Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 502 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 2J Gleich nach Erlaß des Gesetzes haben sich die Moskauer und Lodzer Großkaufleute, die weitausgedehnte Handelsbeziehungen mit den bucharischen Juden pflegen, für diese bei der russischen Regierung verwendet, mit der Begründung, daß die Verwirklichung des erwähnten Gesetzes ihnen selbst den größten Schaden zufügen würde. Infolge dieser Vorstellungen wurde die Ausweisungsverfügung auf fünf Jahre verschoben. Nach Ablauf dieser Frist begab sich der Taschkents! Rabbiner Schalom Task i r nach Petersburg und suchte dort mit Hilfe des Moskauer Börsenkomitees bei der Regierung zu Gunsten der bucharischen Juden zu wirken. Es gelang ihm auch, einen weiteren dreijährigen Aufschub der Ausweisung durchzusetzen. Es kam dann das letzte Jahr: In Rußland herrschte eine allgemeine Finanzkrisis, die eine Vertreibung der auf dem Gebiete des Handels, und namentlich der Manufaktur-Industrie so hervorragend tätigen und leistungsfähigen bucharischen Juden für das Gesamtinteresse besonders unerwünscht und schädlich erscheinen ließ. Der Generalgouverneur von Turkestan. N. I. G r o d i k o w, verwendete sich beim Ministerium für die Abschaffung des genannten Gesetzes und für Zurückstellung der ganzen Angelegenheit bis zur allgemeinen Regelung der Judenfrage in Rußland. Auch Graf Witte sprach sich in diesem Sinne aus, da „die bucharischen Juden mit den Wilnaer und Berdyczewer Juden nicht zu vergleichen seien." Daraufhin wurde am 22. Dezember 1908, wie seinerzeit berichtet, der Ministerialbeschluß allerhöchst bestätigt, wonach das Gesetz vom 5. Juni 1900 betreffs der bucharischen Juden bis zum 1. Januar 1910 zurückgestellt wurde, zugleich mit der ausdrücklichen Verfügung, daß dies der letzte Aufschub sei. So soll nun der kleine Bruchteil der russischen Judenheit, dem bisher eine menschenwürdigere Stellung gegönnt war, das Schicksal seiner Leidensbrüder teilen. Die bucharischen Juden sehen mit Bangen und Entsetzen dem Ende dieses Jahres entgegen, das den meisten von ihnen den Ruin ihrer Existenz. den Verlust ihres jahrzehntelangen Wohnsitzes bringen soll. Die Juden haben eben hier ihre Pflicht getan, Handel und Industrie zu bedeutendem Aufschwung gebracht — nun „kann der Mohr gehen!" Graf Paalen über die bucharischen Juden. Aus Petersburg wird berichtet: Graf Paalen der gegenwärtig behufs Revision der Regierungsanstalten Turkestan bereist, empfing in Kokand eine Deputation der bucharischen Juden mit ihrem Rabbiner an der Spitze. Die Deputation bat um die Abänderung des bekannten Zirkulars, durch welches den bucharischen Juden aufgetragen wird, bis spätestens 1. Jänner 1910 Turkestan zu verlassen. Graf Paalen antwortete auf diese Bitte: Ich habe mich hier über die Juden der Bucharei genau informiert und erfahren, daß sie ehrliche, ordentliche Menschen seien. Ich habe auch von allen Turkestaner Banken und von den Moskauer Fabrikanten Briefe erhalten, in welchen ich darauf aufmerksam gemacht werde, daß Ihr für den Handel und die Industrie in dieser Gegend unentbehrlich geworden seid. Sie bitten mich gleichzeitig alles, aufzubieten, daß die Verordnung aufgehoben oder zumindest ihre Durchführung aufgeschoben werde. Ich werde mich, so weit es in meiner Macht liegt, für Euch an kompetenter Stelle einfetzen. Mitteilungen aus Marokko. Einem Briefe aus Fez vom 20. Juni entnehmen wir, daß die Lage der dortigen Juden eine andauernd traurige ist. „Das Gefühl der Unsicherheit", heißt es in diesem Berichte, „will nicht von uns weichen. Wir sind einer förmlichen Belagerung ausgesetzt. Alle