Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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«Seite 484 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 28 In Colombo gibt es keine Juden und es ist daher schwer, daselbst ein Komitee zu gründen, das mit uns kooperieren würde. Unter anderen großen Wohltaten haben Sie jüngst auch ein wissenschaftliches Institut gegründet, nicht wahr? Ja wohl, ich gab für diesen Zweck 70.000 Pfd. St. Hebet den Militärdienst -er Juden in der Türkei erfährt der Londoner „Jewish Chronicle" aus Konstantinopel: Die Frage des Militärdienstes der Nichtmohammedaner in der Türkei dürfte in zwei bis drei Wochen in der türkischen Kammer zur Beratung gelangen. Die Regierung wendete sich an den Chacham Baschi mit der Frage, ob in dieser wichtigen Frage von jüdischer Seite irgendwelche besondere Wünsche vorliegen. Der Chacham setzte hierauf ein Komitee ein, um die Frage vom jüdischen Standpunkte eingehend zu studieren. Diesem Komitee gehört auch der jüdische Deputierte von Smyrna, Nifsim Mazliach an, der auch Mitglied der parlamentarischen Kommission über dieselbe Frage ist. Laut verläßlichen Mitteilungen, die der Korrespondent des „Jewish Chronicle" erhalten, wird sich das von Chacham Baschi eingesetzte Komitee für eine bedingungslose Einreihung der Juden ohne jede Einschränkung aussprechen. Es sollen demnach auch die bekannten Forderungen religiöser Natur aufgegeben werden. Der Korrespondent des genannten Blattes meint, daß dieser Beschluß des jüdischen Komitees in der türkischen Kammer einen glänzenden Eindruck Hervorrufen werde. Eine Gesellschaft für jüdische Statistik in Paris. Aus Paris wird uns geschrieben: Dieser Tage wurde hier eine Gesellschaft für jüdische Statistik ins Leben gerufen. Das Projekt ist nicht neu, denn es stammt noch vom verstorbenen Bernhard Lazare, der einen vollständig fertigen Arbeitsplan für eine solche Gesellschaft entworfen hatte. Seine damaligen Versuche zur Gründung einer solchen Gesellschaft blieben jedoch aus mehrfachen Gründen erfolglos. Nunmehr scheint das Projekt doch feste Formen anzunehmen, denn dem provisorischen Komitee haben sich die hervorragendsten Vertreter aller Berufe, Mitglieder der Universität, des Barreaus und der freien Berufe angeschlossen. Unter ihnen befinden sich die Professoren Filvain Levy, Basch, Isidor Levh und Mauß, ferner die Herren Sonnenfeld. Meyersohn und Schwarzfeld von der „Jca", der Bruder Bernhard Lazares, Colonel Bernard, der Präsident der „Alliance" und der „Jca", Narciffe Leven, welch Letzterer als Präsident der Gesellschaft in Aussicht genommen wurde. Die eigentliche Täigkeit der Gesellschaft wird erst im Oktober dieses Jahres in Angriff genommen werden. Dr. Nordau über die gegenwärtige Lage des Zionismus. Einem Redakteur des „Lemberger Tagblatt" gegenüber machte Dr. Max Nordau eine sehr interessante und beachtenswerte Mitteilung über den heutigen Stand des Zionismus. „Alle Ereignisse in der Türkei nach der Konstitution" sagte Dr. Nordau, „find so eingetroffen, wie ich sie vorausgesehen und am 1. Juni d. I. in der „Neuen Freien Presse" vorausgesagt habe. Die Zionisten müssen in der Türkei unbedingt über den Parteien stehen und dürfen fich in die inneren Angelegenheiten des Landes nicht einmischen und keinen aktiven Anteil an denselben nehmen. Das war der Grund, weshalb ich seinerzeit noch vor der Revolution, als im ftanzöfischen Blatte „L'Jndspendant" ein offener Brief gegen den Präsidenten des türkischen Parlamentes, Achmed Riza erschien und ich erfuhr, daß diesen Artikel ein Konstantinopler Mitglied unserer Partei schrieb, sofort das engere Aktionskomitee darauf aufmerksam machte und wünschte, daß in Zukunft solche Fälle fich nicht wiederholen mögen, da ein offenes Eingreifen in die inneren türkischen Angelegenheiten dem Zionismus großen Schaden zufügen müßte." Im weiteren Verlaufe der Unterredung erklärte Dr. Nordau freimütig, daß er, im Gegensätze zur gegenwärtigen Stimmung im Zionismus, kein besonderer Freund der kolonisatorischen Arbeit in Palästina sei. In einer Konferenz sagte Dr. Nordau: „Wir haben in Palästina nur eine Kolonie und das ist das jüdische Land, und nur eine Emigrantentruppe dahin zu