Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 465 Vom ZAbrmarkt des Lebens. Dr. Geßmanns Pension. Die „Arbeiter-Zeitung" schrieb im Anschlüsse an eine Berichtigung Dr. Geßmanns: „Es ist von ihm ^absolut nicht herauszubringen, wieviel er an Pension bezieht, obwohl er doch behauptet, nur sein Recht in Anspruch zu nehmen. Einmal sagte er, es sei eine „absolute Unwahrheit", daß er 24.000 K beziehe; dann, daß er keine Erhöhung über sein gesetzliches Anrecht erfahren habe, das drittemal sagte er, daß er nur das empfängt, was ihm gesetzlich zusteht; aber warum will er denn nicht sagen, wieviel er bekommt? Herr Doktor Geßmann bezieht eine Pension von jährlich 20.000 X. Aber, soviel wir. wissen, beträgt die Pension eines Ministers nur 8000 K; wieso kommt Geßmann zu den 20.000 K und wie kann er dann behaupten, daß er genau so viel und nicht mehr bekomme als ihm zukommt? Herr Dr. Geßmann, der in das Kabinett Beck als christlichsozialer Parteiführer eingetreten ist, hat sich nämlich seinerzeit und rechtzeitig in einen — Beamten verwandelt. Herr Dr. Geßmann hat sich für kurze Zeit, nachdem er niederösterreichischer Landesausschuß geworden war, pensionieren lassen, wozu er natürlich vollständig befugt und was ganz in Ordnung war. Wenn er das heute so dargestellt hat, daß er auf seinen Staatsbeamtengehalt „verzichtet" habe, so war das allerdings, sagen wir, eine Uebertriebenheit Wie ist nun Herr Geßmann zu der Pension als achtunddreißigjährjger Beamter der zweiten Rangsklasse gekommen? Durch folgenden Vorgang: Er hat sich, nachdem er Minister — parlamentarischer Minister! — geworden war, reaktivieren lassen, wie der technische Ausdruck lautet, und so ist nach seinem Rücktritte nicht der parlamentarische Minister gewesen, dem 8000 X als Ruhegehalt bestimmt sind, war er der Beamte zweiter Rangsklasse, dem die Pension nach seinen Dienstjahren ausgemessen wird — wobei allem Anscheine nach, was ja seinen besonderen Haken hätte, die Pause von 1898 bis 1908 als „Dienstjahre" gerechnet wurde. Die Reaktivierung des Beamten der sechsten Rangsklasse (zwar nur eine theoretische Reaktivierung, aber mit sehr praktischen Wirkungen), seine Veränderung aus dem pensionierten Beamten in einen aktiven, bevor er Minister wurde, die sollte die Basis für die Zwanzigtausendkronenpenfion schaffen und schuf sie! Ein kluger Mann baut eben vor, und wer bloß Minister wird, um eine Pension zu kriegen, der denkt rechtzeitig daran, wie sie gesteigert werden könnte. Lange bevor er Minister geworden ist, hat Geßmann an die Pension gedacht, und bevor er Minister ward, hat er um sie gesorgt. Ueberhaupt muß man sagen, daß Herr Dr. Geßmann wohl der kostspieligste Minister war, den Oesterreich jemals erlitten hat. Das ganze so sinnlose Arbeitsministerium, deffen Errichtung und Erhaltung Millionen kostet, ist ja nur aus der ausschließlichen Ursache begründet worden, weil Herr Geßmann Minister werden wollte, und sein Zweck ist mit Geßmanns Ministerschaft so völlig konsumiert, daß man heute am besten täte, es wieder zu stornieren. Herr Geßmann wurde Minister, damit er eine höhere Pension erziele, und damit er Minister werde, also um seiner Pension willen, wurde das neue Ministerium zusammengeschneidert: ein komplizierter und kostspieliger Weg der besseren Versorgung eines mächtigen Politikers! Nachdem Herr Geßmann seine fünfunddreißig Dienstjahre beisammen hatte, verlor für ihn die Ministerschaft den Wert; fast auf den Tag der Erreichung der Geßmannschen fünfunddreißig Dienstjahre ist die Ministerkrise der Koalitionsregierung ausgebrychen. Als ihm die Ministerschaft gebracht hatte, was Geßmann von ihr begehrte, hatte sie ihre Schuldigkeit getan. Das klingt wirklich mehr als wahrscheinlich und man weiß nun, welches Jahreseinkommen sich Dr. Geßmann herauspolitisiert hat — im „Dienste des christlichen Volkes". Und der Mann drückte als Schulreferent in Niederösterreich die Lehrer, er schuf jenes System der Vorenthaltung des Lehrerlohnes, das in Niederösterreich aufrechterhalten wird und die Lehrer zwingt, zur Erlangung von gesetzlichen Gebühren Prozesse zu führen! Morris Rosenfelüber Adolf Sonnenthals Tod*) „Die Juden von Oesterreich Ungarn haben viel gelitten in dem Tod von dem großen Künstler und großen jüdischen Sohn Adolf