Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 470 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 27 bei der Bank in Palästina beläuft sich auf M. 15.009. Unter den Einnahmen figurieren M. 981, welche dem Verein „Esra" von der jüdischen Gemeinde in Posen zum Bau eines Hauses für einen jüdischen Landarbeiter überwiesen wurden. Der Vorsitzende erwähnte ferner, daß auch Rückzahlungen der Kolonisten einzulaufen beginnen und bezeichnen diese Erscheinung als erfreulichen Beweis der ökonomischen Erstarkung der palästinensischen Kolonien, sowie . des wachsenden Berantwortlichkeitsgefühles der Kolonisten gegenüber der jüdischen Gesamtheit. Die Tätigkeit des Vereines „Esra" ersteckte sich im Berichtsjahre über folgende Gebiete: 1. Schulwesen. Die Belkindische Ackerbauschule Eirjath-Sefer bei Lydya hat vom „Esra" eine Subvention von Frcs. 2400 erhalten. Die Schule bezweckt, jüdische Waisenkinder zu schlichten, anspruchslosen und geeigneten Landarbeitern in Palästina zu erziehen. 2. Häuserbau für jüdische Landarbeiter. Um die bereits bestehenden jüdischen Kolonien mit einem geeigneten jüdischen Arbeiterelement zu versehen, ist der Bau von jüdischen Arbeiterwohnungen erforderlich. Zu diesem Behufe ist der Verein „Esra" durch Vermittlung der jüdischen Bank in Jaffa mit den in Pethach-Tikwah wohnenden Besitzern des Bodens von Kafar- Saba in Verhandlung getreten, um auf letztgenanntem Platze jüdische Arbeiter anzusiedeln und so die 675 Hektar umfassende jüdische Besitzung in eine jüdische Kolonie zu verwandeln. Durch die im laufenden Jahre bevorstehende Verwirklichung dieses Planes wird ein neuer Typus von jüdischen Ansiedlern geschaffen werden, die bei minimalen Jnstallierungskosten dennoch eine völlig gesicherte Existenz als Agrararbeiter und Halbbauern haben dürften. 3. B'neh-Jehuda. Das Schmerzenskind des Vereines „Esra" bleibt nach wie vor die transjordanische Kolonie B'neh- Jehuda, deren Sanierung infolge der isolierten Lage der Kolonie sowie durch die in der Türkei gegenwärtig herrschenden inneren Wirren auch im Berichtsjahre nicht gelungen ist. Glücklicherweise bedürfen die auf der Kolonie noch verbliebenen 6 Famjlien keinerlei materieller Unterstützung und die im Berichtsjahre für sie verausgabten 1600 Frcs. sind zur Erlangung der gesetzlichen Besitztitel (Kushans) auf einen Teil des Bodens der Kolonie verwendet worden. Nach Entgegennahme des Berichtes des Vorsitzenden und erfolgter einstimmiger Dechargeerteilung wurden die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Zentralkomitees (Schatzmeister Konsul Julius Friedemann, die Herren Dr. Caspar!, Berthold Israel, Willibald Löwenthal, Dr. Eugen Mittwoch und Prof. Dr. Marburg) wiedecgewählt. Endlich wurde der langjährige verdienstvolle Vorsitzende des „Esra", Herr Moritz Dorn anläßlich des 25jährigen Jubiläums des „Esra" zum Ehrenmitglied ernannt. In der darauffolgenden Sitzung des Zentralkomitees des Vereines wurden die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. Isidor Ginsberg in das Zentralkomite kooptiert. Die französische Regierung über die Inden von Tunis Die französische Regierung unterbreitete dem Parlament einen Gesetzentwurf betreffend den Militärdienst der tunesischen Untertanen, in welchem sich die folgenden interessanten Stellen finden: „Laut den Bestimmungen betreffend die Naturalisation der tunefischeu Untertanen ist diesen die Möglichkeit gegeben, unter der Bedingung eines dreijährigen Militärdienstes in der französischen Territorialarmee oder der Marine naturalisierte französische Bürger zu werden. Das tunesische Landesgesetz über die Rekrutierung schließt jedoch einen ansehnlichen Teil der Bevölkerung von der Ehre, als Soldat zu dienen, aus und macht es daher denselben unmöglich, eine der wichtigsten Bedingungen für die Naturalisierung zu erfüllen. Das tunesische Rekruticrungssystem macht Wohl allen Muselmännern den Militärdienst zur zur Pflicht, die Affentierungsergebnifse sind aber in der Regel so ungünstige, daß nur ein verschwindend kleiner Bruchteil tatsächlich den Militärdienst mitmacht. Was aber das eingeborene israelttische Element betrifft, wird es in keiner Form, weder als Freiwillige noch als Einberufene zum Militärdienst zugelaffen. Aus Rücksicht auf das Gleichheitsprinzip wird es angemeffeu sein, allen