Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 463 wir gerade in Wien das Beispiel einer glänzend geführten konfessionellen Schule einer anderen religiösen Minorität — der evangelischen Gemeinde — seit Jahren vor uns sehen. Damit haben wir auf eine wichtige Aufgabe der Kultusgemeinde hingewiesen, ohne die Forderung nach Durchführung zu stellen. Vorerst müßte eine gründliche Sanierung der Finanzen erfolgen. Der warme Appell, welchen der sehr geehrte Herr Finanzreferent in dieser Richtung an alle Vorstandsmitglieder richtet, wird gewiß nicht ungehört verhallen — aber ein Erfolg kann erst dann erreicht werden, wenn eine Einigung über Zweck und Ziele herbeigeführt sein wird. „Seid fruchtbar und vermehret Euch"! Rede, gehalten von Israel Zangwill am 13. Juni in Leeds. (Fortsetzung.) Freiwillige Emigration die einzige Lösung. Sie kann von keiner Organisation geführt werden, mag sie noch so reich sein und über noch so große Rednertalente verfügen. Keine Organisation kann die Spesen oder die Verantwortlichkeit für die Ansiedlung von Millionen Emigranten in einem neuen Lande auf sich nehmen. Auch werden Millionen Emigranten, die über eigene Mittel verfügen, dem Rufe einer Organisation, mögen die verkündeten Gefühle derselben noch so edel und noch so patriotisch sein, nicht folgen. Emigrantenmassen werden stets nur dahin gehen, wo sie ihren Lebensunterhalt finden können, und das Meiste, was eine Organisation tun kann, ist, ihnen zu helfen, ein solches Territorium zu eröffnen, wo durch ihre stufenweise, freiwillige Zuströmung in dieses Territorium von selbst ein jüdisches Land werde. Die ganze Zukunft unserer Rasse hängt von der Entdeckung des geeigneten Territoriums ab, um die nächste, große, jüdische Emigrationswelle dahin zu leiten. Diejenigen, die behaupten, Palästina sei dieses Territorium, haben sich niemals die wirtschaftlichen Probleme vergegenwärtigt, welche daraus entstehen würden, wenn die jüdischen Massen in dieses winzige Land sich ergießen würden, in welchem bereits 700.000 Einwohner leben, von denen über eine halbe Million aus Arabern, Deutschen und Türken, Priestern und Missionären zusammengesetzt ist. Hören Sie zum Beispiel einen Brief an, den ich zu Anfang dieses Jahres von einem jungen Kolonisten in der berühmten palästinensischen Kolonie Rischon le Zion bei Jaffa erhalten habe. / „Eine Anzahl junger Leute und Familien, die Jahre lang hier in den Kolonien gearbeitet haben, mit der Arbeit durch und durch vertraut sind, jedoch die Kolonie zu verlassen wünschen, fragen Sie, ob es möglich wäre, sie irgend wo in der Welt anzufiedeln, wo sie ein eigenes Stück Land erhalten würden. Jüngst waren Agenten der brasilianischen Regierung hier, die die Namen vieler dieser Personen aufnahmen. Da wir doch keine genügenden Garantien erhalten konnten, ist es zu keinem Abschlüsse gekommen. Viele fleißige Hände, die in Galveston eine blühende Kolonie schaffen könnten, vergeuden hier nutzlos ihre Kraft.' Ephraim S. Kahana." Dieser Brief beweist nicht, daß es unmöglich ist, für diese fleißigen Kolonisten in Palästina Arbeit zu finden, da ja Palästina wirtschaftlich sehr besserungsfähig ist, sondern er zeigt klar, daß kein Land, obgleich teuer gehalten durch das Gefühl, fähig ist, die jüdischen Massen zurückzuhalten, geschweige denn anzuziehen, wenn sie dort ihr Brot nicht finden können. Und er zeigt uns die Gefahr, die vor uns liegt, wenn wir dulden, daß jüdische Politiker überrannt werden von unpraktischen Fanatikern und besonders von Fanatikern, die selbst uicht die geringste Absicht haben, ins Heilige Land zu emigrieren. So lange das uns erwählte Land nicht ein solches ist, in welches die Mafien tatsächlich gehen und in welchem sie ihren Lebensunterhalt finden werden, werden wir uns einfach als fantastische Träumer zeigen. Die autonome Basis. Nicht minder-wichtig ist es, daß diejenigen, die in dieses Land wandern, daselbst auf autonomer, Selbstverwaltungs- Basis stehen. Das