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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-09 · 28 (9.7.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
28 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 478 De. Blochs Wochenschrift. Nr. 28' So sollten eigentlich die antisemitischen Blätter schreiben können, wenn es wahr wäre, was sie immer behaupten. Aber leider, wie immer werden sie von den Tatsachen schlagend Lügen gestraft. Diejenigen, welche jetzt in Deutschland aus Rücksicht auf ihre Taschen und ihre Stellung zur Steuerbehörde ohne Rücksicht auf Vaterland, Kaiser und Regierung die Erbschaftssteuer uuerbittlrcb zu Fall brachten, diejenigen, welche fürchteten, daß man ihren reichen Besitz erkennen werde, diejenigen, welche Besorgnis halten vor einer Schätzung ihrer Habe und nicht zum kleinsten Opfer für das Reich bereit waren, das waren nicht die Juden und ihre Anwälte, nicht die Freisinnigen und Sozialdenwkraten. Die Konservativen und die Klerikalen waren es, welche um schnödes Geldes willen gegen die liberalen Parteien das Reich in schwere Verlegenheiten stürzten. Die Konservativen und Klerikalen, welche ihren Wert als Stützen des Thrones und Altares mit herausgestreckter Brust betonen und umfielen, a^s sie kleine Münze für ihre großen Worte geben sollten. Die Junker und die Klerikalen, deren Bevollmächtigte so gern und so oft schuldlose jüdische Bürger aus deutschem Staatsgebiete ausweisen, weil diese die öffentliche Moral gefährden und den Konservativen, und Klerikalen ein Dorn im Auge sind. Denn dem echten Germanen ekelt der jüdische Geschäftsgeist bis auf die markstrotzenden, vollkommen geraden Knochen. Kerelr Ioselemir;. (Zur Hundertjahrfeier seines Todes.) Vor hundert Jahre am 5. Mai fiel auf dem Felde der Ehre in einem Gefecht bei Kozk der Oörist der berittenen Jäger Berek Joselewicz. Er selbst, ein Stabsoffizier mittlerer Charge, war zwar nur ein untergeordnetes Kettenglied der großen napoleonischen Epoche neben den ragenden Gestalten Kosciuszko, Dombrowski, Kniaziewicz, Fürst Poniatowski, aber infolge seiner Abstammung, seiner zivilen und kriegerischen Tapferkeit wuchs er zur Bedeutung eines Symbols heran, bedeckte sich mit einer Patina des Historischen und überging in die Richmeshalle großer Erinnerungen. Als der Anführer der nationalen Bewegung die Parole: „Wer nicht mit uns, der ist gegen uns", proklamierte, als er in seinen befreienden Anstrengungen sich bemühte, die ganze Bevölkerung, von den Fundamenten ang°fangen, heranzuziehen und in einem Gedanken, einem Vorhaben zu konzentrieren, tauchte auf der Bildfläche Berek, ein Sohn Joselcs, auf als Ergänzung der Dreieinheit der neuen, zum sozialen Leben geweckten Elemente der Bauernschaft und des Bürgertums, die in Bartos und Kilinski sich verkörperten. Ein „Faktor" — Makler, Faktotum — des von der Revolution gehenkten Bischofs von Wilno, Massalski, trat er aus der obskuren Abgeschiedenheit des Ghettos hervor, hielt zündende Reden an seine Stammesgenossen blendete und erhellte ihren verknöcherten Gesichtskreis mit Blitzfunken, erschloß ihnen die Pforten sperrangelweit zu einer anderen Existenz und Entwicklung, zur Vereinigung und Verschmelzung mit der authochtonen Landesbevölkerung. Unter dem Banner eines Polen mosaischer Konfession auftretend, verkörperte er in einer Bürgertat das Programm der fortschrittlichen Abgeordneten des diesjährigen Landtages, wie ein mächtiger Widerhall des Umsturzes jenseits der Vogesen, der die Menschenrechte über das Zufällige der Geburt, des Standes oder der Religion stellte. Das Regiment jüdischer Manen, mit Kosciuszkos Genehmigung von Berek formiert, wurde während der Verteidigung Pragas gegen Suworow vollständig aufgerieben. Auf den Trümmern des zerstörten polnischen Staats- Wesens ließ Joselewicz seine Ideale nicht im Stiche und führte sie mit sich in die österreichische Gefangenschaft, in die Emigration nach Frankreich, in die Reihen der Legionen jenseits der Alpen oder an der Donau. Und obwohl er mehr als einmal wehmutbittere Sticheleien und Verhöhnungen aus Anlaß seiner Abstammung über sich ergehen lassen mußte, obwohl er schweigend erbarmungslose Pillen