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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 496 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 29 Konsequenzen zu ziehen. Mr. Lucien Wolf hörte bereits ganz deutlich das Totenglöcklein des Zionismus, während zahlreiche naive Politiker im zionistischen Lager im Gegenteil die Sphärenharmonien der nationalen Autonomie aller türkischen Völkerschaften zu vernehmen meinten. Und dort suchte Wolf die Führer der 2to auf die prinzipielle Abkehr von allen orientalischen Territorialplänen festzulegen, hier bemühten sich die dii minormn gentium, das zionistische Aktionskomitee zu allerlei voreiligen Schritten zu drängen: Verlegung der Zentrale nach Konstantinopel; Entsendung einer diplomatischen Mission, Einberufung eines außerordentlichen Kongresses nach Jerusalem u. dgl. Dieselben guten Leutchen erklärten Zangwill für einen Volksverräter, weil er sich nicht sogleich entschließen konnte^ alle anderen Landprojekte zu Gunsten von Palästina zurückzustellen. Alle diese raisonnierenden und drängenden Politikaster vermochten jedoch nicht, die verantwortlichen Leiter der zionistischen und territorialistischen Organisation aus einer kühl abwartenden Haltung herauszumanöverieren. Zangwill suchte sein Cyrenaica-Projekt politisch weiter zu fördern, bis er ihm aus unpolitischen Gründen ein Ziel gesetzt sah, und blieb den diplomatischen Aussichten von Palästina gegenüber unter dem neuen Regime ebenso skeptisch wie unter dem alten Kurse. Wolffsohn übersah nicht die großen Möglichkeiten, die sich aus der veränderten Lage der Dinge ergeben könnten, aber er hielt sich für verpflichtet, die Organisation ideell und materiell nicht eher zu engagieren, als die. Zustände in der Türkei sich konsolidiert und die jungtürkischen Ideale in Verfassung und Gesetzgebung den Niederschlag gefunden hätten, der für Realpolitiker die notwendige Basis ist. Deshalb widersetzte er sich noch auf der jüngsten Sitzung des großen A. C. sehr energisch der Jnaugurierung eines Agrarbankprojestes mit der ausdrücklichen Begründung, daß bis dato die türkische Agrargesetzgebung noch auf dem alten Stande sei und niemand ihre baldige Reform sicher verheißen könnte. Und als man ihm widersprach und im Brustton der Ueberzeugung die Behauptung entgegensetzte, die Agrarreform werde in wenigen Wochen erledigt sein, erhob sich nicht etwa homerisches Gelächter, sondern man beschloß, dem Projekt naher zu treten und glaubte, dabei staatsmännisch klüger zu h andeln, als bei ruhigem Zuwarten. Nun, in der Politik kommt es oft anders, als alle eingebildete und auch wirkliche Weisheit ahnt, und in der Orientpolitik kommt es immer anders. Dennoch muß gerade die neueste Wendung der türkischen Dinge nicht durchaus als eine jener Ueberraschungen betrachtet werden. Im Grunde durfte man, bei leidenschaftsloser Anschauung der Verhältnisse und aller sie bewegenden Faktoren, nicht erwarten, daß der Status nach der Juli- Revolution schon ein endgültiger sein würde. Wo in aller Welt hat sich eine so grundstürzende Umwälzung aller, die Gesamtheit und jeden Einzelnen, betreffenden Beziehungen mit einem Schlage, ohne Rückschläge, vollzogen? Die in Menschen und Dingen so wohl vorbereitete, so langsam und lang ausgereifte französische Revolution brauchte mehr als ein volles Jahrhundert, um sich richtig durchzusetzen. Und was ist von der russischen Revolution übrig, obgleich sie unter den denkbar günstigsten Auspizien einsetzte? Nichts — weil sie nicht von der breiten Masse der Bevölkerung, sondern von der dünnen Oberschicht der Intellektuellen getragen war. Damit ist es offenbar in der Türkei wenig anders: den islamitischen Massen ist die Politik Hekuba, der Koran alles! Das türkische Problem ist aber nicht nur von innen durch die religiöse Frage, sondern auch von außen durch die Interessen und Kabalen aller Großmächte