Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 29 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 498 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 29 der Sache nicht geholfen werden. Möge der Verfasser versuchen, mit der Ausklärnug in eine mährische Provinzstadt zu kommen und er wird bald von seinem Idealismus gründlich geheilt werden. Der Capo judaicus wird ihm auf seine Anregung, das moralische, religiöse und nationale Niveau des Judentums zu heben, die Antwort erteilen: Jeder Doktor ist ein Schmock, schon deshalb, weil er eine Universität besucht hat, und ein anderer jüdischer Würdenträger wird die Entgegennahme eines Auftufes „Heimatlose Auswanderer" mit einigen Kronen zu .unterstützen verweigern mit dem Bemerken: Klosettpapier habe er genug zu Hause. Jede Achtung vor dem Wissen, welche bei den Juden und noch heute bei den Orthodoxen in Galizien so hoch steht, ist hier geschwunden, das „jüdische Herz" hat für die Not der Brüder aufgehört zu schlagen. Die Alten müssen wir für die große Sache als verloren betrachten und sie in ihrem moralischcn Moraste lasten. Mit aller Kraft müssen wir uns der Jugend «wenden. Zunächst muß der religiöse Schulunterricht reformiert werden. Zu diesem Zwecke sind häufig Enqueten von Pädagogen in die Residenzstadt einzuberufen. In den größeren Provinzstädten mit vielen öffentlichen Schulen sind Vereine nach Art der Talmud-Thora-Vereine ins Leben zu rufen, verbunden mit einem Freitisch, um armen jüdischen Knaben aus der Umgebung die Erlangung der Macht des Wissens zu erleichtern. Der Hauptzweck dieser Vereine wäre: Systematische Vorträge in anziehender Form aus unserer Geschichte und Literatur als Ergänzung des religiö'en Schulunterrichtes. Anlegung einer entsprechenden allen jüdischen Kindern, auch denen reicher Eltern, zugänglichen Bibliothek, um ihnen das Bewußtsein beizubringen, daß unsere großen Helden hinter den griechischen und teutonischen nicht zurückstehen, unsere Dichter, Philosophen, Naturforscher, Künstler und Bildhauer im Pantheon des Wissens und der Kunst neben denen anderer Völker bereits Platz genommen haben. Mit Hilfe jüdischer Frauen, deren Herzen von der „modernen Kultur" ihrer Männer noch nicht infiziert sind, könnten diese Vereine geleitet, historische Festlichkeiten veranstaltet werden usw. Zum Zwecke einer einheitlichen Organisation wäre für die nächste Zeit von einem sich in Wien zu bildenden Komitee eine Delegiertenversammlung aller jüdischen Gemeinden einzuberusen und besonders die bestehenden jüdischen Frauenorganisationen hiezu einzuladen. Oessante causa, csssat eüectus, sagt ein altes Sprichwort in der Medizin. An der Wurzel muß die gefährliche Krankheit gepackt und ausgerottet werden. Die Judenjüngel in der Schule werden zu jungen Juden werden und eine junge Generation mit stolzem, nationalen Bewußtsein wird erstehen, würdig der großen Mission, zu welcher seit Jahrtausenden das Judentum auf der Erde berufen ist. vom Aabrmarlrt des Lebens. Ein Denkmal für jüdische Märtyrer. Eine interessante und in seiner Art einzige Aktion beschäftigte jetzt die Juden von Italien. In Ancona hat ein aus Bürgern bestehendes Komitee einen Aufruf erlassen, in welchem um Geldbeiträge zur Errichtung eines Denkmals für jene 24 Juden gebeten wird, welche im Jahre 1556 auf Befehl des Papstes Paul IV. in Ancona den öffentlichen Flammentod erlitten. Es sei hierbei erinnert, daß im Jahre 1492 die Juden aus Spanien und vier Jahre später aus Portugal vertrieben wurden. Ein Teil der Flüchtigen fand in Italien'einen Zufluchtsort, weil Italien damals in kleine Staaten zersplittert war, die miteinander in steter Rivalität sich befanden. Den Ankömmlingen, die zur Entwicklung des Handels wesentlich beitrugen, wurde daher die Ansiedlung gestattet, ohne nach ihrer Herkunft zu fragen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts