Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 27 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 462 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 27 können, wenn ihre oppositionelle Haltung bei der Abstimmung über Schusterschic das Kabinett Bienerth geworfen hätte. Aber die Abgeordneten beschweren sich, daß das Ministerium ihren berechtigten Wünschen nicht eutgegenkommt, das heißt, daß sie bei dem Handel leer ausgehen, welchen die Regierung mit den verschiedenen Parteien führt, um ihre Stimmen sich zu erhalten und zu gewinnen. Auf die Politik d?r geschlossenen Hand soll mit der Politik der geballten Faust geantwortet werden. Das sieht aus, wie eine vernünftige Sache, aber im Hinblick auf die Faust wird das Urteil ein anderes. Die Faust ist zu schwach und wenn gekämpft werden soll, verlieren die Juden. Englisch kaltherzig und längs der Tatsachen gesprochen: Die Regierung glaubt es nicht nötig zu habe», auch die Juden auf der goldenen Brücke gehen zu lassen, welche sie ihren heraukommenden Feinden baut. Vielmehr sieht sie eine viel bessere Methode als die der Gegengeschenke darin, den Juden zu zeigen, daß sie vom Kabinet als von der obersten Behörde abhäugen und seinen Schutz nötig haben. Sie ist der jüdischen Gegnerschaft durch den allgemeinen Antisemitismus turmhoch überlegen. Etwa obstruierende Abgeordnete und krawallierende Volksmassen würden ganz einfach Ausnahmsgesetze zur Folgehaben. Die unbedingte Opposition hat aber auch schon herrliche Früchte getragen: Mau hat den russischen Gelüsten polnischer Bezirkshauptleute die Zügel schießen lassen und in vielen galizischen Elendstädten jammern viele neuerdings ruinierte Existenzen darüber, daß man den Zorn der Regierung über sie heraufbeschworen hat. Am schönsten aber - werden sich die bosnischen Juden bei der jüdischen Opposition im österreichischen Reichsrat bedanken. Bekanntlich wurde ihnen ein Mandat im Landtag, ein eigener Kurieuvertreter zugesichert. Als sich jedoch die österreichisch-jüdischen Abgeordneten au der Hetze gegen den gemeinsamen Finanzmiuister beteiligten, fand es Burian für angezeigt, den Wünschen einer Protestdeputation der Serben nachzugeben und das jüdische Laudtagsmandat aus feinem Entwurf zu streichen. Jetzt also, werden glücklich die bosnischen Juden vor der übrigen Bevölkerung des Landes als politisch minderwertig und rechtlos dastehen, was moralisch vou furchtbarer Wirkung sein wird, abgesehen von der Unmöglichkeit, jüdische Wünsche im Landtag zu vertreten. Man sieht also, wohin eine gewalttätige und unbesonnene Opposition der jüdischen Abgeordneten geführt hat und daß ihre Vertreter verhängnisvolle Folgen hervorriefeu, als sie es versäumten, ^ich mit der Regierung auf dem Standpunkt gerechter Einsicht auseinanderzusetzen, und als sie bei jeder Abstimmung in die oppositionelle Posaune stießen. Sie hätten es versuchen müssen, 'sich von der Regierung für geleistete gute Dienste Vorteile für ihre Wählerschaft zu erhalten, als auf unbedingter Vorausbezahlung zu bestehen und dadurch unser bischen politischen Besitzstand zu gefährden, statt ihn zu wahren. Man hört nicht, was die Wählerversammlungen der betreffenden Abgeordneten dazu sagen, aber auch die übrigen Juden haben als Mitgeschädigte ein Recht, sich zu beklagen. Hoffentlich wird mau endlich einlenkeu und' den durch die Ereignisse bewiesenen Irrtum nicht auf die Spitze treiben. Die politische Lage uud die uoch lauge Dauer der gegenwärtigen Legislaturperiode geben Gelegenheit, die begangenen schweren Fehler gutzumachen. Allerdings wäre dazu notwendig, etwas mehr Politik der Berufenen zu machen, als die Politik der von mancher Seite Angeschrieenen. Dem Vernünftigen erscheint es . als der Schluß der Weisheit, bei jeder Gelegenheit mit der Mistgabel gegen die Regierung loszugehen. Z«m Kampf »m das Defizit. Vom Verfasser der „Glossen". Die interessatllen Ausführungen des sehr geschätzten Finanzreferenten in Nr. 25 und 26 dieses Blattes werden gewiß die Gemeindemitglieder darüber beruhigen, daß es künftig möglich sein werde, das Defizit zu bannen und das Gleichgewicht im -Gemeindehaushalt