Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 457 Bauern; sie sind verachtet bei den Christen, da sie zerlumpt und schmutzig gekleidet sind. Sie müssen als Auszeichnung ein rotes Stück Tuch ungefähr von der Breite eines Goldstückes an ihren Kleidungsstücken, am Brustteile angehestet haben. Die königliche Steuer lastet schwer auf denselben, denn sie müssen jede Arbeit, die vorkommt, für den König unternehmen; so müssen sie die Schiffe ans Ufer ziehen, Dämme machen und dergleichen. Sie werden auch als Exekutoren für Leibes- oder Todesstrafe gebraucht. Angeber sind zahlreiche unter ihnen; es kommt täglich vor, daß' einer den andern verleumdet, so daß hier Verleumdung nicht mehr als Verbrechen erscheint. Das Landesgesetz fördert noch diese Uebeltat, da nach demselben der Hinterbringer nicht gestraft wird, wenn auch dessen Aussage nicht als begründet erwiesen ist. Auch ist Keuschheit hier nicht zu Hause, hingegegen sind sie sehr strenge gegen den Genuß des Weines vom Nichtjuden. Die Synagoge in Palermo hat ihresgleichen nicht in der Welt; im äußersten Hofe derselben winden sich Weinstöcke, wie ich deren noch nie gesehen habe, um die steinernen Säulen; ich habe einen dieser Weinstöcke gemessen, und er war fünf Spannen dick. Von da geht man auf steinernen Stufen in einen andern Hof hinab, der zum Vorgebäude der Synagoge gehört. Sie selbst ist von drei Seiten mit einer Vorhalle, in welcher sich große Stühle für die Personen, die aus irgend einer Ursache nicht in die Synagoge eintreten wollen, umgeben und daselbst befindet sich ein herrlicher Brunnen. An der vierten Seite der Synagoge ist der Eingang angebracht; sie ist in Quadratform gebaut, 40 Arme lang'und 40 Arme breit. An der östlichen Seite sieht man ein schönes steinernes, kuppelartiges Gebäude, den Hechal (Aron Hakaudesch); dahin werden die Gesetzrollen, geschmückt mit den Kronen und Granitäpfeln aus Silber und Edelsteinen im Werte von 4000 Goldstücken (nach Angabe der dortigen Juden) auf ein hölzernes Brett gelegt, und nicht wie bei uns, wo die Gesetzrollen in eine Lade gestellt werden. Der Hechal hat zwei Türen gegen Süden und gegen Norden, und Zweien aus der Gemeinde ist das Amt anvertraut, die Türen zu öffnen und zu schließen. In der Mitte der Synagoge befindet sich ein hölzerner Turm, Theba (Almemor) genannt, wo die Chasanim sich hinbegeben, um die Thora vorzulesen; es sind deren jetzt fünf in dieser Gemeinde angestellt. Diese tragen an Sabbathen und Festtagen die Gebete mit solch angenehmen Gesängen vor, wie ich es noch nie in einer andern Gemeinde gehört habe; an Wochentagen hingegen ist die Besucherzahl der Synagoge nur sehr gering, so daß ein kleines Kind sie zählen könnte. Rings um die Synagoge sind mehrere Nebengebäude, als: das Hospital, wo Betten für Kranke und für Fremde, die dahin kommen und nicht wissen, wo sie übernachten sollen, angebracht sind; ein großer und schöner Saal für die Auserwählten (Vorsteher), wo dieselben zu Gericht sitzen und die Gemeindeangelegenheiten beraten; es sind deren zwölf, die jedes Jahr neu gewählt werden; sie sind von dem König bevollmächtigt, die Steuern festzusetzen, Geldstrafen aufzulegen und zu verhaften. Diese Einrichtung hat nichts Gutes für sich, denn es sind oft Leute ohne Namen und von schlechtem Charakter, die den Statthalter durch Geschenke dahin bringen, sie zu Auserwählten zu ernennen; diese Geschenke aber werden dann von der Synagogen- und Gemeindesteuer hergeschafft, so daß das arme Volk mit Steuern überladen wird, da die Auserwählten, unterstützt durch den Statthalter, eigenmächtig handeln dürfen, und das Elend und Jammergeschrei der Bedrängten ist ungeheuer. Ich habe in Palermo folgenden Gebrauch bemerkt: Wenn Jemand stirbt, so bringt man dessen Sarg in das Vorgebäude der Synagoge und die Chasanim stimmen da Klagelieder über denselben an; wenn der Hingeschiedene ein bedeutender Mann und besonders ein Gelehrter war, so bringt man den Sarg in die Synagoge*) selbst, nimmt eine Gesetz- *) Dieser Gebrauch wird im Tnr joreh-deah zitiert; aud) vo» Mein, vergl. Chaluz, Heft