Juden, die ihre Geschäfte im arabischen Viertel haben, sind in der Mellah, dem jüdi'chen Ghetto, eingeschlossen. Die Unterbindung der Geschäfte ist für diejenigen, die buchstäblich von der Hand in den Mund leben, katastrophal. Die glänzende Ernte, die uns ein Jahr des Ueberflusses in Aussicht stellte, wurde durch Feuer zerstört. Der Preis des Weizens stieg sofort um das Doppelte, und es ist zu befürchten, daß er noch höher steigen werde. Ebenso sind auch die übrigen Getreideposten furchtbar teuer geworden. Am meisten leiden unter diesen Umständen, wie gewöhnlich, die Juden. Dazu kommt noch, daß die herrschenden Truppen, um von den Juden Geld zu erpressen, jeden Augenblick in die Mellah eindringen, und unter dem Vorwände, die Juden hätten die Aufständischen mit Munition versehen, Verhaftungen und Plünderungen vornehmen. Es nützt natürlich wenig, daß die Untersuchung die Grundlosigkeit der Anklagen ergibt, der Schaden ist nicht mehr gut zu machen." Vermischtes. Kranzablösungsfpendeu zugunsten derChewra-Kadifcha in Wien I., Seitenstettengaffe 4 für arme kranke Glaubensgenoffen. Anläßlich des Ablebens des sel. Friedrich Schön Wald: Von kais. Rat Dr. Adolf Schönwald K 40.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Heinrich Tapezierer: Von Emil Goldberg K 6.—, Dr. M. Braun K10.—. Zus. K. 16.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Samuel I. Weiß: Von Moriz Freund K 10,—, Sigm. Kohn K 10.—. Zusam. K 20.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Wilhelm Pollak: Von Dr. Josef Stern K 20.—, Gustav Horzetzky 10.—, Samu Hirsch 10.—, Bernhard Hirsch 20.—, Prof. Dr. Jacques Pöllak 25.—, Pauline Pollak. Budapest 25.—, kais. Rat Julius Stern 25.— Moritz Perles K 25.—. Zusammen K 160.—. Oskar Freiherr v. Rothschild gestorben. Baron Albert Rothschild hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Sein jüngster Sohn, Oskar Freiherr von Rothschild, ist am 12. d. M. um 9 Uhr abends im 21. Lebensjahre nach kurzem Leiden in Wien gestorben. Baron Oskar Rothschild ist erst vor drei Tagen von einer Weltreise zurückgekehrt und war dreiviertel Jahre von Wien abwesend. Der plötzliche Tod des jungen Mannes unmittelbar nach seiner Rückkehr hat große Teilnahme hervorgerufen. Albert Freiherr v. Rothschild, der auf Reisen war, ist Sonntag von seinem Gute Enzersfeld zu kurzem Aufenthalt hier angekommen, um seinen Sohn nach dessen Rückkehr von der Weltreise zu begrüßen. Baron Oskar war der jüngste von. den sechs Bindern des Baron Albert Rothschild und war am 29. April 1888 geboren. Vor zwei Jahren hat er seiner Militärpflicht beim Dragonerregiment Nr. 6 als Einjährig-Freiwilliger Genüge geleistet. Freiherr Albert v. Rothschild, der durch den Verlust seines Sohnes so schmerzlich getroffen ist, hat aus allen Kreisen die Zeichen der größten Teilnahme anläßlich dieses Trauerfalles erhallen. Aus Anlaß des Ablebens seines Sohnes Oskar hat Freiherr Albert v. Rothschild, wie teilweise schon berichtet, der Stadt Wien und der Wiener israelitischen Kultusgemeinde je 10.000 Kronen für ihre Armen gewidmet, welche Beträge nach den Intentionen des Spenders innerhalb der Sterbewoche zur Verteilung gelangen. Außerdem hat Albert Freiherr v. Rothschild einen Betrag von 100.000 Kronen studentischen Unterstützungszwecken zngewendet und einen weiteren Betrag in gleicher Höhe für eine spezielle dem Andenken des Baron Oskar Rothschild zu widmende Stiftung bestimmt. Diese Stiftung zu kreieren sah sich Baron Albert Rothschild aus dem Grunde veranlaßt, weil der Verstorbene besonderes Talent und große Liebe für mathematische und astronomische Studien bekundete. Zur Erinnerung an diese