kompliziert. Dazu kommen die auf die Spitze getriebenen nationalen Aspirationen verschiedener Völkerschaften (Albanier, Armenier, Mazedonier, Griechen, Araber), die von jeder Veränderung der Dinge, gleichviel ob sie innerpolitischen Fortschritt oder Rückschritt bedeuten, eine Förderung ihrer Bestrebungen erhoffen und darum geneigt sind, stets im Trüben zu fischen. Vollends die hervorragende Rolle des Militärs bei der ersten Revolution wie bei der Abwehr der Gegenrevolution bedeutet ein komplizierendes Moment von schwerwiegendster Bedeutung. Man kann, nach einem bekannten Wort, ja mit Bajonetten alles machen, nur nicht: sich darauf setzen. Militärrevolutionen haben noch immer und überall die Keime für weitere innere Erschütterungen in sich getragen und auf die Diktatur von Generälen hat man noch niemals ein freiheitliches Staatswesen gründen können. All diese Momente, die einer glatten, gedeihlichen Weiterentwicklung des osmanischen Reiches hinderlich im Wege stehen, waren ja vor einem halben Jahr auch vorhanden und im Grunde bekannt. Aber man durfte, nein, man wollte sich der Illusion hingeben, daß alle jene hinderlichen Faktoren unter einer besonders günstigen Konstellation eines Völkerschicksales überwunden, übersprungen werden könnten. Es war eine Illusion! Was nun? Die Jungtürken haben wieder gesiegt. Aber sie selbst sind von der Zufriedenheit und Selbstbescheidung des Heeres abhängig, mehr als je. Schon sehen sie sich auch genötigt, dem religiösen Fanatismus allerlei Konzessionen zu machen. Die Presse ist unter strengster Zensur, es wird verbannt und gehenkt, wie nur jemals früher, die Armeniermorde sind wieder qn der Tagesordnung und an der Peripherie des Reiches ist alles außer Rand und Band. Was für die jüdischen Bestrebungen am bedeutsamsten ist: die Partei der liberalen Union, die die Autonomie aller Nationalitäten auf ihre Fahne geschrieben hatte, wird von den jetzigen Machthabern blutig verfolgt und soll womöglich ausgerottet werden. Die Befürchtungen, die vom Beginn der revolutionären Krise in engeren Zirkeln gehegt wurden und auch in diesem Blatte Ausdruck fanden, scheinen leider rascher einzutreffen, als selbst Pessimisten annehmen konnten; es bereitet sich in der Türkei das berüchtigte Bündnis zwischen Militarismus, Klerikalismus und Nationalismus vor, das den Völkern niemals Heil, den Juden allenthalben nur schweres Unheil gebracht hat. Gott gebe, daß neue Wendungen solche Prophezeihungen Lügen strafen und die Dinge trotz allem sich glücklicher, aussichtsreicher gestalten! Aber in jedem Falle ist es Mr uns Juden besonders dringlich, die Augen offen zu halten, die ernste Welt der Tatsachen nicht durch die Brille ' von Wünschen und Hoffnungen a nzuschauen. Eins ist heute für jedermann klar: die türkische Frage ist leider noch nicht gelöst, sie ist wieder in vollem Flusse und wird es noch lange bleiben. Damit wird die jüdische Politik, mag sie nun von zionistischen oder territorialistischen Prinzipien orientiert sein, unweigerlich zu rechnen haben. David Wolffsohn und Israel Zangwill hatten Recht, als sie sich weigerten, das Ergebnis der ersten Revolution in der Türkei als Definitivum hinzunehmen und daran weittragende Konsequenzen politischer Natur zu knüpfen. Die Parole heißt und wird leider noch lange heißen: Abwarten! Abwarten, aber nicht untätig sein! Es gibt auch in der Erscheinungen Flucht Aufgaben in Palästina, denen die zionistische Organisation unverwandt sich widmen kann und darf: Aufgaben der Erforschung des Landes, 'seiner landwirtschaftlichen, gewerblichen, industriellen, technischen Möglichkeiten, Aufgaben der „Schaffung von Bedingungen" für alle die Juden, die Mr die eigene Person und auf eigene Gefahr ihr Zionsideal verwirklichen wollen, Aufgaben der moralischen und ökonomischen Hebung der im Lande selbst ansässigen Juden.

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