Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 469 Ein jüdisches Knabenwaisenhaus. Nach vieljähriger Vorbereitung ist es gelungen, die Errichtung eines Knabenwaisenhauses im XIX. Bezirk, Heiligenstadt, Probusgasse, auf Grund eines Leopold Epstein-Legates und unter munifizenter Teilnahme der Israel. Kultusgemeinde in Wien ficherzustellen und an den Bau derselben als einer Jubiläumsstiftung heranzutreten. Bei den vorangehenden Verhandlungen hat sich seitens der betreffenden behördlichen und kommunalen Instanzen das dankenswerteste Entgegenkommen gezeigt. — Von einer Grundlegungsfeier wurde angefichts der vorgeschrittenen Zeit abgesehen. Bis zum Herbste d. I. soll der Rohbau (Architekt Baurat Stiaßny) hergestellt, im Frühjahre 1910 auch die innere Einrichtung vollendet sein. Die Anstalt soll sich würdig dem bereits bestehenden „Gutmann'schen Waisenhause" des Vereines anreihen und ist auf die Ausnahme von 100 Kindern berechnet. Es ist zu hoffen, daß die bisherigen Freunde und Förderer des seit 1862 wirkenden Vereines auch dieser Institution ihre Teilnahme zuwenden werden. Eine Unterredung mit dem Grand Rabbin von Salonique. Ihr Korrespondent hatte Gelegenheit, mit dem auf seiner Durchreise nach Marienbad in Wien weilenden Grand Rabbin Jacob Meir von Salonique eine Unterredung zu pflegen, in welcher Seine Eminenz die Liebenswürdigkeit hatte, sich über die gegenwärtige Lage in der Türkei zu äußern. Die Juden von Salonique, sagte der Herr Grand Rabbin, stehen jetzt vor großen kulturellen Ausgaben. Sie wollen und müssen die gewonnene Freiheit dazu benützen, um in friedlicher Arbeit das kulturelle Niveau der jüdischen Bevölkerung zu heben. Leider sind die Mittel hiezu nicht in demselben Maße vorhanden,'wie der gute Wille. Noch immer gibt es in Salonique mehr als zweitausend jüdische Kinder, die keinen regulären Bolksunterricht genießen können, weil die Mittel fehlen, für sie Schulen zu errichten. Die jüdischen Volksmassen in Salonique find nicht bildungsfeindlich, im Gegenteile, sie empfinden den Mangel an Schulen sehr schwer und tragen auch zu dem Schulfond von ihren spärlichen Einkünften nach Kräften bei. Auch die reicheren Juden wollen das ihrige tun, aber all dies reicht nicht hin, um zweitausend Kindern den Bolksschulunterricht zu sichern. Die Juden von Europa und Amerika würden sich ein großes Verdienst um eine große und wichtige Sache der Kultur und des Judentums machen, wenn sie ihren Brüdern in Salonique behufs Errichtung von Schulen beispringen würden. Auf meine Frage, welche Bewandtnis es mit den Alarmnachrichten im „Jewish Chronicle" und in den Wiener Tagesblätteru habe und ob es wahr sei, daß eine Einschränkung der Einwanderung der Juden nach Palästina bevorstehe, meinte' Se. Eminenz: „Wir Juden haben durch die Uebertreibungen unserer eigenen Glaubensbrüder viel zu leiden. Man versteht es nicht, in Europa den momentanen Verhältnissen in der Türkei Rechnung zu tragen. In der Türkei herrscht jetzt volle Freiheit und auch die Juden werden in ihrer Freiheit nicht beschränkt. Es ist ihnen gestattet, Besitz zu erwerben und alle Freiheit zu genießen, so lange sie die Gesetze des Landes respektieren und loyale Bürger des Staates sein wollen. Wird nun auch der kleinste Flecken Erde in Palästina von einem Juden erworben, so geht gleich ein von Uebertreibungen strotzender Bericht durch die jüdischen Blätter der Welt, der kleinste Besitz von zwei, drei jüdischen Familien wird in den Zeitungen zu einer Kolonie aufgebauscht. Was Wunder, wenn solche, wie gesagt übertriebene Nachrichten und noch mehr die an dieselben geknüpften übertriebenen und zu weit gehenden Folgerungen in manchen türkischen Kreisen Beunruhigung Hervorrufen! Die Türkei braucht jetzt Ruhe, um sich zu konsolidieren und ihren Besitz zu sichern und man tut sowohl den Jungtürken, als auch den Juden in der