Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Bkochs Wochenschrift. Sette 483 mutet, daß sie vollständig im Banne Rothschilds stehen. Wenn aber der Finauzminister nicht die Person, sondern den Typus hervorheben wollte, den Typus der Reichen an Geld und Einfluß, warum hat er sich nicht die Hochtorys, die Herzoge herausgesucht, denen der größte Teil von London gehört, die jeder einzelne Einkünfte von hunderten Millionen haben und unbekümmert zur Parforcejagd reiten, während das Elend in London Treibjagden abhält und seine Opfer in die Themse sprengt? Der englische Finanzminister scheint die großen Traditionen seiner Nation vergessen zu haben und den Mut nur dort zu besitzen, wo es eine Feigheit ist, gegen den Juden nämlich, der sich nicht wehren kann. Darauf deutet der ostentative Gebrauch des Vornamens Nathaniel für Lord Rothschild hin. Wenn das seine Absicht war, so kann sich Sir Lloyd-George eines großen Erfolges rühmen. Denn die antisemitische Presse auch des Kontinents hat seine Worte ihren Lesern als den Protest der englischen Regierung gegen die jüdische Vorherrschaft im Lande aufgetischt. So erwächst aus einer kleinen Fälschung ein großer gehässiger Schwindel. In erster Linie natürlich beim „Deutschen Volksblatt", das keine Gelegenheit vorübergehen läßt, ohne den Befähigungsnachweis für den publizistischen Stall zu erbringen. Eine Unterredung mit Sir Jacob Sassoon. Unter dem Titel „Narebant krluee and. Philantropist“ veröffentlicht „Jewish Chrom cle" eine interessante Unterredung, die sein Korrespondent mit Sir Jacob Sassoon aus Bombay hatte. Eine „Plauderei mit Sir Jacob Sassoon" heißt es da, „führt einen im Geiste zurück, in die lichtvollen Tage Harun al Raschids. Es gibt nur sehr wenige jüdische Gemeinden in der Welt, die einer Person so viel zu danken hätten, als diejenige von Bombay Sir Jacob Sassoon. Dieser wurde im Jahre 1845 als ältester Sohn des verstorbenen E. D. Sassoon, eines Sohnes des David Svssoon geboren. Er ging im Jahre 1868 nach China und gründete in Hongkong, Shanghai und in allen Vertragshafen Niederlassungen der Firma E. D. Saffoon & Comp. 1880 kehrte er nach Bombay zurück, heiratete eine nahe Verwandte, Miß Rachel Jsaacs, die Tochter eines bedeutenden Kaufmannes in Kalkutta. Infolge der Kränklichkeit seiner Frau, war Sassoon gezwungen, den größten Teil seiner Zeit in Bombay zu verbringen, von wo als dem Zentrum aus, er die Verbreitung seines Geschäftes organifiert, das heute in Kalkutta, Karachi, Bagdad, London. Manchester, Hongkong, Shanghai und Kobe große Niederlassungen befitzt. In der Präsidentschaft Bombay errichtete er eine große Anzahl moderner Baumwollspinnereien. Wie viele Juden gibt es in Bombay? frug der Korrespondent. In der Präsidentschaft Bombay leben inklusive der ..Bene Jsrael"-Gemeinde rund 5000 Juden. Die Bene Israel sind, wie Ihnen bekannt sein dürfte, ihrem Aussehen nach wirkliche Hindus, die sich in mancher Beziehung der eingeborenen Bevölkerung affimiliert haben. Es wird behauptet, daß sie vor 2000 Jahren aus Palästina nach Indien gekommen seien. Haben sich die Bene Israel vom Judentume abgewendet? Das ist wohl geschehen, aber seit ungefähr vierzig Jahren sind Wiederbelebungsversuche im Zuge. Mein Großvater David Sassoon nahm großes Jntereffe an den Bene Israel, ermutigte sie zum Studium der hebräischen Sprache und zur Rückkehr zum praktischen Judentum. Die Schule der Bene Israel, die unter Aussicht der Anglo Jewish Association steht, hat diese Belebungsversuche sehr gefördert. Es ist dies eine Normalschule, aber Mitglieder der Bene Israel besuchen auch die Missionsschulen und die öffentlichen Schulen. Die Bene Israel haben ihre eigene Synagoge, find jedoch nicht ganz einig unter sich. Woher rekrutierte sich der übrige Teil der jüdischen