geistiger Zwerge schluckte, harrte er auf dem Posten mit verhaltenem Atem aus, schloß seinen adeligen Verfolgern die Mäuler durch seine glorreichen Taten und Opferwilligkeit während der Kriegszüge. Sokolnizki brachte ihm ein ungewöhnliches Vertrauen entgegen, indem er ihn damit betraute, nach dem Abschlüsse des Vertrages in Luneville einen bedeutenden Teil der polnischen Reiterei nach Italien zu führen. Mit der endgiltigen Auflösung der Dombrowski-Legionen ging Berek unter die französischen Fahnen im Korps Mortier, dem Fürsten Treviso, über, nahm an der Einnahme von Hannover teil und bei der Kunde von der Bildung einer polnischen Abteilung gegen Preußen trat er sofort in das nationale Heer, um in den Schlachten bei Perew und Friedland frischen Lorbeer zu pflücken. Seinem Schwünge und seiner Handlungsweise nach gehörte er zur glänzenden Plejade derjenigen, die in ihrer Brust eine flammende Begeisterung für's Vaterland hegen, mit seinem Namen auf den Lippen über Berge und Flüsse setzen, immer davon durchdrungen, der heiligen Sache, dem heiligen Zweck sich zu opfern. Mit zwei Dekorationen, einem Orden der Ehrenlegion und dem Kreuz virtnte militari, ging er im. Range eines Schwadronschef ins 5. Regiment der berittenen Jäger des Fürstentums Warschau über, das sich aus der Blüte der polnischen Jugend rekrutierte und von einem vorzüglichen Kavalleristen befehligt wurde. In die Freimaurerloge der „Brüder vereinigter Polen", einer Z veigloge des „Großen Orients", ausgenommen, der reinste Born patriotischer Gefühle und Renaissance-Bestrebungen, nahm er teil an den freimaurerischen Mysterien mit glänzenden Generalen, dem Fürsten Joscf Poniatowski und den höchsten Militärchargen. Schon von einer Gloriole der Berühmtheit und der aufrichtigen Achtung umgeben, verleugnete er nicht die religiösen Traditionen, besuchte von Zeit zu Zeit seine in Littauen wohnende Risseke, eine altfränkische fromme Frau und begab sich mit ihr von der Mirowski-Kaserne nach der Synagoge. Nach dem Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Oesterreich im Jahre 1809, beteiligte er sich mit seinem Regiment an der Schlacht bei Grzybor und an den Gefechten bei der Eroberung des Brückenkopfes Gora gegenüber, dann erhielt er die Ordre, die Vorhut beim Marsch gegen Westgalizien anzuführen. Am 5. Mai verwickelte er sich bei Kozk in' ein Gefecht mit den kaiserlichen Husaren des ersten Regimentes vom Kommando des Grafen Magya und in einem wahrhaft heldenmütigen Kampfe in der ungedeckten Militär-Reitschule hauchte er den Geist unter den Pferdehufen aus, die Aufforderung, sick auf Gnade und Ungnade zu ergeben, zurückweisend. Durch seinen Opfertod machte er es dem Feinde unmöglich, die über den Wieprzfluß führende Brücke zu zerstören und erleichterte der nationalen Armee die Möglichkeit eines weiteren siegreichen Vormarsches. Die Anführer der österreichischen Kavallerie konnten sich nicht genug über das Plötzliche und Blitzartige des Angriffes verwundern und in den Rapporten an die höchsten Behörden hoben sie das Dämonische und die ungewöhnliche Tapferkeit des eines ehrlichen Soldatentodes gefallenen Joselewicz hervor. Das dankbare Volk der Umgegend schüttete auf d.m Grabe des tapferen Kriegsmannes einen Hügel auf und verewigte die edle Gestalt in einem Liedchen. Auf das frische Grab wurden Blumen der allgemeinen Trauer, des Mitleids gestreut, es erwachte das Bewußtsein, den Heimgegangenen zur Ruhmeswürde und zu einer im blutigen Schweiße ehrlich erworbenen dauernden Anerkennung zu erheben. Während der Sitzung der Warschauer Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften am 22. Dezember 1809 brachte der Präses des Staatsrates Graf Stanislaus Potozki den Manen des Kriegers eine Huldigung dar, indem er in einigen Strichen ein Bildnis des Verewigten entwarf, den Widerschein der Ritter, „deren Tod die Töchter Zions beweinten". Der Souverän des Fürstentums, der sächsische König Friedrich August wurde ebenfalls den Pflichten der Dankbarkeit gerecht, indem er Joselewicz' Witwe und Sohn lebenslängliche jährliche Pensionsbezüge in Höhe von 1800 polnischen Gulden aussetzte.

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