Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 454 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 26 - die Engländer denken wie man will — auch das offizielle Eng- Jj laud ist in Indien, Egypten und wo es sonst noch herrscht, il; nichts weniger als einwandfrei und „moralisch", aber cs liegt fj doch etwas Imposantes in diesem Widerstand der „Gentlemen" °! gegen die politische Barbarei, die in Rußland das Wort führt. Das ist ein Versuch, Fragen der Menschlichkeit über politische Rückfichten zu stellen, der einen gewissen Respekt ohne Zweifel verdient. So spricht auch die öffentliche Meinung Englands ihr Urteil über das öffentliche und offizielle Rußland, ein Urteil, wie es fich schärfer nicht denken läßt. „Daily News" schreibt u. a.: „Es gibt nur einen Kommentar zu der Ankündigung des Besuches des Zaren in England. Man muß die einfache historische Tatsache wiederholen, daß, während der Periode, in der die „Schwarzen Hundert" das Blutbad unter den Juden öffentlich organisierten, zur Zeit wo ein Protestmecting in London abgehalten wurde, bei dem Lord Milner sprach und zu dem Mr. Chamberlain einen Brief sandte, der Zar die Anführer der Mord-Liga in Audienz empfing und öffentlich zu dem Fonds beisteuerte, mit deffen Hilfe sie aufreizende Artikel druckten, um den Mob zu ködern, der die Blutarbeit verrichten sollte". Jüdische Abgesandte in Konstantinopel. # Die Jungtürken fangen an, vor der Judenfrage Angst zu bekommen. Sie wiffen nicht, was sie mit ihr anfangen sollen. Jeden Tag wird sie ihnen in anderer Form und von anderer Seite aufgetischt und wenn nicht bald irgend eine Einigung im Vorgehen erzielt wird, so besteht die Gefahr, daß in der Türkei hinsichtlich der Judenfrage eine Verwirrung entsteht, die den Juden dauernden Schaden zufügen muß. Diese Auffassung wird jetzt von den meisten jüdischen Kreisen in der Türkei und auch in Europa geteilt. Eine treffende Schilderung der Unsicherheit und der Ueberwucherung jüdischer Projekte in der jungen Türkei enthält eine Konstantinopler Korrespondenz des Petersburger „Fraiud", in welcher Folgendes gemeldet wird: An Stelle regelmäßiger Arbeit ist die Hintertreppcnpolitik getreten. In Konstantinopel befindet sich gegenwärtig ein ganzes Heer von jüdischpolitischen „Unterhändlern". Man besucht die Minister, streckt die Fühler aus, sendet Memoranden, jeder mit seinem Plan, jeder mit seinem Entwürfe. Und die armen Jungtürken stehen verwirrt und verwundert und fragen: Wer repräsentiert eigentlich die Gesamtheit des Judentums, mit wen sollen wir unterhandeln?! . . . Daß ich nicht übertreibe, möge die folgende Aufzählung beweisen: Die Vertreter des Zionismus schweigen nicht. Die Zeit des Charterismus ist schon vorüber und man hat Verlangen nach mehr realen Sachen. Wie in hiesigen Kreisen authentisch verlautet, kommt Herr Wolfsohn in nächster Zeit mit fertigen Projekten nach Konstantinopel und wird hier Besuche machen, „Unterhandlungen pflegen" u. s. w. Das ist der eine. Außerdem hat die „Jca" ihren Vertreter in der Person des Herrn Frank hierher entsendet, der gleichfalls mit Plänen und Vorschlägen gekommen, schon seit längerer Zeit hier weilt, Zusammenkünfte mit höchsten Regierungskreisen hat und unausgesetzt unterhandelt und konferiert. Jetzt ist auch das Memorandum Zangwills hier eingelangt und bereits einer Kommission zur Begutachtung übergeben worden. Aber das ist noch nicht genug. Dieser Tage kam ein g> wiffer Herr Doktor, der auf eigene Faust Vorschläge macht und vom Minister des Innern zum Minister für öffentliche Arbeiten wandert und nirgends angehört wird. Man weiß nicht, was mit ihm anzufangen. Und so geht das Tag um Tag und die Regierungskreise werden immer mißmutiger und