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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-02 · 27 (2.7.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 474 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 27 und Oroszka hervorragend beteiligt. Das Haus Hatvauy-Deutsch übt Wohltätigkeit in großem Stil und zahlreiche Stiftungen geben hievon Zeugnis. Baron Alexander von Hatvany-Deutsch, der seit Jahren als Präsident des Landesvereines ungarischer Zuckerindustrieller in Budapest fungiert und auch Vizepräsident des Zentralvereines für Rübenzuckerindustrie ist, wurde vor einigen Jahren durch die Berufurig in das ungarische Magnatenhaus ausgezeichnet. Baron Bela von Hatvany ist ein Schwiegersohn des Gouverneurs der Bodenkreditanstalt Ritter von Tausiig. Die Publizierung dieser Standeserhöhung hat hauptsächlich deshalb Aufsehen erregt, weil das kaiserliche Handschreiben das Datum „23. Oktober 1906" trägt, während seine Veröffentlichuncerst am 24. Juni 1909 erfolgte. Diese sonderbare Verzögerung hat zu verschiedentlichen Kommentaren Anlaß gegeben. Diebstahl aus — Antisemitismus In einer kleinen ungarischen Gemeinde fand, wie dem ungarischen Blatte „Nepszava" berichtet wird, vor einigen Tagen die Einweihung der dortigen Synagoge statt. Nach dem feierlichen Akte wurde ein Bankett gegeben, an welchem auch mehrere christliche Bewohner des Städtchens zu Gaste waren. Nach Schluß der Feier machte der Synagogendiener die unangenehme Wahrnehmung, daß ein großer Teil des beim Bankett verwendeten Tafelsilbers verschwunden ist. Auf erfolgte Anzeige wurde auch bald der Dieb in der Person des Landwirtes Stefan Domokos eruiert. Bei der Gendarmerie gab Domokos an, daß er den Diebstahl bloß aus unauslöschlichem Haß gegen die Juden verübt habe, und wollte dies auch mit dem Umstande beweisen, daß er die gestohlenen Löffel in den Brunnen geworfen, also weder sich behalten, noch anderweitig verwertet habe. Es wurde ihm jedoch nachgewiesen, daß er'zu diesem Auskunftsmittel erst gegriffen, als er davon erfuhr, daß die Gendarmerie hinter ihm her ist. Jedenfalls ist es bezeichnend, daß in Ungarn sogar die Diebe schon glauben, mit einem antisemitischen Bekenntnisse sich vor Bestrafung retten zu könnni. Feuilleton. Arnerikamsche Kußprekiger. Nach dem „Globe" mitgeteilt von Phil. Kieferndorf in Jerusalem. Amerika ist bekanntlich nicht nur in wirtschaftlicher, industrieller und kommerzieller, sondern auch in religiöser Hinsicht das Land „der unbegrenzten Möglichkeiten", der undenkbarsten Reklamen und wunderlichsten Exzentrizitäten. Um ihre Zuhörer anzulocken und „Seelen zu gewinnen", greifen die amerikanischen Prediger und Pastoren zu den unglaublichsten Mitteln. Sie verwandeln die Kirche und den Rednersaal nicht bloß in eine Kaffee- und Teebude oder Bierwirtschaft, sondern sie veranstalten auch regelmäßige Kegel- und Spielpartien, geben Musik- und Theatervorstellungen, laffen Akrobaten- und Tavzkünste vorführen, inszenieren öffentliche Umzüge mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen, halten überhaupt jedes Mittel für heilig, um ihren Zweck zu erreichen. Man soll indeß nicht glauben, daß infolge dieser äußeren „Zugmittel" an die Persönlichkeit, die geistige oder rednerische Begabung des Redners weniger hohe Anforderungen gestellt werden. Im Gegenteil, will er sich bei all den verschiedenen äußeren Attraktionen auch selbst noch Gehör verschaffen und Eindruck machen mit seiner geistlichen Botschaft, so muß er vielmehr ein Mann sein, der sowohl durch seine äußere Erscheinung, seine Manieren und seinen Vortrag, wie durch seine geistige Begabung, Bildung und Talent seine Zuhörer zu fesseln und hinzureißen versteht. Von einigen solcher, durch ihr zum Teile recht bizarres und ungewöhnliches Wesen auffallender, religiöser Weltverbesserer, welche augenblicklich in New-Zork und in Amerika von sich reden machen, weiß eben der New-Aorker „Globe" zu erzählen und dürfte einiges aus seinen Mitteilungen wohl auch unsere Leser intereffieren. Ei« durch seine Geburt und Abstammung, durch sein Naturell und seinen Bildungsgang ganz origineller und wohl einzig dastehender New-Iorker Bußprediger ist der von England herübergekommene, sogenannte Zigeuner Schmidt, welcher nach seiner religiösen Kampagne in New-Iork ganz Amerika und Kanada mit seiner religiösen Botschaft und seinem christlichen Kreuzzug zu durchziehen gedenkt. Der Zigeuner Schmidt trägt seinen Namen von dem