Gemeinde? Im Allgemeinen kamen diese Juden aus Bagdad, Persien und Arabien. Die Einwanderung datiert erst seit einem Jahrhundert. Mein Großvater kam vor 75 Jahren nach Bombay. Es gibt hier zwei Synagogen, die von mir erhaltene mit eingerechnet. Ich habe sie vor einigen Jahren bauen laffen und die Besucher haben keine Lasten zu tragen. Gottesdienst findet täglich früh und Abend statt. Das geistige Oberhaupt der Judengemeinde der Weißen ist der Chacham Niffim Zackary, ein überaus gelehrter Mann. Zwischen den beiden Gemeinden herrscht fast gar kein Verkehr. Die weißen Juden find sehr orthodox und die Bene Israel find es nicht. Die Bene Israel haben ihren eigenen Rabbiner und Schochet und ihre besonderen Synagogen. Die weißen Juden betrachten sich als eine höher stehende „Kaste" als die Bene Israel. Sind die weißen Juden wohlhabend? Nein, die Mehrheit ist arm. Manche erhalten sich als Viehtreiber auf Lastschiffen und kommen in der Regel ohne einen Penny hier an, aber jeder findet Arbeit. Manche kommen in sehr unzivilifiertem Zustand hieher und find förmliche Analphabeten. Ich gründete für ihre armen Kinder Schulen, die von europäischen Lehrern geleitet werden. Die Schule wirkt auf diese im Allgemeinen sehr intelligenten Kinder wie ein Wunder und sowohl die Knaben als auch die Mädchen machen außerordentliche Fortschritte. Die Schule hat auch zur Befferung der wirtschaftlichen Berhältniffe der Juden, wie der allgemeinen industriellen Bedingungen der Präsidentschaft wesentlich beigetragen. Ich nehme wohl an, daß Sie selbst einer großen Anzahl Juden Beschäftigung bieten? Das ist auch der Fall. Die intelligenteren nehme ich in meine Bureaus und außerdem finden über 200 jüdische Arbeiter Beschäftigung in meinen Fabriken. Ich finde die jüdischen Arbeiter sehr verläßlich. Sie können wohl auf den Baumwollfeldern mit den Eingeborenen nicht konkurrieren, aber das ist eine ganz eigenartige Arbeit, für welche fich ausschließlich die Eingeborenen körperlich eignen. Nehmen die Juden im öffentlichen Leben der Präsidentschaft teil? Ja wohl! Wir haben einige jüdische Mitglieder in der Korporation von Bombay, sowie auch im gesetzgebenden Rat. Es gibt kaum eine Gesellschaft von Bedeutung, die nicht einen jüdischen Direktor hätte. Ich kann wohl sagen, die Baumwollindustrie in Bombay wurde, obgleich sie gegenwärtig nicht ausschließlich in jüdischen Händen sich befindet, tatsächlich von Juden begründet, die ganz allein die Pionierarbeiten verrichteten. Mein Großvater hatte einen großen Anteil an der Einführung der Industrie. Sind die Gesundheitszustände zufriedenstellend? Nicht besonders. Die eingewanderten Juden find an ein erträglicheres Klima gewöhnt und können die große Hitze, die mitunter in Bombay eintritt, nicht vertragen. Sie haben, so weit mir bekannt, in Poona ein Spital errichtet? So ist es. Mein Großvater ließ ein Hospital bauen, doch hat es den Anforderungen nicht entsprechen können. Ich errichtete ein zweites Spital, das für die Juden und Europäer bestimmt ist, während die Stiftung meines Großvaters den Eingebornen dienen soll. Haben Sie auch vom Mädchenhandel zu leiden? Leider ja, aber dieses schmutzige Gewerbe liegt hier nicht ausschließlich in den Händen der Juden. Der Handel wird mit Europa, Persien und anderen asiatischen Plätzen betrieben und konnte lange Zeit und ungestört vor fich gehen. Die Bekämpfung des Nebels ist mit großen Schwierigkeiten verbunden und die „Londoner jüdische Gesellschaft zum Schutze der Mädchen und Frauen" steht mit mir in Verbindung. Das heute bestehende Gesetz in Indien vermag denjenigen, die das Nebel ausrotten möchten, nur im geringen Maße eine Unterstützung zu bieten. Ich glaube, daß an den Einschiffunasplätzeu in dieser Hinsicht mehr geleistet werden könnte als in Bombay.