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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 505 am 17. Thamus und fünf am 9. Ab. Am 17. Thamus wurden die Tafeln zerbrochen, ward das tägliche Opfer gestört. Jerusalem wurde erstürmt, verbrannte Apostumos die Gesetzrolle und stellte der Feind ein Götzenbild in den Tempel. Am 9. Ab ward über unsere Vorfahren verhängt, nicht ins Land einzugehen; an diesem wurde der Tempel zum ersten- und zum zweitenmale zerstört, Bethar erobert und Jerusalem mit dem Pfluge überzogen." (Thaanith, IV. 6—8). Der 17. Thamus. Vom Berge Sinai steigt die gewaltige Gestalt des Volksbefreiers hernieder. Im Tale hat sich Ruchloses ereignet. Das betörte Volk hatte sich des befreienden Wortes, das ihm am JSinat verkündet worden, nicht würdig gezeigt. Diesem Volke hastete noch die Schmach Egyptens an. Noch waren die Sklavenfesseln Mizraims nicht gebrochen. Das Volk hatte die Würde des Herrn mit dem Baal vertauscht, den es sich aus gleißendem Golde verfertigt. Um diesen, um das goldene Kalb, führte es seine wilden Tänze auf. Adonai und Baal, zwei Welten, die sich nicht vereinigen können. Im berechtigten Grolle zerschmettert Moses die Tafeln, beschrieben mit der Schrift des Herrn, am Fuße des Berges. Ahnte der große Prophet die Zukunft seines Volkes? Des Volkes mit dem harten Nacken? Wie oft vertauschte es, in späteren Jahrhunderten, den Baal für jene herrliche Gabe, die ihm der Sinai gespendet? Vermengte sich mit den Völkern und lernte ihre Taten. Wieder steigt ein Berg vor unserem Auge empor, der Karmel ist's, auf dem Eliahu die Baalspfaffen entlarvt. Und es kam der verhängnisvolle Thamus, in dem die Stadt von dem babylonischen Trannen erobert wurde. Es kam der Tag, von dem der Elegien-Dichter des Mittelalters klagend spricht: »Uebermächtig wurde der Feind und die Stadt wurde erstürmt." Wieder find Jahrhunderte verflossen. Israel hat das babylonische Exil überdauert. Es sah Völker erstehen und vergehen: Perser, und-Griechen und .Syrer und Römer. Die gewaltige Roma setzte Jerusalem den ehernen Fuß auf den Nacken. Aber wenig heilsame Lehren hatte Juda aus seiner Geschichte geschöpft. Das Erbübel dieses Volkes, die Zwietracht, zerfleischte es. Für kurze Zeit hatte es seine Freiheit und Unabhängigkeit wieder gewonnen? Die Hasmonäer hatten fie errungen auf blutigen Schlachtfeldern, auf denen der Makkabäer Juda und sein heldenmütiger Bruder Jonathan gekämpft. Und dann kam der Zwist. Pharisäer und Sadduzäer stritten sich um Worte. Die Brüder Aristobul und Hyrkan riefen den Römer herbei. Der ließ sich gerne rufen. Wo er den verderblichen Fuß hinsetzte, da war es vorbei mit der Freiheit der Völker. So kam denn Juda, aus der Hand Babels, in die Hand Sei'rs. Der Jdumäer Herodes, der Römerknecht, herrschte über das Volk, das so wenig seine Freiheit zu schätzen wußte, und schon einmal die Gesetzestafeln hingeworfen hatte für das goldene Kalb. Aber auch die idumäischen Sklaven, die Herodäer, raffte der Nimmersatte Rachen der römischen Imperatoren hin. Und es kam der 17. Thamus im zweiten Jahre der Regierung Vespafians. 1130 Jahre, 7 Monate 15 Tage waren von der ersten Erbauung unter Salomo verflossen, von der zweiten Erbauung, im 2. Jahre der Regierung des Kyros, 639 Jahre, 45 Tage. Woher wir diese Zahlen haben? Josephus hat fie uns überliefert, er, der glänzende Geschichtsschreiber, der im Solde der Flavier schrieb. Kein Jeremias fürwahr war er, der auf den Trümmern des ersten Tempels sein schmerzliches Klagelied, seine »Echoth" aushauchte. Der wollte aus dem Unglücke seines Volkes keinen Vorteil ziehen. Anders Josephus. Im Palaste der Cäsaren in Rom erzählte er von den Leiden seines Volkes. Er schrieb von dem 17. Thamus, an welchem das tägliche Opfer eingestellt würde. Die zerbrochenen Gesetzestafeln, der Nagende Jeremias, der in Rom. die Geschicke seines Volkes schildernde Josephus, sie bezeichnen 3 Grenzsteine auf dem Marterwege unseres Volkes, 3 Wahrzeichen seiner Geschichte. Und der Dichter des »Pismon", welcher am 17. Thamus von andächtigen Betern rezitiert wird, wehmütig ruft er aus: »Glanz meines