Türkei, wie auch dem Judentume im Allgemeinen einen schlechten Dienst, -wenn durch Unbesonnenheit und durch Uebertreibungen Irritationen hervorgerufen werden. Ich habe diesen meinen Standpunkt in einem Schreiben an Herrn David Wolffsohn ausgedrückt, der mir in seinem Antwortschreiben übrigens vollkommen beigepflichtet hat. Leider scheinen die jüdischen Zeitungsorgane, wenigstens die Mehrzahl, die Wahrheit dieser Anschauung nicht erfaßt zu haben." Hinsichtlich des Projektes, Mesopotamien zu besiedeln, äußerte sich der Rabbi Jacob Meir: „Gewiß würde sich auch Mesopotamien für jüdische Kolonisation eignen, aber auch hier kommt es hauptsächlich auf die Form und den Takt an. Im Allgemeinen, schloß der Grand Rabbin, wiederhole ich nochmals: was uns jetzt not tut, ist Nüchternheit und ruhig Blut!." Grand Rabbin Jacob Meir, der sich zu einer dreiwöchentlichen Kur nach Marienbad begab, benützte seine Wiener Anwesenheit, um mit mehreren Persönlichkeiten der Wiener türkischisraelitischen Gemeinde in Berührung zu treten und, stattete auch dem Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Herrn Doktor Alfred Stern einen Besuch ab. Ans der Budapefter Gesellschaft. Der Universitätsdozent und Advokat Dr. Ferdinand Baumgarten, eine Zierde der jüngeren Juristengeneration, hat sich mit Fräulein Flora Spitzer vermählt. Den bürgerlichen Akt vollzog auf dem Standesamte der Bürgermeister Dr. Stefan B ä r c z y; bei demselben waren der Oheim des Bräutigams Kronanwalt-Stellvertreter Dr. Isidor Baumgarten und der Großindustrielle Heinrich Ohrenstein von B e o c s i n, ein Onkel der Braut, die Zeugen. Unmittelbar darauf erfolgte die rituelle Weihe des Trauaktes in dem festlich erleuchteten israelitischen Gotteshause in der Dohüny-utcza. Es hatte sich in dem Tempel ein sehr erlesenes Publikum, die Freunde beider Familien, eingefunden. Von den Anwesenden seien hier einige verzeichnet: Staatssekretär und Geheimer Rat Franz B o l g ü. r, die Universitätsprofessoren Dr. Franz N a g y und Eugen B a l o g h, der Professor am Polytechnikum Edmund I o n ü s, Hofrat Georg S z e r b, Generaldirektor Emund S z i t ä. n y i, die Direktoren Dr. Moritz D o m o n y und Paul S z 6 c s y. Der gesamte Vorstand der Kultusgemeinde unter der Führung des Präsidenten Hofrates Dr. Philipp W e i n m a n n und der Präsident der Chewra-Kadischa Julius Winterberg assistierten gleichfalls der Zeremonie. Oberrabbiner Dr. Koh n richtete an das Brautpaar eine stimmungsvolle Ansprache, in der er des Umstandes gedachte, daß die Eltern der Braut in diesen Tagen das Fest ihrer silbernen Hochzeit begehen. Nach der Trauung fanden sich in dem Haufe der Brauteltern die Freunde der Familie in hellen Scharen ein. Eine Agrarpartei ohne Antisewitismns. Anläßlich eines Kongresses der ungarischen Landwirte plaidierte der -Abgeordnete Johann Barta für die Gründung einer parlamentarischen Agrarpartei im ungarischen Abgeordnetenhause. Der Abgeordnete sprach die Ueberzeugung aus, daß die Agrarpartei gleich nach seiner Gründung zumindest 60 Mitglieder zählen würde, doch, meinte er, „soll die Partei nicht in die konfessionellen Irrlehren der Volkspartei verfallen". Man hegt in ungarisch'politischen Kreisen jedoch wenig Hoffnung auf das Zustandekommen der neuen Partei. Berlin. (Generalversammlung des Vereines „E s r a".) Am 27. Juni fand im Sitzungssaal der Berliner jüdischen Gemeinde unter zahlreicher Beteiligung hiesiger und auswärtiger Delegierter die 25. Jahresversammlung des „Esra", „Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien" statt. Dem vom Vorsitzenden Herrn Moritz Dorn erstatteten Bericht pro 1908 entnehmen wir, daß die Einnahmen im Berichtsjahre im Ganzen die Summe von M. 19.153 erreicht haben, während der zur Sanierung der Kolonie B'neh-Jehuda bestimmte Kolonisationsfond M. 52.000 erreicht hat. Der Kaffenbestand hier und