Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-16 · 29 (16.7.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
29 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021848--18469-3043399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 494 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 29 Reform, weil sie auch aus eigener Tasche hätten etwas hergeben müssen. Die französischen Klerikalen hetzten die Bauern und die Armee gegen das Vaterland, als man ihnen die Güter weguahm, die doch nicht von dieser Welt sind. Die belgischen Klerikalen plündern den Kongo und verhindern die Schulbildung. Die italienischen Klerikalen sind die unversöhnlichen Feinde ihres eigenen Staates. Wo die Klerikalen an der Macht sind, mißbrauchen sie diese in rücksichtsloser Weise für ihren Vorteil. Das Vaterland ist chneu nichts, die Bevölkerung ohne Bedeutung, wenn es den eigenen Nutzen gilt. Nach allen Seiten wird Verrat und schrankenloser Terrorismus geübt, wenn davon Resultate für die eigene Geldtasche und den Titel zu erwarten sind. Die skandalöse Obstruktion im österreichischen Abgeordnetenhause ist nur eine kleine Phase in einem großen Weltkampfe um die Macht des Klerikalismus. Ihre moralische Berechtigung ist vielleicht eine Moral für die Regierung des .Staates, in welchem man den antisemitisch-klerikalen Lügen gegen die Juden glaubte und in dessen Konsequenz eine Gruppe von Staatsbürgern hintansetzte und bedrückte, deren aufrichtige Loyalität im geraden Gegensätze zur perfiden staats- und volksverräterischen Haltung ihrer Verleumder steht. Gewaltakte der rumänische« Regierung. (Original-Korrespondenz der „Oesterr. Wochenschrift".) Jassy, 12. Juli 1909. In der letzten Zeit ist aus den Dörfern in den Distrikten der Moldau wieder eine ganze Menge dort — seit Jahrzehnten — ansässiger Juden ausgetrieben worden. Da viele dieser Juden Grundstücke in Pacht halten, so versammelte sich dieser Tage hierorts eine Anzahl der betroffenen Gutsbesitzer um über diese Austreibungen„zu beraten, durch die sie in ihren Interessen schwer geschädigt wurden. Denn abgesehen davon, daß die betreffenden Gutsbesitzer von den ausgetriebeueu Juden nicht die Pachtraten einkaffieren können, wird auch der Wert des Grund und Bodens durch den Umstand verringert, daß die Möglichkeiten, die Grundstücke auf dem Wege freier Verständigung an wen immer zu verpachten, eine bedeutende Einschränkung erfährt. Aber die Sache bietet auch vom juridischen und politischen Standpunkte große Wichtigkeit dar. Der Artikel 5 des Gemeindegesetzes bestimmt nämlich, daß die Art der Anwendung des Gesetzes durch ein eigenes Reglement geregelt werden wird. Dieses Reglement wurde bis heute noch nicht ausgearbeitet und das Gesetze wird deshalb — je nach Bedarf — interpretiert. Das Gesetz gestattet in ausdrücklicher Weise die Verpachtung von Grundstücken an jedermann, sogar an Fremde, die sodann infolgedessen auch das Recht haben, in der Dorfgemeinde sich anzusiedeln, um ihr Vermögen zu verwalten. Allein die zuständigen Behörden des Jassyer Distriktes sind der Ansicht, daß dieses Recht, welches das Gesetz „Jedermann" und -sogar Fremden" einräumt, den rumänischen Juden nicht zu steht, und deshalb hat die Jassyer Präfektur au die Primaria der einzelnen Dorfgemeinden ihres gesamten Distriktes strikte Weisungen ergehen lassen, sämtliche Juden.aus den Dörfern auszuweisen. Alle Bitten und Beschwerden an die Zentralregierung sind bisher vergeblich geblieben. Viele jüdische Existenzen sind durch diesen Gewaltakt vernichtet. Quousque tan dem? Die Irrbenfrage in Rumänien. (Aus dem „Bukarester Tagblatt".) -Der Führer der rumänischen Sozialisten Herr Doktor Rakowski hat vor einiger Zeit in der Pariser Zeitschrift „Ooarrier Europeen“ über die Judenfrage in Rumänien einen Artikel veröffentlicht, den wir in unserm Blatte resümiert haben. Herr Universitäts-Professor N. Jorga antwortet nun auf diesen Artikel in folgendem Briefe, der gleichfalls im „Courrier Europeen“ veröffentlicht worden ist: „Rumänien — so schreibt Herr Jorga — ein Staat, der einzig und allein durch die Anstrengungen der rumänischen Nasse entstanden ist, hat einen unbestreitbaren nationalen Charakter und existiert, um diese Rasse zu repräsentieren. Die unter fremder Herrschaft stehenden Rumänen in der Zahl von wenigstens 5 Millionen richten ihre Blicke voller Hoffnung auf Rumänien. Moralisch stellt Rumänien mehr dar, als es zu sein scheint. Eine Verletzung dieses ausschließlich nationalen Charakters, der in vollständiger Weise nicht bloß durch