dauernd herzustellen. Freilich wird das ungern gehörte „Sparen" ernstlich zur Durchführung gelangen müssen. Nichts anderes als eine Warnung bezweckten die „Glossen". Diese Warnung war umsomehr am Platz, als in der Debatte über den Rechnungsabschluß maßgebende Stimmen laut wurden, ungeachtet des Defizits das bisherige System beizubehalten und weitere Expansion des Wohltätigkeitsbudgets befürworteten. Daß dies nur unter Einschränkung des Kultus- und Unterrichtsbudgets geschehen könnte, liegt ans der Hand. Gerade in dieser Richtung stehen wir weit hinter den „Jüdischen Gemeinden" Deutschlands zurück. Zwar vermeint der geehrte Verfasser — offenbar durch die Bezeichnung „Jüdische Gemeinde" verleitet — die jüdischen Gemeinden haben sich zu einer alle Seiten sozialer Fürsorge umfassenden Organisation entwickelt. Diese Vermutung stimmt jedoch nicht mit den Tatsachen. „Jüdische Gemeinde" ist in Preußen die gesetzliche Bezeichnung für die religiöse Korporation der Juden, so wie in Oesterreich „Israel. Kultusgemeinde" — beide Begriffe sind ganz identisch. Die „jüdischen Gemeinden" sind in erster Linie „Kultus"gemeinden und sehen ihre Hauptaufgabe in Pflege von Kultus und Unterricht — letzteren in weiterem Sinne, als unsere Gemeinde, indem sie blühende Knaben- und Mädchen-Schulen (nicht bloß Religionsschulen) aus Gemeindemitteln erhalten. Das eben erschienene, vom Deutsch-israelitischen Gemeindebund herausgegebene „Handbuch der jüdischen Gemeindeverwaltung und Wohlfahrtspflege" (der Titel spricht ganz deutlich) bietet folgende Daten: Berlin mit einem Etat von Mk. 2,351.268 verwendet etatmäßig für Armenunterstützung Mk. 421.727, erhält dagegen 6 Synagogen, eine komplette Knaben- und Mädchenschule — nebst 12 Religionsschulen, Talmud-Thora und Lehrerpräparandie. Frankfurt a. M. und Breslau mit ungefähr gleichem Etat von Mk. 500.000 erhalten ebenfalls Gemeindeschulen und ihre zahlreichen Humanitären und kulturellen Institute haben eigenes Vermögen und eigene Verwaltung. Ebenso steht es in Hamburg mit einem Etat von Mk. 202.417. Was hier für soziale Fürsorge rc. geleistet wird, ist ganz bedeutend, jedoch ohne Zusammenhang mit der reinen Kultusgemeinde (Synagogen- und Tempel- ' verband). Nach diesem Beispiele Jüdischer G(M?inden sollte auch bei uns möglichst Loslösung der Wohls ahrtspfleg^e von den „Kultus"gemeinden angestrebt werden, weil die Befürchtung naheliegt, das Ueberwuchern des Wohltätigkeits-Budgets könne die Kultusgemeinde noch mehr von ihren eigentlichen Aufgaben ablenken. Schon heute stehen den Zuschüssen für Kultus mit K 265.401.— und für Unterricht mit K 252.957.— die Zuschüsse für Wohlfahrtspflege mit K 603.139.— gegenüber. Daß die Wiener Kultusgemeinde ihre Pflichten gegenüber Kultus und Religionsunterricht niemals vernachlässigt habe, wie der geschätzte Verfasser behauptet, wird sich schwer Nachweisen lassen. Es sei nur daran erinnert, daß seit Jahrzehnten die Sorge für Errichtung und Erhaltung neuer Tempel den Vereinen überlassen wurde, welche meist in recht unzulänglicher Weise subventioniert wurden. Nicht besser steht es mit dem Unterricht, wenn man sich auf den Standpunkt der „Jüdischen Gemeinden" stellt. Wie erwähnt, erhalten Berlin, Breslau, Frankfurt a. M. aus Gemeindemitteln Knaben- und Mädchenschulen. Die Berliner Gemeinde verausgabt für die Erhaltung der beiden Schulen jährlich 60.000, resp. 70.000 Mark. Der Bau der Knabenschule hat Kosten von rund 400.000 Mark, der Bau der Mädchenschule 73.000 Mark beansprucht. Wie steht es damit in Wien? Es besteht lediglich eine fünfklassige Volksschule, welche von einem Verein (Talmud-Thora) erhalten und mit 7000 K aus Gemeindemitteln, mit 7500 K aus dem Goldschmidt-Legat subventioniert wird. Zu dem Neubau dieser Schule, welcher einen Kostenaufwand von K 240.000 verursachte, hat die Gemeinde K 30.000 beigesteuert. Die Erweiterung dieser trefflich geleiteten und von den Schulinspektoren gelobten Schule zu einer Bürgerschule, sowie die Errichtung einer jüdischen Mädchenschule Md dringende Notwendigkeiten. Aber solche Ideen werden in der Wiener Gemeinde als „illiberal" streng verpönt -— trotzdem