Herzens, Du meine Veste, wird denn ewiglich Dein Zorn rauchen, schaust Du denn nimmer auf dein mattes und müdes Volk, erbaue meine Bresche durch den Sohn des Perecz *) . . . Erhöre das Gebet des Gefesselten, der in die Hand Babels und Seirs ausgeliefert wurde. Dir klagt er schon so viele Tage, er fleht zu Dir, wie damals, als der Feind in seiner Gewalttätigkeit losstürmte — und die Stadt erobert ward." — Die Stadt ward erobert — das ist der Refrain von Judas Leidensepos. Der 9. Ab. Wieder lehnte fich das widerspenstige Volk gegen Moses auf. Sie verschmähten es, ins Land der Väter zu ziehen, die feigen Sklavenseelen. Auf Gaddi, Sohn des Suffi, auf Ammiel, Sohn des Gemalli — Suffi, Gemalli, Roß und Kameel, in der Tat bezeichnende Namen — hörten fie, aber nicht auf Moses und Josua. Da lag es vor ihnen das herrliche Land, fie sahen seine Früchte, aber die Feigheit fiegte, gegen fie kämpfte ein Moses selbst vergebens. So warfen die schlaffen Seelen die Frucht von fich, die ihnen in den Schoß gefallen war, fie schleuderten das Glück weit weg, das ihnen winkte, zertraten es mit ihren Füßen . . . Das geschah am 9. Ab. In der Tat ein verhängnisvoller Tag in der Geschichte unseres Volkes. Ein schwarzer Tag, an dem der Tempel auf Nebukadnezars Befehl verbrannt wurde. Doch was gleicht dem Jammer, der über Juda gebracht wurde, als Titus Jerusalem erobert hatte! Schlagen wir die Geschichte des »jüdischen Krieges" auf, die Josephus geschrieben, hören wir das Entsetzliche noch einmal, das uns auf diesen blutigen Blättern berichtet wird. »Während des Tempelbrandes ward geplündert und gemordet ohne Ende .... Kein Erbarmen mit dem Alter, keine Schonung der Würde; Kinder und Greise, Laien und Priester wurden erwürgt; die ganze Bevölkerung erlag der Kriegswut, um Gnade Flehende, wie Kämpfende ..." Wir glauben, noch einmal die Jammerworte des Jeremias zu hören. Und wie dieser die furchtbaren Worte gesprochen von den Propheten, den Falschen, die Trügerisches über ihr Volt geschaut, so spricht auch Josephus von Betrügern und Gotteslästerern, welche das bejammernswerte Volk verführt. Wie ein unsichtbarer Faden zieht fich das Verhängnis hin von den Tagen, da das betörte Volk auf die Worte der empörerischen Demagogen gehört, die es gegen Moses und Josua hetzten, bis zu der Zeit, als der babylonische und später der römische Machthaber Jerusalem eroberten und verbrannten .... Der Funken des Freiheitsgedankens war aber in dem stets hoffenden und immer wieder enttäuschten Volke nicht erloschen. in dem immer sterbenden und wieder auflebenden Juda. Der Messias-Gedanken lebte mit Macht in dem Volke wieder auf. Es kamen die Tage, da Hadrian Rom beherrschte. Der Druck, den der Imperator auf Judas Volk ausübte, war ein unerträglicher geworden. Und es folgte Bar-Kochbas Rufe, den der große Akiba ben Josef als den Stern bezeichnet?, der aufstrahlen sollte von Jakob. Mit elementarer Gewalt erhob fich das Volk von neuem. Neue Kämpfe, neue Niederlagen. Beiher ward erstürmt, die letzte Zuflucht eines gepeinigten und doch auf Erlösung hoffenden Volkes. Der Stern war verschwunden, wie er erschienen. Ein blutiges Gericht ward gehalten über die Märtyrer, »die Zedern des Libanon", wie fie die Elegie nennt, die am 9. Ab ertönt. Das Fleisch wurde dem Einen vom Leibe geschunden, der Andere in eine Thora-Rolle gehüllt und verbrannt, der Dritte geköpft, der Vierte von Pfeilen, wie ein Sieb durchbohrt. »Wenn ich derer gedenke", ruft der Selichoth- Dichter des Mittelalters aus, »dann bebt mir das Herz im Innern." Das Ende war gekommen. Der 9. Ab hatte es gebracht. Aber dieser »schwarze Tag" sollte auch später noch Israel an alte und neue Leiden erinnern. An diesem Tage mußten im Jahre 1306, u. zw. am 22. Juli, die Juden Frankreich und in dem furchtbaren Jahre 1492, am 2. August, Spanien verlassen. 17. Thamus — 9. Ab: Traurige Gedenktage an unsägliche Leiden unseres Volkes. Und doch sollen, nach dem Ausspruche des Propheten, diese Tage dereinstens Festtage für unser *) Eine im Deutschen nicht wiederzugebende Paronomasie.

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