Territorium, das für die Konzentrierung unserer Emigration gewählt wird, muß solcher Art sein, daß, vorausgesetzt, daß die Mafien dahin auswandern, nichts, höchstens der eigene Fehler im Wege stehe, aus dem Lande ein jüdisches Heimatsland zu machen. Der Schmutz wurde dahin definiert, er sei das Einzige, das nicht auf seinem Platze ist. Das, was im Hause Schmutz ist, ist draußen auf dem Felde herrlicher Boden. Wenn der Jude wie Schmutz behandelt wurde, so geschah dies deshalb, weil er in irgend eines anderen Haus geworfen wurde, anstatt der Boden für eigene Früchte zu bleiben. Seit den Tagen Pharaos entstand, wie wir gesehen haben, das jüdische Problem durch die Vermehrung der Juden am unrichtigen Platze. Laffet diese Vermehrung, aber nehmet Platz auf dem richtigen Boden und unter den richtigen Bedingungen und anstatt ein jüdisches Problem zu schaffen, wird sie ein jüdisches Land schaffen. „Sie könnten sich vermehren!" das ist der Schreck nicht Pharaos, sondern für uns Juden selbst in London, New- Iork, Paris und Berlin und „zerstreuet die Juden!" war lange ihre einzige Lösungsformel. Während die Anhänger anderer Glaubensbekenntnisse sagen, ihr Glaube müsse draußen verbreitet werden, sagen die Juden, daß nicht ihr Glaube, sondern sie selbst müssen zerstreut werden. Dieser Gedanke widerspricht so sehr dem Gemeinfinne der Menschheit, die sich dessen bewußt ist, daß Einheit Kraft bedeutet und daß in der Zahl die Sicherheit liege, daß er als bester Beweis für die Geisteskrankheit gelten kann, der draußen resultiert, daß Sie Ihre Wurzeln nicht in ihrem eigenen Boden haben. Im „Jto"-Land werden wir nicht sagen: „Sie könnten sich vermehren!" sondern: „Mögen sie sich vermehren!" Wie ist das jüdische Problem zu lösen? Erstens, muß es irgendwo in der Welt ein gesundes unbevölkertes oder nur dünnbevölkertes Land geben, das groß und fruchtbar genug ist, um eine Bevölkerung von vielen Millionen aufzunehmen und nicht stark genug ist in seiner Zivilisation, um das jüdische Volk in seine Form einzuschmelzen. Zweitens müfien die Besitzer des Territoriums gewillt sein, es den Juden zu übertragen, oder zumindest einwilligen, daß es von den Juden besetzt werde und last but not least müssen die Juden von einem brennenden Entschluß beseelt sein, in dieses Territorium hineinzuströmen mit Leib und Seele und es zu einem jüdischen Lande emporzuarbeiten. Fehlt auch nur eine dieser drei Vorbedingungen, so ist ein Erfolg ausgeschloffen. Nehmen wir nun diese drei Bedingungen eine nach der anderen. Gibt es ein solches Land in der Welt? Ein Land, wie es die Juden möchten, ein Land mit herrlichem Klima und fruchtbarem Boden mit schimmernden Bächen und ebenen, weitgestreckten Straßen mit Landhäusern und Gärten, die ihres Besitzers harren, selbst ohne Feinde, die zu fürchten wären — ein solches Land existiert vielleicht. Aber sein Name ist Gan Eden oder Paradies. Diesseits des Grabes können wir es nicht haben. Ist auf dieser Erde ein Klima vollkommen, der Boden fruchtbar, so wird es sicherlich schon bewohnt sein und die Flagge irgend eines Landes wird dort bereits flattern. Wer früher kommt, wird früher bedient und wir find sehr spät gekommen. Aber wären wir selbst einen Tag nach der Schöpfung gekommen, hätten wir auch kein solches Land bekommen, denn es gibt kein fertiges Land. Jedes Land, mag es heute noch so entzückend aussehen, war in der Vergangenheit mehr oder weniger eine Wildnis. Wo jetzt dieses Kolosseum steht, standen nicht Wälder mit Schlangen und Wölfen? Jede Nation hatte die Aufgabe, entweder die Wildnis zu besiegen oder die Nation, die die Wildnis besiegt hat. Und gehen Sie auch diesen beiden Aufgaben aus dem Wege, so werden Sie dennoch Ihre Schuld an die Geschichte nicht loswerden, denn die Geschichte präsentiert ihre Rechnung in Form von Verfolgungen und Pogroms. Das Volk, das weder den Namen noch die Natur zu besiegen vermag, muß sein Leben von der Gnade mächtigerer Völker fristen.