Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 485 Mut und seine Zähigkeit bewiesen hat, ist der richtige Manu, um den schweren, aber notwendigen Kampf gegen den Alkoholismus zu führen. Die Gruppe zur Bekämpfung des Alkoholismus umfaßt Abgeordnete aller Parteien. Es ist also umso bedeutungsvoller, daß sie den Antiklerikalen, demokratischen, dreyfusistischen R e L n a ch zum Vorsitzenden gewählt hat. London.. Ganz überraschend und von dem gewöhnlichen Usus abweichend (siehe meinen Bericht über Doktor Adler in Nr. 25) wurde Oberrabbiner Dr. Adler in London aus Anlaß seines 70. Geburtstages vom König Eduard VH. zum Kommandeur des Viktoria- Ordens ernannt. Nur sehr wenig Geistliche besitzen diesen Orden; die zwei, die ihn zugleich mit Dr. Adler erhalten, find beide Militärgeistliche. Der Orden wurde im Jahre 1896 von der Königin Viktoria gegründet, um, wie das Statut besagt: „Jene zu ehtzen, die außerordentliche oder wichtige oder aber persönliche Dienste dem Monarchen erwiesen haben". Die Auszeichnung hat naturgemäß in allen Kreisen der jüdischen Bevölkekerung große Befriedigung hervorgerufen. Dr. Adler wird am 22. Juli mit den Insignien des Ordens bekleidet werden. 6. D. Die Juden als Landwirte. Ueber die jüdischen Ackerbaukolonien im Gouvernement I ekaterinoslaw veröffentlicht der Statistiker der Semstwo- Verwaltung des Gouvernements, M. E. S e m z o w, soeben eine interessante Studie: „Jüdische Bauern", die sich zwar jedes Raisonnements über die gewonnenen statistischen Unterlagen enthält, aber durch die Vergleiche zwischen diesen jüdischen Kolonien und den benachbarten Kolonien der russischen Kleinbauern und denen der eingewanderten deutschen Ansiedler überaus wertvolles Material zur Beurteilung der grundsätzlichen Frage der Eignung der Juden für die Landwirtschaft beibringt. Das Werk selbst, das einen amtlichen Charakter besitzt, liegt uns zurzeit noch nicht vor, aus einem uns vorliegenden Auszug entnehmen wir jedoch, daß der Verfasser, der 17 jüdische Kolonien, die in den Regierungsbezirken Mariupol und Alexandrowsk gelegen find und eine Einwohnerzahl von zirka 11.000 Personen mit insgesamt zirka 25.000 Morgen Land umfassen, besucht hat, es als „zahlenmäßig festgestellt" bezeichnet, „daß die Landwirtschaft bei den Juden auf einem etwas höheren Niv eau steht, als bei der Majorität der christlichen Bevölkerung." Der Verfaffer, der auch „die Anhänglichkeit der jüdischen Kolonisten an ihre Siedelungen vnd die außerordentliche Sorgfalt, mit der sie das Aeußere derselben pflegen", rühmt, resümiert über die Zukunft dieser jüdischen Kolonien folgendermaßen: - „Die jüdischen Kolonien entwickeln sich trotz aller Ungunst der Verhältnisse von Jahr zu Jahr. Das alte Geschlecht macht natürlich allmählich dem jüngeren Platz; es kommen neue lebensfreudige, auf dem Lande aufgewachsene und in der Landwirtschaft aufgehende Menschen, die mit der Zeit auch die neuen Arbeitsmethoden sich aneignen und zunutze machen. Hier haben wir es tatsächlich mit kräftigen, arbeitstüchtigen jüdischen Bauern zu tun, und wollte ich in meiner hier vorliegenden Untersuchung das Wort „jüdisch" streichen, so würde keine einzige Erscheinung, kein einziger Zug darauf hindeuten, daß nicht von ganz normalen und recht gut prosperierenden Bauernsiedelungen. wie man sie allüberall bei den Kulturvölkern vorfindet, die Rede war." Wir kommen auf diese interessante Publikation des russischen Agronomen und Statistikers später noch zurück. Eine wertvolle Ergänzung findet dieses Thema durch den soeben veröffentlichten Jahresbericht des amerikanischen Staatsdepartements für öffentliche Erziehung, in dem zwei jüdischen Farmschulen folgende Anerkennung gezollt wird: „Eine der besten landwirtschaftlichen Schulen ist die „National Farm School" in Doylestown, die, obgleich im Jahre 1896 eröffnet, heute nicht mehr als 40 Schüler aufzunehmen in der Lage ist. Eine ausgezeichnete Fakultät, an deren Spitze der gewesene Präsident einer unserer besseren landwirtschaftlichen Hochschulen steht, hält dort Vorlesungen in vierjährigen Kursen. Knaben aus allen Staaten werden als Schüler ausgenommen, ohne Unterschied der