tunesischen Eingeborenen die Vorbedingungen zur Erlangung der französischen Staatsbürgerschaft in gleichem Maße einzuräumen. Es liegt aber auch im Interesse der Republik, in größerem Maße sich diesen protegierten Untertanen zu assimilieren, deren Loyalität sich stets in absolutester Weise bewährt hat und von denen sich heute schon eine sehr große Zahl einer allgemeinen Bildung und einer geistigen Kapazität rühmen darf, die der unsrigen nicht nachsteht. Wir waren daher der Ansicht, daß in Konsequenz dieser Anschauungen allen tunesischen Untertanen der Eintritt in unsere' Armee durch Freiwilligendienst freigemacht werden müsse. Um die Assimilation zu beschleunigen, soll der Militärdienst dieser Freiwilligen in einem französischen Milieu, d. h. in einem in der Metropole stationierten französischen Corps ausgeübt werden. Kampf zwischen Griechen und Juden in der Türkei. Konstantinopler Blättern entnehmen wir die Meldung, daß die Griechen unausgesetzt den Versuch machen, die Juden des Landes vor den Türken zu diskreditieren und letztere zu Judenverfolgungen aufzuhetzen. Fast täglich tischen die griechischen Blätter ihren Lesern die unglaubwürdigsten Ritualmordmärchen auf. Die muselmanische Bevölkerung schenkt wohl vorläufig diesen Märchen keinen Glauben, doch besteht die Befürchtung, daß die Bevölkerung schließlich doch gegen die Juden aufgewiegelt werden könnte. Die Regierung versäumt es nicht, die angeführten Fälle zu untersuchen, die natürlicherweise sich ergebende Unwahrheit der verleumderischen Aeußerungen aufzudecken und die Verbreiter der Hetzgerüchte zu bestrafen. In jüngster Zeit häufen sich aber die zwangsweisen Taufen jüdischer Kinder durch die Griechen in erschreckender Weise, wobei genau derselbe Vorgang beobachtet wird, wie bei den Entführungen jüdischer Mädchen ins Kloster in Galizien. So wurden erst kürzlich in Larißa an der türkisch-ungarischen Grenze vier jüdische Kinder am helllichten Tage entführt und getauft. Der Chacham Baschi Nahum hat, als ihm der Vorfall bekannt wurde, sofort bei der Regierung protestiert und Abhilfe verlangt. Die Untersuchung ist eingeleitet. Konstantinopel, den 27. Juni. Die Neuordnung der Dinge, die Neugestaltung der brüchig gewordenen alten Verhältnisse hat auch die jüdische Frage auf die Oberfläche der Tagesdiskussion gebracht und sie erweckt in allen Kreisen Helle Teilnahme. Diese gewiß freudig zu begrüßende Erscheinung zeitigt aber auch gar sonderbare Blüten. Ein gewisser Lucien S c i n t o läßt ein Wochenblatt erscheinen, das mannhaft und ehrlich die Interessen der ottomanischen Juden vertreten und das nach der stolz klingenden Phrase in dem die erste Nummer des Blattes einleitenden Programme „ein einigendes Band sein soll, eine neue Aera der Verbrüderung zwischen Israeliten und ihren nichtjüdischen Mitbürgern herbeiführen soll." Dieser Herr Redakteur aber ist ein getaufter Jude, der plötzlich sein jüdisches Herz entdeckt hat. Daß dies in hiesigen Kreisen unangenehmes Aufsehen erregt, ist selbstverständlich. Die ottomanische Judenheit muß einen solchen Anwalt und Vertreter ihrer Interessen entschieden ablehnen. Solche Preßprodukte, die den Stempel der Gesinnungslosigkeit auf der Stirne tragen, sind geeignet, Verwirrung und Korruption in der jüdischen Bevölkerung zu verbreiten. Gegen die ersten Versuche schon muß energisch Protest eingelegt werden. Rew-Aork. Jakob Gordin, der hervorragende jüdische Dramendichter, ist von seinem langen schweren Leiden erlöst worden. Gordin, der 1853 im Poltawaer Gouvernement geboren wurde, war bis 1880, in welchem Jahre er als Anhänger der Tolstoi'schen ethischen Richtung Rußland verlassen mußte, nur der russischen Sprache mächtig. In Amerika angekommen, erfolgte eine vollständige Umwandlung in seinem Wesen; er widmete sich fortan nur den jüdischen Volksmassen und schrieb nur im Jargon. — Die New-Iorker Judenheit hat dieser Tage außerdem zwei angesehene Mitglieder verloren: Henry Wolfsohn, der bedeutendste hiesige Konzert-Unternehmer, und Albert Friedlander, Mitglied der Handelskammer und Direktor der Erziehungs-Allianz. — Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M., die deutsche Delegierte auf dem Internationalen Frauenkongreß in Toronta (Kanada), weilt hier und studiert die von Frauen geleiteten jüdischen Wohltätigkeits-Anstalten.