die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch durch die Zukunft gerechlfertigt wird, die ins Auge zu fassen und vorzubereiten wir ein Recht haben, wäre gleichbedeutend mit der Zerstörung Rumäniens. Dieses Land, das von 5 Millionen rumänischen Bauern und einer zahlreichen städtischen Bevölkerung von Numämn bewohnt wird, beherbergt auch eine kompakte Masse von 600.000 Juden, die ihrer Mehrzahl nach in der Moldau wohnen. Die Städte im Norden der Moldau sind in ihrer Hand. Sie verfügen über den größten Teil der Kapitalien. Sie beherrschen den kleinen Handel und die Gewerbe. Sie entfernen durch ihre solidarischen Anstrengungen jede rumänische Konkurrenz. Seit einiger Zeit erstreckt sich ihre zerstörende Tätigkeit auch auf die Dörfer. Die Fischers und Justers sind die größten Pächter in der Moldau, welche Truste bilden, die keine rumänische Negierung anzugreifen wagt, weil diese „vornehmen Juden" ihre Stütze in allen Parteien haben. Ihr unerhörter Druck, gleich demjenigen der wilden Pflanzer gegenüber den amerikanischen Negern, hat den schrecklichen Bauernaufstand von 1907 hervorgerufen. Diese Juden, welche die moldauischen Städte beherrschen, in deren Händen sich die wirtschaftliche Tätigkeit dieser Städte befindet, welche schließlich in die Dörfer eingedrungen sind, wo sie allmählich den Bauern, der ihr Sklave geworden ist, vernichten, diese Juden sind Fremde im absoluten Sinne des Wortes. Sie waren Fremde, sie sind es und sie werden es immer sein. Sie sprechen einen mit deutsch gemischten Jargon, sie halten in hartnäckiger Weise an einer besonderen Tracht fest, sie hegen einen unausstehlichen Haß gegen die „Gojim" des Landes, die sie ausbeuten, sie haben kein Gefühl für dieses Land, für das sie niemals ein Opfer gebracht haben. Das sind jene frechen Eroberer, denen es überdies an jedem moralischen Werte fehlt, welche die politischen Rechte, das ist, das Recht verlangen, zu wählen und gewählt zu werden, die einzigen Rechte, die ihnen als Fremde, die sie sind, vorenthalten werden.,. Den, Fremden kann durch..ein Votum des Parlaments in individueller Weise ein „Jndigenat" bewilligt werden, die Juden aber verlangen in den Preßkampagnen, deren neueste Kundgebung der Artikel des Herrn Rakowski ist, diese höheren politischen Recht; in Masse, um in vcllkommener Weise ein Land zu beherrschen, das ihnen nach keiner Nichtung hin gehört und in das sie seit einem Jahrhundert durch List und Ränke eingedrungen sind. Diese hohen politischen Rechte können wir ihnen nicht in Masse gewähren. Man spreche nicht von Religions- oder Rassenhaß. Es handelt sich um etwas ganz anderes, es handelt sich um unsere nationale Existenz, die von dem rein rumänischen Charakter Rumäniens abhängt. Jeder vernünftige Mensch wird begreifen, daß wir uns nicht selber töten können, um uns vor der Kritik der Interessenten oder der Kritik jener Aufrichtungen zu bewahren, die in diesen schwer wiegenden und großen Dingen, die das Leben einer Nation ausmachen, bloß den Gegenstand sentimentaler Vernünfteleien und Faseleien erblicken." Wir finden es begreiflich, daß Herr Professor Jorga feinen Standpunkt als extremer Nationalist und Antisemit mit allem Nachdrucke vertritt und daß er seinen Ansichten durch die Veröffentlichung in einem Blatte von der Wichtigkeit des „Courrier Europeen“ die denkbar größte Publizität zu geben bemüht ist. Was wir aber weder begreifen und noch viel weniger billigen können, ist, daß er, der Gelehrte und Historiker, der die Wahrheit über Alles stellen müßte, sich nicht scheut, offenbare Unwahrheiten vorzubringen. Es gibt keine 500.000 Juden in Rumänien, sondern höchstens die Hälfte dieser Zahl. Es ist nicht wahr, daß „das Recht, zu wählen und gewählt zu werden, das einzige Recht ist, das ihnen, als Fremden, vorenthalten wird"; die Juden stehen unter einer ganzen Serie von gesetzlichen Ausnahmsbestimmungen, durch die sie nicht bloß in ihrem Erwerb, in ihrer Freizügigkeit und in der Sicherheit der Existenz, Indern auch in ihrer intellektuellen Entwicklung gehemmt werden. Es ist nicht wahr, daß die Juden „in die Dörfer eingedrungen sind, wo sie den zu ihrem Sklaven gewordenen Bauer allmählich vernichten"; den Juden ist der Aufenthalt auf den Dörfern überhaupt nur in Ausnahmsfällen gestattet und ihre Zahl in den Dorfgemeinden ist eine so geringe, daß sie dort keinen irgendwie nennenswerten Faktor darstellen. Wenig ernst ist auch die mehr als simplistische Erklärung, die Herr Jorga für die Entstehung der Agrarempörung des Jahres 1907 gegeben hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.