VI, Seite 66. rolle heraus, stellt sie in eine Ecke der Theba (Almemor), setzt den Sarg gegenüber dieser Ecke, und dann werden die Klagegebete verrichtet; dasselbe wiederholt man an allen vier Ecken der Theba. Der Sarg wird dann zum Begräbnisorte außerhalb der Stadt getragen; angelangt am Tore der Stadt, fangen die Chasanim an, laut den 49. und noch andere Psalmen zu rezitieren, bis man zum Gottesacker kommt. Auch habe ich folgendes gesehen: Jom Kippur und Haschonoh Rabba-Abend, nachdem man mit dem Gebete fertig ist, öffnen die beiden Beamten die Türen des Hechal, und bleiben dort die ganze Nacht; da kommen die Frauen in Familiengruppen, die Gesetzrollen zu küssen und sich vor denselben zu bücken; sie kommen zu der einen Türe herein und gehen zur andern hinaus, und dies dauert die ganze Nacht; die einen kommen und die andern gehen. Ueberhaupt sind ihre Synagogengebräuche in vielen Städten verschieden von den unsrigen; sie sagen das ganze Schema laut, so wie dies auch in ganz Egypten und Palästina geschieht. Am Jom Kippur unterbricht sich der Vorbeter nicht in der Tephila, um die Selichoth zu sagen, sondern dies geschieht erst nach der Thephila; ferner fällt man in jeder Tcphila am Jom Kippur nieder (kaur’im). Am Tischah beab sagen sie das Gebet Vajavor mehrere Mal, wie wir es am Jom Kippur tun. Ich blieb in Palermo vom 22. Thamus 5247 bis Sabbath Bereschith 5248. Als ich dahin kam, forderten mich die Vorgesetzten auf, daß ich am Sabbat vor dem Mincha-Gebet Vorlesungen halten sollte; ich habe es getan und am Sabbat des Neumondes Ab 5247 damit angefangen. Meine Reden wurden sehr günstig ausgenommen, so daß ich sie jeden Sabbat fortsetzen mußte; dieses war aber nicht zu meinem Vorteile; denn ich kam eigentlich nach Palermo, um von da nach Syrakus, welches an der Grenze Siziliens ist, zu gehen, denn ich hörte, daß um diese Zeit die venetianischen Schiffe, die nach Beiruth, das nahe zu Jerusalem ist, gehen, daselbst ankommen. Die Leute von Palermo haben dann viele Personen aufgestellt, die mich durch Lügenberichte von meinem Vorhaben abschrecken sollten, und es ist ihnen gelungen. mich in ihrem Netz zu fangen, so daß ich die Zeit, wo die Schiffe nach Syrakus kommen, versäumte, und ich blieb in Palermo, um den Leuten jeden Sabbat ungefähr drei Stunden vor Mincha Vorlesungen zu halten. Ich habe mich da in meinen Reden gegen die Angeber aufgelehnt und über die Verletzung der Keuschheit u. dgl. gesprochen, so daß mir die Aeltesten der Stadt sagten, daß viele vom Sündigen sich enthalten, und während ich da war, hat auch die Zahl der Angeber abgenommen; .ich weiß nicht, ob sie wieder zu ihrem alten Treiben zurückkommen werden. Aber soll ich denn meine Zeit unter einem Volke zubringen, das mich verehrt und vergöttert, ja sie machten es mit mir wie die Christen mit ihren Heiligen. Die Niederen des Volkes sagten, daß Gott mich zu ihnen geschickt hätte; viele verlangten ein Stück von meinen Kleidern zum Andenken, und eine Frau, die meine Wäsche wusch, wurde von den andern glücklich gepriesen. Sie rechneten immer darauf, daß ich wenigsteus ein Jahr da bleiben werde, und sie wollten mir einen hohen Gehalt aussetzen, welchen ich aber ausschlug, denn mein Herz sehnte sich nach dem gelobten Lande. Den Vorabend von Sukkoth 5248 kam eine französische Galeere nach Palermo, um nach Allxandrien zu gehen; auf derselben befand sich der würdige Meschulam aus Volturna mit seinem Diener und ich freute mich, in seiner Gesellschaft zu reisen. Die Nacht nach Sabbat Bereschith schifften wir uns ein, und Sonntag mittag verließen wir Palermo. Wir hatten den ganzen Tag und die ganze Nacht einen günstigen Wind, so daß wir des Morgens nahe an dem Phar von Messina waren; wir kamen glücklich durch denselben und waren Montag mittag in Messina. Diese Stadt ist ein Handelsplatz für alle Nationen; von allen Gegenden kommen Schiffe dahin, da Messina in der Mitte des Phars liegt, so daß Schiffe aus dem Osten und dem Westen da Vorbeigehen, und auch ist dessen Hafen einzig in seiner Art in der