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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-07-02 · 27 (2.7.1909) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
27 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 468 Dr Blochs Wochenschrift. Nr. L7 die einen großen Teil der Bevölkerung bilden, die Boykottierung der Tramway. Seither fahren alle Tramwaywaggons fast ganz ohne Passagiere. Nunmehr hat die Direktion mit der jüdischen Gemeindevertretung Verhandlungen eingeleitet, um sie durch Gewährung einer Genugtuung zur Aufhebung des Boykotts zu bewegen. _ Korrespondenzen. Die chriftlichfozialeu Komödianten. Die Ansprache die der Vizebürgermeister Dr. P o r z e r im Namen des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger in der am vergangenen Donnerstag im Großen Musikvereinssaal stattgefundeneu „Protestversammlung der Industriellen und Gewerbetreibenden Oesterreichs" hielt, der Beifall der derselben von einem ziemlichen Teil der Anwesenden gespendet wurde, zeigt wiederum deutlich, wie der eigentlich totkranke Dr. Lueger es noch immer versteht, in Oesterreich, im Interesse seiner Parteipolitik, den einen wirtschaftlichen Stand gegen den anderen auszuspielen. Der Reichsratsverband der „Christlich-Sozialen", dem etliche neunzig Mitglieder angehören, ist bis auf einen sehr geringen Teil durch und durch agrarisch. Im Industriezentrum des Reiches, in Wien, begannen die Christlich-Sozialen ihre politische Karriere dadurch, daß sie das Schlagwort von der Rettung des „kleinen Mannes" ausgegeben und den Haß gegen die Großindustrie predigten. Es war nur natürlich, daß in dem Momente als der frühere Ministerpräsident Beck daran ging, sein Kabinet durch Mitglieder des Parlamentes zu ergänzen, er das Ackerbauportefeuille den „Christlich-Sozialen" übertrug. Mit dem Sturze Becks ging auch Dr. Ebenhoch; die Christlich-Sozialen erkannten in ihrem Heißhunger, daß das Ackerbauministerium eigentlich nicht so sehr geeignet ist, alle ihre persönlichen Aspirationen zu erfüllen und so vertauschten sie dasselbe mit dem des Handels, das infolge der weit größeren Agenden für die Parteimanner viel ergiebiger ist, und so wurden die Agrarier von gestern die Industriellen von heute. Ins Kabinet Bienerth trat Dr. Weiskirchner als Handelsminister ein. Herr Doktor Lueger aber scheint zu fürchten, daß vielleicht die Bauern von Nieder- und Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg vernünftiger sein werden, als die Bevölkerung der Reichshauptstadt und mit diesem Kuhhandel für die Dauer nicht einverstanden sein werden und. eventuell aus diesem Portefeuilleschacher die Konsequenzen ziehen, deshalb beginnter auf einmal sein Herz für Handel und Industrie zu entdecken. Der Stand, gegen den er und sein AnhanL vor jeder Wahl losdonnerte, die Vertreter desselben als Raubritter und Pestbeulen im Volkskörper schmähte, beginnt ihm .plötzlich sympathisch zu werden, und er verspricht, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln seinen ganzen Einfluß für die Durchführung des Ermächtigungsgesetzes cinzutreten. Wenn der Schneider aus Ottakring, der Schuster aus Margarethen und der Tischler aus Meidling dem Dr. Lueger aufgesessen ist, so ist es begreiflich, denn diese Stände hatten eigentlich keine Partei im Parlament, die einmal den Willen gezeigt hätte, für ihre wirtschaftlichen Interessen einzutreten. Sie glaubten daher in Dr. Lueger einen neuen Erlöser zu erblicken. Heute nach zehn Jahren politischer Herrschaft, der Christlich-sozialen werden sie freilich wissen, wer eigentlich der Geheimrat Doktor Lueger ist. Die Industriellen Oesterreichs mit ihrer Fülle von Wissen und Intelligenz, mit ihrem politischen Scharfblick dürfen doch nicht in denselben Fehler verfallen, wie der