Umstand, daß er tatsächlich in einem Zigeunerzelte das Licht der Welt erblickt und siebzehn Jahre lang das freie, ungebundene, nomadenhafte Leben seiner Volks- und Stammesgenoffen geführt hat, wodurch er sich durch Keffelflicken und Löffelgießen den Lebensunterhalt verdiente. Luxus- und Lebensverfeinerung blieben ihm ebenso fremd, wie die menschlichen, religiösen, politischen und sozialen Klassen-, Kasten und Standesunterschiede und er liebt bis auf den heutigen Tag die Wahrheit und den Reiz der Natur, die Schönheit und Macht eines einfachen Lebens und ist tief durchdrungen von dem einfachen Gefühl der natürlichen Gleichheit aller Menschen und Raffen. Zigeuner Schmidt war der Erstgeborne von fünf Geschwistern und wuchs auf ohne Unterricht und Bildung. Nach seiner Bekehrung suchte der junge Mann durch angestrengte Selbstarbeit und durch Selbststudium als Autodidakt das Versäumte nachzuholen und sich das Wissen und die Bildung anzueignen, welche ihm durch ungünstige, äußere Verhältnisse in der Jugend versagt bleiben mußten. Infolge einer außergewöhnlichen, natürlichen Begabung hatte dieses ernste Bemühen den überraschenden Erfolg, daß es der Zigeuner Schmidt heute als religiöser, packender Volksredner zu einer unerreichten und unübertroffenen Meisterschaft gebracht hat. Bei seiner Ankunft in New-Iork war der Zigeuner Schmidt, welchen fünf der angesehensten und reichsten Kirchengemeinden New- Iorks verschiedener Denominationen auf eine längere Dauer zu täglichen Tages- und Abendvorträgen verpflichtet haben, inbezug auf den Erfolg seiner Mission voll der, besten Hoffnungen. Er behauptete, der Mann zu sein, welcher im Stande sei, New- Iork aus seiner gegenwärtigen, religiösen Lethargie aufzurütteln, in welche es trotz der großen Anzahl seiner unzweifelhaft begabten Prediger und der von ihnen beliebten Methoden versunken sei, und schätze sich glücklich, diesen Versuch zu wagen. Im Allgemeinen ist er aber auf die NewHorker und Amerikaner nicht besonders gut zu sprechen. Zu einem Besucher in dem „Hotel Cumberland" sagte er: „Ich muß immer lachen über das Gerede von der Freiheit der Amerikaner. In Wahrheit find die Amerikaner das unfreieste Volk der Welt. Sie sind so sehr gebunden durch gesellschaftliche und konventionelle Formen und Rücksichten, so sehr hingenommen vom Gelderwerb und vom Jagen nach irdischen, materiellen Gewinn, daß die Atmosphäre um sie her geradezu erstickend genannt werden muß. Diese dumpfe, niedere Atmosphäre durchdringt alle Verhältnisse, bezwingt und beherrscht Alles und Jeden. Auch die Prediger und Pastoren auf den Kanzeln sind hiebei nicht ausgenommen, auch sie können sich dieser Stickluft nicht erwehren, sondern unterliegen ihr ebenso gut, wenn nicht noch mehr als ihre Zuhörer. New-Z)ork hat es bitter nötig, daß ihm das Evangelium gepredigt wird, und ich hoffe, eine bessere und reinere Atmosphäre zu schaffen, ich hoffe, die Herzen aufzuregen, zu erschüttern und zu trösten, bis die Bekehrten ebenso leicht zu zählen sein werden, als sie jetzt schwer zu suchen und zu finden find. Ich bin allerdings kein Zauberer und ich kann mich auch nur der vorhandenen Mittel bedienen. Die Pastoren der Stadt haben gesäet für einen Herbst und eine Ernte, welche Monate und Jahre lang'dauern kann. Nicht immer ist Demjenigen, welcher säet, auch zu ernten verstattet. Manche Prediger sehen zeitlebens nicht die Frucht ihrer Arbeit, während ein anderer leichter Hand das vollendet, was sie begonnen. Das Gerede vom Verfall der Religion und Kirche ist absurd. Ich bin sicher, daß, wenn heute alle Kirchen und religiösen Organisationen aufgelöst würden, man sie morgen auf der gleichen Grundlage und nach denselben Linien wieder aufrichten würde. Es ist nur ein Fehler, an dem heute alle Kirchen gleich sehr leiden, und das ist die Tatsache, daß sie ohne Christus find." Bei seinem öffentlichen Austreten verfehlt der passionierte Zigeuner Schmidt nie, allgemeinen Enthusiasmus zu entfesseln. Mit seiner einfachen, unaffektierten, freundlichen, gewinnenden und begeisternden Natur und Art reißt er sein Auditorium unwiderstehlich mit sich fort. Seine Gestalt scheint sich beim Reden zu dehnen und zu wachsen, die Augen glühen, den ganzen Körper glaubt man von einem elektro-magnetischen Strom durchbebt, welcher sich unmittelbar und widerstandslos auf die Zuhörer überträgt und sie oft zu lauten Hallelujah- und Beifallsrufen hinreißt. Der

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