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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 481 der Sonne vollbracht hat, was die Eskimos von Grönland und die Schwarzen von Liberia zu vollbringen vermögen, sollen die Juden nicht ausführen können? Die jüdische Macht. Fast jede Woche lese ich die Nachricht von dem Tode des einen oder anderen Juden, der diesem Staate die Bahnen gebaut, jenen die Schiffe, einem dritten den Krieg oder einen anderen die Bewässerungsanlagen finanziert hat. Die jüdische Macht in der Welt ist genau so wunderbar, wie die Antisemiten fie sich denken. Der Irrtum der Antisemiten beginnt erst dort, wo sie glauben, daß die jüdische Macht für jüdische Zwecke verwendet wird. Da fie die jüdische geistige Krankheit nicht kennen, halten sie uns für normal gesund. Das ist ein Kompliment, das wir gar nicht verdienen, aber glücklicherweise ist es bloß Verfrüht. Ich hoffe und glaube, daß das Aufgreifen des Mesopotamien-Projektes durch alle jüdischen Kräfte die Meinung der Antisemiten über uns rechtfertigen wird. Es ist vergebliche Mühe, unsere Hoffnungen auf fremde Prinzen oder fremde Regierungen zu setzen. Mit eigenen Händen müssen tvir unsere Sicherheit aufbauen. „Gott ist mein Fels", sagt der Psalmisi. Aber der Psalmist bleibt bei dieser Behauptung nicht stehen. Er geht weiter und gibt die Erklärung, auf welche Weise Gott Schutz bietet: „Indem er meine Hände den Krieg lehrt und meine Finger den Kampf." Weltpolitik und jüdische Politiker. Wir gehen einer Periode der Geschichte entgegen, da die Lust anderer Völker, für uns zu kämpfen, immer geringer und geringer wird. Gigantische Pläne nehmen die Aufmerksamkeit der Welt in Anspruch und lenken fie auf sich. Die Niederlage Rußlands durch Japan hat die schlafenden Doggen des Ostens geweckt. Die Beziehungen der weißen Rassen zur gelben wird die große Frage des Jahrhunderts bilden. Aber die weißen Raffen haben überdies noch ihre eigenen internen Probleme zu lösen. Da find die österreichischen und ungarischen Fragen, die deutschen und französischen Fragen, die Frage der britischen Reichsfederation, eben die nördliche Frage. Rußland in Sonderheit wird durch immerfort in Wallung begriffene Revolution absorbiert. Wo hat nun die Welt die Zeit, sich mit der jüdischen Frage abzugeben? Und welches Recht haben wir, anzunehmen und zu erwarten, daß das jüdische Volk aus allen diesen kommenden Friktionen weniger zerschlagen hervorgehen werde als ehedem? Wer kann es sagen, was die Kreisel der Zeit noch für uns in Bereitschaft hat. Stellen Sie sich jedoch vor, Jtoland ist errichtet, und Mesopotamien dient als Zufluchtszentrum gegen die bösen Tage, die kommen können. In Marokko bricht eine Panik aus — die Juden fliehen nach Mesopotamien. In Rußland bricht ein Pogrom aus — Mesopotamien nimmt die Fliehenden auf. In Rumänien entsteht ein Bauernaufstand — die Farmer tragen ihre Sensen nach Mesopotamien. In Paris oder Berlin droht eine Konzentration jüdischer Flüchtlinge — die Polizei braucht sie nicht zu vertreiben, die jüdischen Komitees befördern fie nach Mesopotamien. Keiner unserer heutigen Antagonisten, die vor jeder jüdischen Politik zittern, wären dann nur entzückt, ein solches Zufluchtsland zu besitzen. Denn der Versuch, der Politik aus dem Wege zu gehen, hat nur noch mehr Politik zur Folge. Auf denn an die Arbeit! Möge die pathologische Politik einer Zerstreuung unseres Volkes so rasch als möglich den Platz räumen einer einzigen, geeinigten, gesunden Politik jüdischer Konzentration! Möge dieser Hospital-Sonntag die Rückkehr zur Gesundheit bezeichnen. Mögen alle Juden Zusammenwirken, um aufzubauen ein Land, wo weder von Juden, noch von Christen die alte egyptische Drohung mehr vernommen wird: „Sie könnten sich vermehren!" sondern bloß das alte jüdische Motto: im na pKii nu 11601 Dom Jahrmarkt des Lebens. Ein jüdischer Minister in der Türkei. Wir haben in der vorigen Nummer die Ernennung des Herrn Herbert Samuel zum Mitglied des englischen Kabinets erwähnt. Nun meldet der Telegraph die Ernennung eines zweiten jüdischen Ministers. Dieser zweite jüdische Minister ist der jungtürkische Abgeordnete von Saloniki und Berichterstatter der Budgetkommission D s ch a v i d - B e y, der von seiner Partei ermächtigt wurde, das Finanzportefeuille zu übernehmen. Seine