kleine, politisch unreife Mann vor einem Jahrzehnt. Die von Dr. Porzer im Namen des Dr. Lueger abgegebene Erklärung und die Ausführungen des Bezirksvorstehers Stary haben nur dazu gedient, dem Dr. Weiskirchner, dem Liebling Dr. Luegers, seine Position bei den Jndustriellenverbänden zu befestigen. Ein Teil der in der Versammlung Anwesenden, darunter auch ein freiheitlicher Wiener Abgeordneter, verstand diese Komödie, und als Dr. Porzer das Wort ergriff, verließ er demonstrativ den Saal. Die österreichische Industrie hat von den Herren „Christlich-Sozialen" schon genug Erfahrungen und soll sich daher von ihren plötzlichen Sympathien keine zu großen Erfolge versprechen. Eine Partei, die Tag für Tag, bei jeder Gelegenheit durch den Mund ihrer Führer und durch ihre Hetzorgane zum Boykott gegen einen Teil der Reichsbevölkerung auffordert, eine Partei, die den jüdischen Handels- und Gewerbestand zugrunde richten will, die Juden von allen Kommunal- und Landesarbeiten fern hält, ihre Offerte, wenn sie noch so konvenierend sind, einfach unter den Tisch wirft, kann der Industrie nie nützen, immer nur schaden. Im volkswirtschaftlichen Leben darf der Raffen- und Konfeffionskampf keine Geltung haben, es kann daher mit den Christlich-Sozialen nie eine gesunde wirtschaftliche Politik getrieben werden! Bei der gegenwärtigen politischen Konstellation im Parlamente werden Industrie und Handel sehr oft gezwungen sein, Abwehraktionen gegen agrarische Uebergriffe unternehmen zu müssen, sie mögen aber in ihrem eigenen Interesse dafür sorgen, mit Exzellenz Dr. Lueger nicht gemeinsame Sache zu machen. Die Christlich-Sozialen mit ihrem einheitlichen wirtschaftlichen Programm, die bald einen agrarischen und bald einen industriellen Minister der Krone zur Verfügung stellen, obgleich ein Reffort zu dem anderen im diametralen Gegensatz steht, beweisen damit, wie gut sie es verstehen, alle wirtschaftlichen Stände Oesterreich zu düpieren. _ I. Grobtuch. Wien, am 29. Juni 1909. , Geehrter Herr Redakteur! „Hie Rathaus, Hie Kirche." — Wie die Zeitungen verkündeten, hatte ein Wählerverein, dem Dr. Lueger ein Votivfenster in einer Kirche gespendet, angeblich wegen dessen Genesung! Umgekehrt könnte es bei einer anderen Veranlassung Vorkommen, daß einem Kaplan zum Beispiel ein Fenster im Rathaus gewidmet würde, was "'fortsetzungsweise ein tzuixrokiuo ergäbe, wie nachstehende Anekdote — als Variante — ergab: Ein Landpfarrer soll irgendwo beim Stammtisch zulange in die Nacht hinein geweilt haben und wollte unerkannt sein Wohnhaus erreichen; mnterwegs sah er auf einer Wiese einen betrunkenen Mann liegen und rasch entschlossen verwechselte er die Röcke und zog dem Manne die Kutte an. Des Morgens kamen Leute des Weges und erkannten den schlafenden Mann als den Hausknecht eines Gasthofes und weckten ihn auf. Dieser erwachte und staunte über die Kutte; zudem war er über seine eigene Person verwirrt und raisonnierte: „Geht doch Nachsehen, ob der Hausknecht im Gasthof ist, ist er zuhause, so bin ich es nicht, ist er nicht zuhause, so bin ich der Hausknecht von dort!!" Wie dem auch sei, barock ist einmal unsere Zeit und so entstehen Ideen wie zum Beispiel das „Gesundbeten"! Dieses zirkulierte zwar anfänglich nur in Deutschland, aber wir müssen alles von Deutschland kopieren, so bekamen wir auch diese Sitte herein! Da bringt die Post mehrere Briese, hie und da liegt auch ein kuvertiertes Zettelchen bei, das Gesundbeten. Neu wäre ein Beten um gute Geschäfte, aber soweit wird es nicht kommen, denn wir haben so viele nützliche Paragraphen nebst Befähigunsnachweis und Steuerlasten, daß es jedem Geschäftsmann oder Gewerbetreibenden gut gehen muß! — Wer lacht da? Hochachtungsvoll Ein Liberaler,

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