Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 480 Dr. Vlochs Wochenschrift. Str. 26 zufriedengeben, ein Pfadfinder gewesen zu sein, den Weg gewiesen zu haben, auf welchen alle jüdischen Organisationen zusammengehen können. In diese Organisationen schließe ich natürlich diejenige ein, die als erste die jüdische Krankheit abschüttelte, — die zionistische Organisation — und ich freue mich, zu sehen, daß trotz einiger weniger fanatischer Stimmen die allgemeine Richtung der zionistischen Sympathie für die Mesopotamien-Idee ist. Aber selbst wenn alle Führer und führenden Organisationen des Judentums sich der „Jto" anschließen oder die Arbeit übernehmen würden, wäre dies nicht genug. Wie wir bereits aussührten, braucht man bei Schaffung eines Landes mehr noch die Massen, als selbst die Finanziers und Politiker. Die Massen, die schließlich Entscheidenden Die „Jca" oder sogar eine Chartered Company mit allen ihren Millionen könnte nichts ausrichten, wenn der Plan nicht die Sympathien der emigrierenden Massen zu erwerben vermöchte. Und das macht die abstrakten Departements und Würden der verschiedenen Lehnstuhl-Organisationen, die in London oder Paris, in Köln oder Berlin sitzen und die Zukunft des jüdischen Volkes bestimmen, nur noch bedauernswerter und lächerlicher. Das Volk allein muß sein eigenes Heim, seine eigene Zukunft aufbauen. Wenn ich daran denke, daß die Männer und Frauen, die das jüdische Heimatland aufbauen werden, vielleicht keinen einzigen Jtoisten oder Zionisten unter sich haben werden; wenn ich bedenke, daß dieses Land der Freiheit und Glücklichkeit durch bescheidene Arbeiter wird errichtet werden, die wir noch gar nicht kennen und deren Namen die Nachwelt vergeffen wird; wenn ich an die Mühsale dieser ungekannten Hände und den Schweiß auf diesen ungekannten Brauen denke; wenn ich daran denke, wie viel diese unter der Hitze und der Pest, von Mehltau und Insekten zu leiden haben werden; wenn ich an die langen und angstvollen Tage denke, während welcher sie ihr Getreide bewachen oder den Horizont gegen Angriffe von Stämmen untersuchen werden; wenn ich an das langsame, mühselige Gerüst denke, durch welches die politische Struktur der Kolonie aufgebaut werden wird; kurz, wenn ich an die ungeborenen Millionen denke, die bestimmt find, ihr Lebenswerk der allmählich aufsteigenden Fabrik zu widmen, wie Millionen Koralleninsekte einen Riff sich zusammentun, um einen Riff zu bauen, dann weiß ich nicht, soll ich lachen oder weinen über unsere Plattformpolitiker. Der Widerstand gegen die autonome Basis. Noch schmählicher ist die Forderung unserer Lehnstuhlführer, daß all diese Arbeit und diese Opfer unserer Pioniere ohne jeden bleibenden Zweck untergehen mögen. Der Gedanke, daß Mesopotamien durch die Juden und nicht auch für die Juden aufgebaut werde, ist so ungeschäftsmäßig, daß ich nicht gut glauben kann, daß ihn irgend ein jüdischer Finanzier ernstlich aufnehmen könnte. Ein Maler, der sich seinem Freunde gegenüber darüber beklagte, daß die Kritik seine Bilder mißbräuchlich behandelt habe, wurde von seinem mißgönnerischen Freunde daran erinnert, daß es schließlich sehr leicht wäre, all diesen Mißbrauch zu vermeiden — es wäre doch so einfach, keine Bilder zu malen. So ist es auch so leicht, keine Kolonisation zu machen. Aber was ich nicht begreifen kann, ist, warum man, nachdem man einmal die großen Ausgaben und Arbeiten für Kolonisation gemacht hat, nicht politisch bester daran sein soll, als wenn man einfach in ein fertiges Land emigriert? In Mesopotamien gibt es einen Augiassumpf zu drainieren, hier gibt es Herkulesarbeit zu verrichten. Warum soll der Jude sie verrichten, wenn er damit nicht die politische Lage seines Volkes verbessert? Als einfaches Jmmigrationszentrum ohne Hoffnung auf das Entstehen eines jüdischen Heimlandes bietet den Juden keine Vorteile, die durch die Attraktion der Neuen Welt nicht übertroffen würden. Trotzdem es auf der Landkarte in der Nähe von Rußland liegt und nach den Ausbau der Eisenbahnen auch tatsächlich ihm