jedoch entstand, hauptsächlich infolge jesuitischen Einflusses ein reaktionäres Regime, unter dem die Juden viel zu leiden hatten. Im Jahre 1553 wurden sämtliche rabbinischen Werke zur Verbrennung verurteilt und im Jahre 1555 erschien die Bulle Paul IV. „Cum nimis“, durch welche das Ghetto als legale Institution aller christlichen Länder deklariert wurde. In Konsequenz dieser Politik wurden die Marannen, die sich in die unter päpstlicher Herrschaft stehenden Länder geflüchtet hatten, den härtesten Verfolgungen ausgesetzt, obgleich diese erklärten, daß sie niemals die Taufe genommen hätten. Vierundzwanzig dieser Unglücklichen wurden im Sommer 1556 öffentlich verbrannt. Die Garibaldi-Gesellschaft der Stadt Ancona ist nun mit dem Vorschläge hervorgetreten, diesen Märtyrern ein Denkmal zu errichten. Es ist nun interessant, zu beobachten, daß der größtej Teil der italienischen Juden sich dieser Bewegung gegenüber sehr kühl oder ablehnend verhält, weil sie nicht haben wollen, daß die Leidensgeschichte der Juden zu einer antikatholischen Demonstration verwendet werde. Es gibt aber auch zahlreiche Juden, die die Aktion der Garibaldi-Gesellschaft fördern. Es bleibt abzuwarten, welchen Erfolg die Sammlung haben wird. Gordin und Gorki. Der amerikanische Schriftsteller Hermann Bernstein, der sich gegenwärtig in Rußland aushält, erzählt im „Rjetsch" einige interessante Reminiszenzen an den kürzlich verstorbenen jüdischen Dramendichter Jakob Gordin. Als Gordin nach Amerika kam, erzählt Bernstein, kannte er noch überhaupt kein Jiddisch. In Rußland schrieb er nur für russische Tagesblätter und Zeitschriften. Seine Muttersprache war russisch und erst im New-Jorker Ghetto erlernte er den Jargon und begann in diesem Idiom Dramen zu schreiben. Gordin war nicht nur ein guter Schriftsteller, sondern auch ein guter Redner. In New- Jork pflegte er oft in ^Versammlungen mit politischen Reden hervorzutreten. Ueber die ^Bekanntschaft Gordins mit dem russischen Dichter Maxim Gorki erzählt Bernstein folgendes: Als Gorki vor drei Jahren in Amerika" war, "luden'ihm die jüdischen Artisten ein, ins jüdische Theater zu kommen, damit er die jüdische Bühne kennen lerne. Gorki folgte der Einladung. Man gab gerade Gordins „Gott, Mensch und Teufel". Gorki verstand jedoch von dem Inhalte nur wenig und als ihm im ersten Zwischenakte der Autor des Stückes vorgestellt wurde, wußte er ihm nichts anderes zu sagen, als daß in seinem Drama sehr schön — gesungen werde. (Einer der Schauspieler hatte nämlich die amerikanische Nationalhymne gesungen.) Gordin, der von seinem Publikum stets gefeiert wurde, war durch dieses Urteil so erstaunt, daß er gleich nach dem Zwischenakt auf die Bühne trat und dem Publikum in kurzen Worten' die Antwort des russischen Dichters mitteilte. Das zahlreiche Publikum stieß ein Hohngelächter gegen Gorki, der in einer Fremdenloge saß, aus, so daß er beschämt das Theater verließ. Die Szene war so peinlich, daß die Begleiterin Gorkis, die Schauspielerin Andrejewa, in Tränen ausbrach. Juden in bet Aeronautik. Die Rolle, welche der Jude David Schwarz, sowie die Brüder Lilienthal in der Geschichte der Luftschiffahrt und Flugtechnik spielen, ist allgemein bekannt. Sie hatten das Mißgeschick aller Pioniere auf dem Gebiete der Erfindungen, sie sind elend zu gründe gegangen, während später „Vervollkommener" ihrer Systeme moralische und materielle Triumphe feiern. Aber nicht nur als Pfadfinder haben die Juden einen hervorragenden Anteil an der Entwicklung der Flugtechnik, sondern auch als Förderer und Mäcene. An erster Stelle ist wohl Mr. Henri Deutsch de la Meurthe in Paris, der in festem Glauben an die Zukunft der Aeronautik schon zu einer Zeit große Summen für diese Zwecke spendete, als man sich noch der Lächerlichkeit preisgab, wenn man diesem „verrückten Sport" huldigte. Monsieur Deutsch hatte