Ernennung wurde vom Sultan auch bereits bestätigt, da der gegenwärtige Finanzminister auf seiner Demiffion besteht. Beide Herren haben auch ein reges Interesse für jüdische Angelegenheiten betätigt. Ein Jude — Juristkonsult iw Großwestrate. Konstantinopel, 3. Juli. Der Salonichier Advokat Salem nahm die Einladung Hilmi Paschas an, Juristkonsult im Großwefirat zu werden. Salem ist bereits heute in Konstantinopel eingetroffen. Jüngst war ihm der Posten eines Justizministers angeboten worden, den er ablehnte. Der Judenfriedhof am Lido. Ueber diesen ältesten jüdischen Friedhof in Italien schreibt Herr Otto Kahn in der „Frankfurter Zeitung" u. a.: Auf einem verlassenen Weg längs der Lagune, der von der Landungsstätte der Dampfer bei Sta. Elisabeths zum Fort St. Niccolo führt und der von tauben Gräsern und Sauerampfer eingefaßt ist. gelangt man zu der alten Stätte. Sie bietet nicht mehr das Bild poetischer Verwilderung und Zerstörung; seit etwa fünfundzwanzig Jahren ist der größte Teil des Friedhofes aufgelassen, und die Grabsteine sind auf einem engen Raume neu angeordnet. In der Mitte erhebt sich eine aus den ältesten Grabsteinen zusammengesetzte Pyramide, die uns belehrt, daß der Friedhof im Jahre 1389 angelegt worden ist. Damals war Venedig nach der Besiegung Genuas gerade zur Herrin des Mittelmeeres und des Levantehandels geworden. Was hat die Stadt alles seitdem erlebt, wie oft hat seitdem der Friedhof auf der einst verlaffenen Düne sich den traurigen Zug nahen sehen: eine Gondel mit einem rohgezimmerten Brettersarg, über den ein einfaches, schwarzes Tuch gebreitet war, ohne Blumen und ohne Kränze, wie es die jüdische Religion vorschreibt, damit wenigstens im Tode die Menschen auch äußerlich gleich seien. Wie poetisch verwahrlost sah der Friedhof in seiner ursprünglichen Gestalt aus! Die Grabsteine waren von schweren fetten Gräsern, weißblühenden Zwergakazien und wilden Blumen überwuchert. Im Frühling blühten heitere goldene Narzissen, und im Sommer trieb die wilde Rose ihre Schößlinge und sternförmigen Blumen über die verwitterten Steine. Insekten schwirrten umher und Vögel sangen. Dicht beim alten liegt der neue Judenfriedhof, der viel Interessantes aus der langen Geschichte der Juden erzählt. Auch seine Grabsteine gehen bis auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Die ältesten sind mit braunem Moos bewachsen und werden von üppigem Gras mit rot leuchtendem Klatschmohn, dem Sinnbilde blühenden Lebens, umstanden. Die Namen, die man auf ihnen liest, erzählen vom Ursprung der Geschlechter: die Hanau und Todeseo sind aus Deutschland zur Zeit der Kreuzzüge gekommen, die Sulam, Ancona. Ravenna, Cesana und Fand haben sich von der Levante aus, wo sie zuerst mit Venezianern in Berührung kamen, au der italienischen Adria angesiedelt, die Errera und Silva de Gomez sind durch die Judenverfolgungen des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben worden. Noch heute habe i diese verschiedenen Gemeinden, die sich aus Nord und Süd, aus West und Ost in der Weltstadt an der Adria zusammenfanden, ihre eigenen Synagogen im alten Ghetto am Eanareggio unfern vom Bahnhofe. Diese Tempel sind stimmungsvolle Orte: der levantinische hat kunstvoll geschmiedetes, dichtes Eisengitterwerk an seinen Fenstern und reiche Skulpturen aus Ebenholz an der Decke und den Wänden; die Frauengalerie ist eng und durch eine Jalousie halb verdeckt, wie es der Stellung der orientalischen Frau entsprach. Die spanische Synagoge ist ein Werk Longhenas, des berühmten Architekten von 8ta. Llaria äslla 8sluts. Allmählich sind die deutschen Juden, die Levantiner und die Spagnolen ganz im Jtalienertum aufgegangen: neben die hebräische Inschrift auf den Grabsteinen tritt eine italienische Erklärung, erst schüchtern, dann wagt sie sich breiter hervor, und endlich verdrängt die italienische Inschrift die hebräische ganz. Die demokratische Gleichheit der Grabsteine hört auf, die Denkmäler werden größer und anspruchsvoller, und schließlich schmücken die Bilder der Verstorbenen nach lateinischer Sitte die Grabstätte. Auch von der gesellschaftlichen und politischen Befreiung der Juden in Venedig erzählt dieser Friedhof. Eines der prächtigsten Denkmäler ist dem Senator Isaak Pesaro-

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