nahe sein wird, ist der Zugang zu Mesopotamien gegenwärtig sehr schwierig und ein russischer Jude kann heute nach New-Aork kommen und wahrscheinlich auch wieder zurückkehren, ehe er nach Mesopotamien gelangen kann. „Kommt nach Mesopotamien und helft uns das türkische Reich aufbauen," lautet die Einladung Achmed Riza Beys. „Kommet mit eurem Kapital und mit eurer Arbeit!" Aber von irgend welchen Privilegien für den Emigranten ist hier keine Rede. Wie wir aus dem Briefe des jungen palästinensischen Kolonisten ersehen haben, lädt auch Brasilien die Juden zu sich. Brasilien gegen Mesopotamien. Und manche brasilianische Staaten bieten freie Bahnfahrt zur Kolonie und oft auch freie Beförderung über den Ozean, freie Kost und Wohnung während acht Tage im Emigrationshotel, während am Ankunftshafen billiger Boden, fertiggebaute Häuser auf Ratenzahlungen zusammen mit dem Pacht der nötigen Werkzeuge, ferner Samenkorn gratis oder zum Selbstkostenpreis ebenso, wenn notwendig, auch medizinische Hilfe! Sind diese Anbote verläßlich, so wäre für die „Jto" oder irgend einer anderen Organisation die fast kostenlose Jnaugurierung einer Emigration oder gar Kolonisation nach Brasilien möglich gemacht und ich brauche es Ihnen nicht erst zu sagen, daß die „Jto" die Aussichten in Brasilien einer sorgfältigen Untersuchung unterzogen hat, da ein Land, nahezu so groß wie Europa, mit einer Bevölkerung, die geringer ist als die Hälfte der Bevölkerung Englands, ein Land mit republikanischem Regime und ohne Staatsreliquien auf seinem Gebiete so günstige Chancen bietet. Mit Sümpfen und Marschländern und Beduinen sich abzuplagen, anstatt auf dem fruchtbaren wasserreichen Territorium in Brasilien, Kanada oder Australien sich der friedlichen.Arbeit hinzugeben, wäre Verrücktheit, solange es in Mesopotamien nicht etwas zu gewinnen gibt, was in diesen oder anderen Gebieten überhaupt nicht oder nlcht so leicht zu gewinnen wäre, d. h. so lange nicht in Mesopotamien ein Land nach unseres Herzens Wunsch geschaffen werden kann. Ich weiß es, daß die westlichen Juden die konfuse Idee haben, daß irgend eine speziell geschaffene Lage der Juden in Mesopotamien oder anderswo irgendwie ihre eigene politische Lage schädigen könnte. Aber mögen doch diese Juden Mut fassen! Die Aussichten auf Autonomie. Es ist keine Aussicht vorhanden, daß in unseren Tagen irgend eine jüdische Regierung mit so wesentlichem Charakter geschaffen werde, daß dadurch ihre Angehörigkeit zu einem anderen Staate gefährdet werden könnte. Sie brauchen nicht zu fürchten, daß sie in ihren Tagen Israel in Sicherheit wohnen, jeden unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen sehen werden. Sie brauchen nicht zu fürchten, sie könnten die Juden in solchen Ehren leben sehen, wie die Italiener leben, weil sie Italien befreit haben. Sie können frei atmen. Ein düsterer Rückblick lehrt uns, daß die Geschichte schrittweise, nur nicht sprungweise vorwärts geht. Autonomie ist ein Ziel und kein Ausgangspunkt, und wenn die Juden nach einem Territorium ziehen, wie ich es beschrieben habe, so werden sie in entsprechender Zeit all jene Autonomien erlangen, die sie wünschen oder verdienen, und der einzige Charter, den sie verlangen werden, wird in der Versicherung bestehen, daß ihre Einwanderung zu keinem Zeitpunkte durch den Herrscher oder das Parlament künstlich zum Stocken wird gebracht werden. Der Weg zur Autonomie liegt in der agrikulturellen Konzentration und diejenigen, die mit uns bis zur Konzentration Zusammengehen, machen praktisch die ganze Reise mit uns. Wenn wir uns daran erinnern, daß die jüdische Konzentration gestern noch der Wau-Wau unserer reichen Klaffen war, so kann uns der bisher erzielte Erfolg mit lebhaftester Befriedigung erfüllen. Es gibt wirklich noch Juden, die noch immer daran zweifeln, ob ihre Rasse die Fähigkeit besitzt, ein Land aufzubauen. Diesen krankhaften Juden kann ich nur empfehlen, eine Dosis aus der — christlichen Wissenschaft zu versuchen. Sie müssen mehr Vertrauen zu sich haben. Was jede Rasse unter