Konfession, obgleich die Anstalt ursprünglich für junge Juden gegründet wurde und auch fast ausschließlich von Juden besucht wird. Die Söhne Abrahams, wenngleich in ihrer frühesten Geschickte an den Pflug gewöhnt, waren in späteren Jahrhunderten lange Zeit gezwungen, auf eigenen Landbesitz zu verzichten, und find daher heute in größerem Maße Stadtbewohner als jede andere Raffe. Die meisten Schüler aller anderen landwirtschaftlichen Anstalten haben, bevor sie in die Anstalt treten, längere Zeit auf Farmen gelebt, diese Jungen aber kommen, ohne Ausnahme aus größeren Städten. Aber die theoretischen und praktischen Kenntnisse der Landwirtschft werden ihnen so gründlich gelchrt, daß die Absolventen durchweg erfolgreiche Farmleiter wurden oder auf ähnlichem Gebiete ihre Geschicklichkeit zu beweisen in der Lage waren. Mehrere von ihnen sind in den Dienst des Ministeriums für Landwirtschaft in Washington eingetreten und zeichnen sich dort durch ihre Arbeiten in den Versuchs st ationen aus. Auch die Baron Hirsch'sche landwirtschaftliche Schule in Woodbine versieht ähnliche Arbeit." Die Zahl der Juden in Indien. Im letzten Bande des Berichtes der englischen Regierung über Indien finden sich auch intereffante Daten über die Juden in Indien. Diesem ist zu entnehmen, daß die Zahl der indischen Juden in den letzten 20 Jahren von 12.000 auf 18.000 angewachsen ist. Dieser Zuwachs ist jedoch nicht der Einwanderung zuzuschreiben, da Indien mit seinen klugen, eingeborenen Kaufleuten und — wie der Bericht besonders hervorhebt — mit seinen niederen Arbeitslöhnen für die ausländischen wenig anziehend ist. In Indien existieren zwei gut eingerichtete jüdische Kolonien, die eine in Bombay und die andere in Kochin. Die Entstehungsgeschichte der Kolonie „Bnei Israel" in Bombay ist sehr dunkel und wenig aufgeklärt, hingegen find in Kochin noch zwei Kupfertafeln vorhanden, aus der Inschrift auf derselben geht hervor, daß daselbst schon im achten Jahrhundert eine jüdische Siedlung bestanden hat. Die jüdischen Kolonien bestehen aus einer weißen und einer schwarzen Volksschichte. Die schwarzen Juden haben sich mit den Eingeborenen vermischt, sowie auch viele Indianer zum Judentume übergetreten find. Die meisten der schwarzen Juden in Indien find Nachkommen dieser Mischungen. In Aden wohnen 3059 Juden. Das Werk gedenkt sogar der 8 jüdischen Familien in der Provinz Paroda. In der Stadt Bombay lebten im Jahre 1901 rund 5360 Juden gegenüber einer Gesamtbevölkerung von rund ’/* Millionen. In Kalkutta wohnten 1889 Juden. In ganz Zentralindien finden sich nicht mehr als 24 Juden, die in den englischen Kolonien und Schutzstationen wohnen. In Kochin betrug im Jahre 1901 die Zahl der Juden 1137 und in Ernaculas 412. Diese Stadt bildet die Endstation der Kochiner Eisenbahn und hat in kurzer Zeit einen großen Aufschwung genommen. Der Handel, der jetzt in Entwicklung begriffen ist, befindet sich zum großen Teile in den Händen der Juden. Nicht weit von da liegt die Stadt Mathanchery, mit 474 Juden. Jntereffant ist auch derjenige Teil des Berichtes, der sich mit einer Ortschaft beschäftigt, die den Namen „Jüdische Stadt" trägt und ausschließlich von weißen und schwarzen Juden bewohnt wird. Diese Juden stammen aus Spanien, woher sie nach der Vertreibung im 16. Jahrhundert eingewandert find und eine große Kolonie gründeten. Mit der Zeit ist diese historisch intereffante „jüdische Stadt" stark zurückgegangen. Bon ihrer alten Blüte sprechen drei alte Synagogen. Antisemitismus in Kanada. In der Hauptstadt von Kanada, in Quebeck, erscheint ein antisemitisches Blatt mit dem Namen „La veritö". Der Inhalt des Blattes hat mit dem Titel nichts zu tun, denn das blutrünstige Blatt ist täglich voll mit antisemitischen Lügen gegen die Juden. Gegen dieses Lügenblatt führt das dortige jüdische Organ „The Jewish Times" einen heftigen Kampf. In einer der letzten Nummern erinnert das jüdische Blatt an den vor Kurzem stattgefundenen Prozeß, den die „Jewish Times" gegen den Redakteur eines anderen jüdischen Blattes, Gaspard Robillard, geführt hatte. Robillard wurde wegen Verleumdung des jüdischen Volkes angeklagt und ver-