Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 482 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 28 Maurogouato errichtet, der 1848/49 Finanzminister der Republik und einer der führenden Männer bei der Verteidigung der Stadt gegen Oesterreich war. Auf vielen Steinen liest man deu Namen Luzzatto oder Luzzatti, und man erinnert sich, daß der Staat-minister gleichen Namens ein Venezianer Jude ist. Und denkt man endlich daran, daß im vorigen Jahre Kaiser Wilhelm bei seinem Besuch in Venedig durch den Platzkommandanten General Coen begrüßt wurde, so sieht man, daß in Italien auch die letzten Reste der Zeit geschwunden sind, da die Edeln von Venedig den Juden am Rialto ins Gesicht spucken und sie Hunde nennen dursten. _ lieber die Frage, ob das Judentum Dogmen habe. Unter Mendelssohns Ideen über das Judentum ragt besonders diejenige hervor, nach welcher das Judentum keine Glaubensartikel oder Dogmen kenne. Bekanntlich ist dies der leitende Gedanke des „Jerusalem" betitelten Werkes, in welchem Mendelssohn für die volle Freiheit in Glaubenssachen eintritt. Die Ansicht aber, daß das Judentum dem Glauben keinen Zwang antue und keinerlei Annahme von geheiligten Dogmen fordere, ist viel zu kühn, als daß sie nicht Widerspruch erfahren hätte müffen. Interessant ist es nun, zu erfahren, daß ein so bedeutender Gelehrter wie Johann D. Michaelis in seinem 1777 erschienenen «Mosaischen Recht" in dieser Frage zu ganz gleichen Resultaten wie Mendelssohn gelangt. Vergleichen wir nun die betreffenden Stellen bei beiden berühmten Schriftstellern. Mendelssohn sagt (Jerus. Ausg. v. Bodek 175 fg.): «Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet keine einzige: Du sollst glauben oder nicht glauben, sondern alle heißen: Du sollst tun oder nicht tun! Dem Glauben wird nicht befohlen, denn er nimmt keine Befehle an . . ." Von der Offenbarung aber sagt er (l73): Die Stimme, die sich an jenem Tage vernehmen ließ, rief nicht: Ich bin der Ewige dein Gott, das notwendige selbständige Wesen, das allmächtig ist und allwissend. .Dieses ist allgemeine Menschenreligion, und allgemeine Menschenreligion sollte hier nicht geoffenbart werden, konnte im Grunde nicht; denn wen sollte die Donnerstimme von icnen ewigen Heilslehren überzeugen? Sicherlich den gedankenlosen Tiermenschen nicht.Diesen würde die Wunderstimme keine Begriffe eingegeben haben .... Den Sophisten noch weniger .... Dieser fordert Vernunftgründe, keine Wunderdinge." Und schließlich wird hinzugefügt: „Daher hat auch das alte Judentum keine symbolischen Bücher, keine Glaubensartikel. Niemand durfte Symbols beschwören, niemand ward auf Glaubensartikel beeidigt..." So weit Mendelssohn und nun hören wir Michaelis. Bei ihm lesen wir Folgendes: „Man hätte keinen Messiasglauben und dies öffentlich bekennen können, ohne durch irgend ein uns bekanntes Gesetz straffällig oder nur vom Bürgerrecht ausgeschlossen zu werden. Moses machte keine symbolischen Bücher, die man unterschreiben mußte und hatte keine Lehren, welche zu glauben unter Strafe verboten war .... Man konnte, ohne gestraft zu werde», glauben, was man wollte. Nur der Dienst eines einzigen Gottes, insofern er der Abgötterei entgegensteht, war es, dessen Erhaltung bis auf die spätesten Zeiten Moses zur Hauptabsicht seines Staates machte." (1.126) Ferner aber beruft sich Michaelis ganz so wie Mendelssohn auf das erste der 10 Gebote, in welchem die Verehrung Gottes sich auf die Befreiung aus Egypten stützt, «da der Glaube und Verstand der Israeliten durch Gesetze nicht gezwungen werden konnten, und doch sollte der Götzendienst unter Lebensstrafe untersagt sein, und das konnte mit Recht geschehen, wenn Gott zu einem noch so dummen und abergläubigen Volk sagte: Falls ihr auch aus Dummheit glaubet, daß es noch mehrere Götter gebe, die Gebete erhören und Opfer belohnen können, so bin ich es doch allein, der euch aus der egyptischen Dienstbarkeit befreite und aus armen Sklaven zu einem Volk gemacht hat, der Urheber eures Staates. In diesem Staate soll demnach kein anderer Gott außer mir verehrt werden. «Es wird nunmehr aufhören, tyrannisch und inquisitionsmäßig zu scheinen, wenn Moses auf den Götzendienst und auf alles, was ihm nahekommt, Lebensstrafen gesetzt hat." (Jbid. 132). Hiermit stimmt vollkommen, was der Verfasser über die vorsätzliche Entweihung des Sabbats sagt: „Auf vorsätzlicher Brechung des Sabbats .... stand Lebensstrafe .... Das Gesetz war so strenge, weil der Sabbat ein Zeichen sein sollte, daß man den Schöpfer des Himmels und der Erde für seinen Gott erkenne. Wer den Sabbat brach, ward also angesehen, als verleugne er diesen Gott, deffen Dienst ein Grundgesetz des israelitischen