Sonnenthal. Ich schätz mich glücklich, daß ich Hab noch gehabt das große Glück, mit diesem berühmten Menschen persönlich zu verbringen und mit ihm zusammen aufzutreten auf der Bühne von Musikvereinssal von Wiener Konservatorium. A großer Verlust is es für sein Volk, a großer Wehtag im Herzen Jeden, was hat ihm persönlich gekennt und genoffen von sein Kunst und sein Gesellschaft. Sonnenthals wern nit oft geboren, nit e so schnell wellen die Bühne und das Judenthum haben noch a Sonnenthal, vielleicht keinmol mehr — Ehre sein nobeles Andenken, der Künstler und Jud!" _ Meyer Großes Konversationslexikon, ein antisemitisches Parteiwerk. Ueber Meyers Großes Konversations Lexikon, dessen ältere Auflagen, wie unsere Leser wiffen, auch einige antisemitisch angehauchte Abhandlungen enthalten, schreibt neuerdings die „Franks. Ztg." in einer Besprechung der neuesten (sechsten) Auflage: „Ein weiterer Umstand, der gegen die vorhandene Einrichtung des Lexikons spricht, ist der, daß die R i ch t i g st e l l u n g der herv ^gehobenen Fehler und die Nachholung der Versäumnisse jahrelang auf sich warten lassen müssen. Ich hatte z. B. im Jahre 1903 (Nr. 198 vom 19. Juli) gerügt, daß im Konversations- Lexikon die durch nichts gerechtfertigte Unwahrheit steht: „sicher-! ich mag der Blutaberglaube auch zuweilen bei Juden zu Morden verführt haben". Wo in aller Welt hat der Verfasser dieser scheußlichen Anklage gegen eine ganze Bevölkerungsklasse die erforderliche Grundlage hergenommen? Selbst wenn die Redaktion des Lexikons den Willen haben sollte, hier billigerweise die erforderliche Richtigstellung vorznnehmen — worüber übrigens dem Referenten trotz der fünf Jahre, die feither verflosfen find, näheres nicht bekannt geworden ist — so wird sie es doch erst in dem angekündigten Ergänzungsbande tun können. Bis dahin kann aber jene Unwahrheit in manchem Kopfe Verwirrung angerichtet und so Unheil gestiftet haben. (Der inzwischen erschienene „Einundzwanzigste Band, Ergänzung n und Nachträge* enthält keine Berichtigung der angefochtenen Behauptung in dem Artikel „Blutaberglauben". Dagegen kommen König Haakon, der Philosoph H. Cohen und Oskar Höcker, deren Uebergehung im folgenden bemängelt wird, zu ihrem Recht. D. Red.) So schwere Nachteile sind zwar nicht zu fürchten, wenn die Uebergehung bedeutender Männer, wie z. B. des Marburger Philosophen Hermann Cohen, des Jugendschriftstellers Oskar Höcker, des Biographen Schopenhauers Gwinner erst nach Jahren gutgemacht wird; oder wenn gewiffe Verfasser, die das Lexikon zur Ablagerungsstätte antisemitischer Anschauungen mißbrauchen — ich erinnere nur an die im zehnten Bande gerügte Behauptung, von der Abneigung der Juden gegen körperliche Arbeit — sich erst nachträglich von ihren Vorurteilen befreien und davon erst im Ergänzungsbande Zeugnis ablegeu. Immerhin können aber auch diese Tatsachen die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Einrichtung des Konversations- Lexikons erhärten." _ Zur Kulturgeschichte Deutschlands iw XX. Jahrhundert. Em echter H exenpr o ze ß wurde vor der Strafkammer in Trier als Berufungsinstanz verhandelt. Zwei alte Jungfrauen aus Serrig an der Saar waren von der Wahnidee befangen, daß ihre beiden Kühe, die unerklärlicherweise zum Geripp abgemagert waren, keine Milch mehr geben wollten und beim Melken wie besessen um sich schlugen, behext sein müßten. Kein anderer als der jüdische Handelsmann Meyer aus Beurig-Saarburg konnte die Tiere bei einem Kuhhandel behext haben. Um den Teufel aus den armen Tieren zu treiben, lockten sie den nichts ahnenden Handelsmann unter der Angabe, mit ihm einen Handel abschließen zu wollen, in den Stall, fielen dort mit einer Heuui d Mistgabel über ihn her und verletzten ihn so schwer, daß er mehrere Wochen lang das Bett hüten mußte. Das Schöffengericht in Saarburg verurteilte die beiden negen Mißhandlung und tätlicher Beleidigung zu je vierzehn Tagen Gefängnis und *) Aus einem eben aus New-Aork in jüdischer Schrift eingelangten Briefe Rosenfelds, unter Beibehaltung der charakteristischen Wendungen reproduziert; Sonnenthal hat bekanntlich bei der im Oktober v. I. vom Wiener jüdischen Museumsvereine veranstalteten Vorlesung Nosenfelds einige Dichtungen desselben zu erschütterndster Wirkung gebracht.