nehmen die Projekte immer weniger ernst. Wie verlautet, wird Herr Wolssohn während seiner Anwesenheit in Konstantinopel auch über die Frage der Abhaltung deS diesjährigen Zionistenkongreffes in Konstantinopel, sowie die Gründung eines zionistischen Tageblattes in französischer Sprache in dm Bereich seiner Beratungen ziehen. '---- ''' : Die geplanten jüdischen Kolonien in Kleinasien. Ablehnung durch die türkische Regierung. Der Korrespondent der „Pol. Korr." in Konstantinopel erhielt von einer hohen und in der Sache kompetenten türkischen Persönlichkeit folgende Angaben über die von zionistischer Seite bei der Pforte getanen Schritte zur Erlangung ihrer Zustimmung zur Errichtung jüdischer Kolonien in Kleinafien oder Mesopotamien. Unter dem früheren Regime wurden der Türkei wiederholt finanziell sehr verlockende Anträge in dieser Richtung gemacht; sie erfuhren aber jedesmalige Ablehnung, da der Verdacht bestand, daß die Kolonisationsvorschläge nur eine Etappe auf dem Wege zu einer späteren Errichtung eines jüdischen Nationalstaates zu bilden bestimmt seien. Auch Kiamil Pascha erklärte zur Zeit seines Großwefirats: Wir haben durch eigene Schuld eine armenische Frage schaffen geholfen und wollen nicht auch zur Schaffung einer jüdischen die Hand bieten. Aus diesem Grunde wurden für den Aufenthalt fremder Juden in Palästina gesetzliche Fristen durch Gesetze bestimmt, deren letztes, das ihn auf sechs Monate erstreckte, noch in Geltung ist. Nach Einführung des neuen Regimes sind die erwähnten Bemühungen allerdings erneuert worden; es dürfte aber die ehemalige Anschauungsweise in dieser Angelegenheit keine Aenderung erfahren und die jüdischen Kolonisations- Projekte in Kleinasien und Mesopotamien haben auch jetzt nicht größere Aussicht auf Annahme seitens der türkischen Regierung als zuvor. Zangwills Memorandum an die türkische Regierung. Wie aus Konstantinopel berichtet wird, hat Achmed Riza Bey das von Israel Zangwill verfaßte Memorandum über Mesopotamien bereits erhalten. Behufs eingehenden Studiums des Memorandums wurde eine größere Kommission eingesetzt, der auch die vier jüdischen Deputierten des türkischen Parlaments sowie der arabische Deputierte von Bagdad, der Hauptstadt Mesopotamiens, angehören. Vermischtes. ° Wien. (Talmud - Thora - Tempel, II., M a l z g a s s e 16.) Samstag den 26. Juni 1909, nachmittags 3 Uhr, findet im Speisesaale der Talmud-Thora- Schule ein Vortrag des Rabbinatskandidaten Bela Fischer statt. Thema: Die Zahl Vier, Sieben in der Bibel und im Talmud. Wien. Am 28. d. M. feiert der Ehrenpräsident des Vereines „Tefilas Haneorim", Herr Joachim Gollerstepper, seinen 85. Geburtstag. Wir wünschen ihm: Ad meo weesrim schono bei voller körperlicher und geistiger Frische! ' Wien. (Theologen-Verein.) Freitag den 25.d.M. um 1 Uhr nachmittag findet im großen Festscräle der k. k. Universität die Promotion unseres Vereinspräsidenten des Herrn A. Zifrinowitsch statt. Wien. (JüdischeToynbeehalle, XX., Othmarg a s s e 46.) Vortrags-Zyklus über Ethik im Talmud mit spezieller Berücksichtigung der Gnomologie der tannaitischen Periode. Rabbinatskandidat Bela Fischer Vortrag II. Samstag den ,6. Juni 1909. Beginn 5 Uhr nachmittags. Wien. Der Vorstand des Bethaus-Vereines „Mikdosch m'at", II., Kleine Schiffgasse 8, zeigt hiermit an, daß Oberkantor Herr Abraham Chajitmann aus Suczawa (Bukowina) am Freitag den 18. und Samstag den 19. Juni d. I. in unserem Bethause den Gottesdienst abgehalten und durch seine klangvolle Tenorstimme und schöne Vortragsweise allgemein großen Beifall geerntet hat. Auf vieles Verlangen wird derselbe auch Freitag den 25. um 7 Uhr 30 Min. abends und Samstag den 26. um 8 Uhr früh den Gottesdienst abhalten.