Staates war" (IV. Th. 91). Man vergleiche zu Letzterem, was Mendelssohn schreibt: „Und nun auch die Verbrechen. Jeder Frevel wider das Ansehen Gottes, als des Gesetzgebers der Nation, war ein Verbrechen wider die Majestät und also ein Staatsverbrechen. Wer Gott lästerte, war ein Majestätsschänder, wer den Sabbat freventlich entheiligte, hob. insoweit es an ihm lag, ein Grundgesetz der bürgerlichen Gesellschaft auf, denn auf der Einsetzung dieses Tages beruhte ein wesentlicher Teil der Verfassung .... Diese Verbrechen also konnten, ja sie mußten in dieser Verfassung bürgerlich bestraft werden nicht als irrige Meinuung, nicht als Unglaube, sondern als Untaten, als freventliche Staatsverbrechen . . . . " (Jerusalem 200). Aus dem Gesagten ergibt sich, daß es Mendelssohn mit seiner Behauptung durchaus nicht bloß um die Glorifizierung des Judentumes zu tun war, sondern daß dieselbe, wie bei Michaelis auch bei ihm das Resultat objektiven Denkens war, wenn auch in der Polemik zur Abwehr von Angriffen angewandt. Auffallenv bleibt es, daß es dem hochgelehrten Leopold Löw (siehe seine gesamnrelten Schriften I. Band 133 ff.) entgangen war. daß die Dogmenlosigkeit des Judentumes auch von Michaelis behauptet wurde, freilich nur soweit die Thora allein in Betracht kommt. Mendelssohn hingegen will dasselbe auch für spätere Jahrhunderte gelten lassen, worin ihm, wie Löw gründlich nachweist, nicht beigepflichtet werden kann. Jedenfalls aber bleibt es ein großes Verdienst Mendelssohns, mit größtem Nachdruck darauf hingewiesen zu haben, daß die Bestrafung von irrigen Glaubensmeinungen im Judentum keinen Grund findet, wiewohl es sich schwer denken läßt, wie derjenige, der z. B. die Offenbarung leugnet, durch die Erfüllung religiöser Handlungen als frommer Jude angesehen werden könnte. Dr. I. S t e i n h e r z Oberrabbiner zu Szekes-FehSrvLr. Korrespondenzen» «Rothschilds Diktatur" in England. Auf dem Geleise der Politik fahren zwei Eisenbahnzüge mit aller Wucht auf einander los. Wird es gelingen, sie im letzten Augenblicke zu bremsen oder erfolgt ein vernichtender Zusammenstoß, der Menschen und Güter vernichtet, das Gelände weit und breit verwüstet? Europa sieht die Verhältnisse Deutschlands und Englands scheinbar unaufhaltsam dem Kriege zusteueru, an dem sich der Weltkrieg entzünden wird, und hat wenig Hoffnung. England hat fast keinen Glauben an den Frieden mehr. Es spannt die Steuerkräfte des Landes und der Kolonien auf das Aeußerste an, um Dreadnoughts zu bauen, um seine Meere mit Panzerplatten zu bedecken, um die deutschen Truppen- Trausportschiffe auf dem Wege nach England mit erdrückender Uebermacht überfallen zu können. Das kostet natürlich riesige Opfer und der Finanzminister, der im Brennpunkte der wichtigsten Sorge steht, der Sorge um die Kosten, ist der geplagteste Mann im Reiche. Das hat ihm offenbar ein wenig den Kopf verwirrt,- oder den Charakter oder beides. Denn Sir Lloyd-George hat bei einem Festmahle der liberalen Partei eine Rede gehalten, die für englische Verhältnisse eine antisemitische Brandrede genannt werden muß. Es gibt Momente, in denen auch Minister faseln oder verleumden. Sonst hätte Sir Lloyd-George bei einem Festmahle der liberalen Partei nicht sagen können, er finde ini öffentlichen Leben Englands zu viel von Rothschild. Man hätte keine Wirtschaftsreform im Lande, weil die Pairs auf Rothschilds Ersuchen dagegen gestimmt haben. Man baue Dreadnoughts auf Verlangen Rothschilds und Rothschild sei dafür, sie nicht zu bezahlen. Eine Besitzsteuer werde nicht kommen, weil Rothschild als Bankier dagegen sei und die Erbschaftssteuer nicht, weil Rothschild sie als Präsident einer Versicherungsgesellschaft ablehne. Die Altersversicherung halte Rothschild für undurchführbar. So seien alle Wege der finanziellen und sozialen Reformen versperrt auf Befehl Rothschilds. Aber (drohend) es gebe Länder, wo man es sehr gut zum Ansdrnck gebracht hat, daß man sich die Politik nichtvon den großen Finanzleuten diktieren läßt. Warum die Banketteilnehmer zu einer solchen Rede gelacht haben, ist durchaus unerfindlich. Denn der englische Finanzminister hat niemanden lächerlich gemacht als sich selbst. Wir zweifeln nicht daran, daß Lord Rothschild gegen eine Reihe von Steuern und für eine gewisse Art von Politik eingetreten ist. Damit hat er aber durchaus nur ein Recht ausgeübt, das jeder englische Bürger besitzt und das - ihm niemand bestreiten kann. Selbst wenn er nicht so notorisch ehrlich und patriotisch, wie man es bei ihm allgemein anerkennt, selbst wenn er nicht der ärmste aus der Familie der Rothschilds wäre, heißt es doch das stolze England und seine Politiker schändlich degradieren, wenn man ihnen zu-