhen wir ew ernstlich und wellen, daz ir in desselben hauß mitsambt dem gertlein und seiner zügehörung encz und gewer seczet und schreibet, als der stat gewonhait ist. Daran begeet ir unfern willen. Geben ze Wienn an sambstag vor sank Tydraczen tag, anno etc. CCCC mo vicesimo prirao. I)(ominus) dux per se. Nachdem wir nun aus den von Dr. Schwarz veröffentlichten Grundbuchseintragungen erfahren haben, wie man sich an dem Besitze der verbrannten Juden erfreute, möge nur kurz darauf hingewiesen werden, wie unhaltbar und widersinnig die Beschuldigungen — der' Hostienfrevel und der Wucher — waren, auf Grund derer man gegen die Juden so grausam vorging. Ein Hostienfrevel war für die Inden etwas so Unfaßbares und Unmögliches, daß der sonst so gut unterrichtete Autor der „Wiener Geserah" diese Beschuldigung überhaupt nicht erwähnt, obwohl sie im Urteil als die alleinige Ursache der Verfolgung dargestellt wird. Mit Recht sagt Goldmann: Die sakrilegische Verletzung des seinen christlichen Mitmenschen heiligen Altarsakramentes begriff er (der Jude) nicht und konnte sie gar nicht begreifen, weil ihm jede Vorstellung des Objektes, an dem er sich. versündigt haben sollte, vollständig fehlte. Und was die Wucherbeschuldigung betrifft, so möge darauf bingewicsen werden, was Aeneas Sylvins Piccolomini, der spätere Papst, nicht lange nach Vertreibung der Juden von den christlichen Bürgern Wiens sagt: „Sie leihen Geld auf bestimmte Frist und haben sie dabei Schaden, so sind sie zum Schwure zugelassen, wodurch die Schuldner . oft ins Elend kommen. Was die Pfänder bringen, achten sie nicht, den Kirchenbann aber nur insofern, als er dem Leumund oder dem zeitlichen Gut Nachteil bringt. Der zweite Teil unseres Buches beschäftigt sich mit der Ge-, schichte der Wiener Juden im 17. Jahrhundert bis zur großen Vertreibung im Jahre 1670. Bald nach den Ereignissen des Jahres 1420 finden wir Juden wieder in Wien und Oesterreich ansässig. Ein päpstlicher Dispens aus dem Jahre 1451 ermöglichte es, Juden wieder aufzunehmen. Nur wenige erfreuten sich dieser Gunst und