führen: das jüdische Volk." Hingegen sprach fich Dr. Nordau für die Errichtung möglichst vieler Schulen in Palästina aus, da diese zwischen dem alten und neuen Geschlecht ausgleichend wirken. Hinsichtlich der vielseitigen Klagen, die jetzt besonders in der österreichisch-zionistischen Presse gegen die Zentralleitung erhoben und ihr besonders vorgehalten wird, daß sie gegenwärtig überhaupt keinen Arbeitsplan besitze und politisch nur einen Tag auf den anderen und nur von der Hand in den Mund lebe, äußerte fich Nordau: Solche Klagen werden immer häufiger und immer lauter, aber ich kann ihnen nicht zustimmen. Die Führer der Partei wissen sehr gut, was sie wollen und wenn Herr Wolffsohn fich jetzt auf zwei Monate nach Konstantinopel begibt, so geschieht dies nicht, um in der türkischen Hauptstadt Zerstreuungen zu suchen, die er in Köln nicht haben könnte, sondern zu dem Zwecke, um dort mit den maßgebenden Kreisen Fühlung zu nehmen und an Ort und Stelle darüber Untersuchungen anzustellen, auf welche Weise das zionistische Programm zur Durchführung gelangen könnte. Wenn aber trotzdem von vielen Seiten Klagen gegen die Parteileitung sich erheben, so sei eine solche Erscheinung im Judentum nichts Neues. Das jüdische Volk ist eben groß im Hoffen und Bangen und Verlangen, es ist aber klein im Unterstützen und Geben, wenn es sich um ihre eigenen Zwecke handelt. Juden im Kampfe gegen den Alkoholismus. Man schreibt aus Paris: Joseph R e i n a ch, welcher an Stelle des zum Senator aufgestiegenen Ribot zum Vorsitzenden der Kammergruppe der Alkoholbekämpfer gewählt worden ist, hat in derselben eine mutige Rede gehalten. Mutig, weil ein großer Teil der Deputierten stets Bedenken trägt „vor*den Wahlen", und die Wahlen fangen zu Beginn des nächsten Jahres an, sich an diesem dornigen Problem zu vergreifen. Jedermann gibt zu, daß in Frankreich zu viel Alkohol, namentlich in Form des mörderischen Absinth-, schnapses, getrunken wird, daß die physische und geistige Leistungsfähigkeit des Volkes darunter leidet, aber es sind gar zu viele Interessen mit dieser Konsumtion verquickt: sowohl die der großen Fabrikanten als die der Schankwirte, vom. Inhaber .des. glänzenden Kaffeehauses herab bis zum „Mastroquet" der Winkelkneipe. Die Republik hat in den ersten Jahren ihres Bestehens aus politischen Gründen den Alkohol leider begünstigt. Sie hat im Süden des Landes die ausgedehnte, heute zur enormen Schädigung der Staatsfinanzen und der Volksgesundheit gewordene steuerfreie Hausbrennerei geduldet und den Konzessionszwang für den Kleinhandel und den Ausschank von Branntwein aufgehoben. Dadurch hat man die Weinbauern und Schnapsbrenner im Süden und die Schankwirte im ganzen Lande allerdings zu radikalen Republikanern gemacht, aber die Schnapsgeister, die man rief, kann man heute leider nicht los werden. Die Schankwirte sind die eifrigsten Wahlagenten für die Republik, aber wenn man ihnen ein Härchen krümmt, so drohen sie ungeniert, Wahlagenten gegen die Republik zu werden. Unter diesen Umständen ist es Joseph Rein ach hoch anzurechnen, daß er den in Frankreich so seltenen „Mut zur Unpopularität" besitzt. Er hat den Kampf gegen den Alkoholismus begonnen, indem er ein Gesetz eingebracht hat, welches die allmälige Verminderung der Schankstätten bezweckt. In seiner Rede sagte er: „Wir müssen in der Schlacht gegen den Alkohol die Offensive ergreifen. Welche Aufgabe sich uns auch immer bieten mag, es wäre die größte Torheit, wenn wir uns bei ihrer Lösung von der Besorgnis vor den Wählern leiten ließen, wohlverstanden, ich spreche nicht vom allgemeinen Stimmrecht, sondern von den paar Wählern, die sich das Recht anmaßen, im Namen der Wählerschaft das Wort zu führen und zu drohen. Man kapituliert vor diesen Individuen, man bewilligt ihnen, was sich mit dem allgemeinen Interesse nicht verträgt, aber das allgemeine Interesse und die Wahrheit rächen sich früh oder spät. Wir haben das oft genug erlebt. Es wird ein Tag kommen, wo die Wählermasse selbst sich gegen jene Gewalten kehrt, die aus Sorglosigkeit oder aus Kleinmut es nicht verstanden haben, Körper und Geist der Rasse zur rechten Zeit zu schützen." Rein ach, der im Dreyfus-Handel seinen hohen moralischen