Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 De. Vlochs. Wochenschrift. Seite 453 richtet. Gegen diesen Geist müssen wir vereint, Schulter an Schulter kämpsen; denn wir haben einen gemeinsamen Feind: die Finsternis, ein gemeinsames Ziel: die Volksbildung, eine gemeinsame Waffe: dieAufklärung. Die Rede wurde von der vieltausendköpfigen Zuhörerschaft, darunter die geistige Elite Ungarns, mit gespannter Aufmerksamkeit angehört und mit lebhaften Eljens und Händeklatschen ausgenommen. Der gefeierte Jubilant erwiderte tiefergriffen unter Anderem: „Gott, der Allwissende, kennt mein Inneres und weiß es, daß ich meine israelitischen Mitbürger nicht nur immer liebte, sondern daß ich fie auch hochschätzte. Ich stelle meinen Gläubigen die Bekenner der jüdischen Religion immer als Muster auf, die mit solcher Begeisterung und Opfer Willigkeit anihrerReligionundihrem Vaterlande hängen. Der Löwenanteil an diesen unvergänglichen Verdiensten gebührt selbstverständlich meinem lieben Freunde und Kollegen, Ihrem hochgeachteten, weisen Führer, der ohne Voreingenommenheit die Religiosität, die Menschen- und Vaterlandsliebe weckt und verbreitet und dem ich sehr viel zu danken habe." Beim Bankett zu Ehren des Gefeierten toastierte Doktor Schnitzer, von allen Seiten akklamiert, sehr geistreich auf die beiden Häupter des Kirchendistriktes, Bischof G. A n t a l und Grafen Stefan Tisza. Den Stoff zum Toaste wählte er aus dem Talmud. Hamburg. (Erbschaft des Prof. Oppert.) Der verstorbene Orientalist Prof. G. Oppert hat seine umfangreiche Bibliothek der Hamburger Stadtbibliothek vermacht. Die Bibliothek ist aber bisher noch nicht in den Besitz der Stadtbibliothek übergegangen, die Bücher sind "vielmehr, in Kisten gepackt, einem Spediteur übergeben worden, weil das Testament noch nicht als vollstreckbar anzusehen ist. Der Grund für diese Verzögerungist scheinbar in einer antijüdischen Tendenz einzelner ihrer Meinung nach in dem Testamente des verstorbenen Professors nicht genügend bedachter Hinterbliebener Verwandten desselben zu suchen, welche die erforderliche landesherrliche Genehmigung des in Preußen errichteten Testamentes verhindern möchten. Das geht aus einem Briefe hervor, den der einzige überlebende Bruder des verstorbenen Professors, Herr E. D. Oppert in Westminster, jetzt in dieser Angelegenheit an die „Neue Hamb. Zlg." gerichtet hat. In demselben heißt es: „Wie mir von meinem Berliner Anwalt berichtet wurde, existiert in Preußen die sehr heilsame Vorschrift, daß ein Vermächtnis an die tote Hand der Einwilligung des Zivil-Kabinetts des Königs von Preußen bedarf, und hätte es sich nur um das Vermächtnis an die Hamburger Stadtbibliothek gehandelt, so würde -die Entscheidung vielleicht schon erfolgt sein. Aber obgleich mein verstorbener Bruder nicht nur während seines mehr als 25jährigen Aufenthaltes in England und Indien stets ein Unitarier, und nicht Jude gewesen ist, sondern sich auch bei seiner späteren Niederlassung in Berlin als Unitarier beschrieben und geriert hat, ist er trotzdem, kurz vor seinem Tode, als er körperlich schon ganz geschwächt und auch geistig zu Zeiten nicht ganz klar war, vermocht worden, fast sein ganzes Vermögen (mit Ausnahme einiger unbedeutender Legate und mäßiger Renten an die nächsten weiblichen Verwandten), einem spezifisch jüdischen Institut zu hinterlassen. Wenn dieses Faktum allein stände, würde es volle Beachtung verdienen, aber es wird in ein noch viel stärkeres Licht gestellt durch die Tatsache, daß mein verstorbener Bruder auf seinem Totenbette, als er körperlich und geistig nicht mehr Herr seiner selbst war, einen „Nachtrag" zu seinem Testament machte, durch den die oben erwähnten Rentenempfängerinnen zugunsten desselben jüdischen Institutes wesentlich geschädigt wurden. . . . Ungefähr 6 Monate vor seinem Tode hat mein Bruder sich noch in meiner Gegenwart scharf gegen intoleranten Judaismus ausgesprochen." Das in diesem Briefe erwähnte »spezifisch jüdische Institut" ist die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, an welcher Professor Oppert bei Lebzeiten als Dozent fungierte und welche er als Universalerbin seines Vermögens zur Errichtung eines Gustav Oppert'schen Lehrstuhls für Sprachwissenschaften und orientalische Forschung eingesetzt hat. Die Universalerbin sagt darüber: „Der Betrag des Oppert'schen Nachlaffes konnte noch nicht festgestellt werden, da er von der Regelung des zum Teil in England und Indien liegenden Vermögens abhängt. Aus diesem Grunde konnte auch die landesherrliche Genehmigung noch nicht erwirkt werden. Soweit sich bis jetzt übersehen läßt, wird die Stiftung für die Lehranstalt erst nach Jahrzehnten Praktisch in Wirksamkeit treten." Danach ist die Sachlage doch eine ganz andere, als sie in dem Briefe aus Westminster von interessierter Seite dargestellt wird. Der bevorstehende Besuch des Zaren in England. Der Zar hat wenig Glück mit den Engländern. So oft er kommt, ist er ihnen unwillkommen. Nicht nur die englische Arbeiterschaft wehrt sich, auch Ministerielle und Liberale im ^Unterhause machen kein Hehl daraus, daß ihnen der Repräsentant des heutigen Rußland keine sympathische Persönlichkeit ist. Im Unterhause kam der bevorstehende Besuch des Zaren zur Sprache und es sind Worte gefallen, welche man vermutlich dem Kaiser von Rußland nicht mitteilen wird. Im englischen Parlament, in der höflichsten, in der förmlichsten und konservativsten Volksvertretung, die es gibt, find Worte gefallen, die eine groteske Parodie auf die Toaste bilden, die zweifellos Nikolaus II. und Eduard VII. unter donnerndem Kanonensalut auf der Rhede von Cowes tauschen dürften. Und dabei gingen jene Kundgebungen, die zeigen, welch ein unwillkommener, welch ein verhaßter Gast der Zar an der Themse ist, nicht etwa von einer faktiösen Opposition, die der Regierung Schwierigkeiten bereiten wollte, aus, sondern ministerielle Abgeordnete waren es, die Sir Edward Grey interpellierten, ob der Besuch des Zaren einen offiziellen Charakter trage, und die sich erkundigten, ob es nicht möglich sei, dem Besuch einen rein privaten Charakter zu verleihen, weil die Stimmung im Lande gegen den Zarenbesuch sei. Und nicht nur, daß in einer ganz unzweideutigen Weise seitens ministerieller Abgeordneter Sir Grey zu verstehen gegeben wurde, daß man nicht gesonnen sei, für den Aufwand beim Zarenempfang Steuergelder zu bewilligen, so fielen auch Worte in den geheiligten Hallen des englischen Parlaments, wie fie noch kaum je einem Souverän gegenüber gefallen find, Worte, die dem Charakter förmlicher englischer Höflichkeit so sehr widerstreiten, daß fie geradezu ein Gradmesser für die elementare Antipathie des englischen Volkes gegenüber Nikolaus II. find. - Ein Abgeordneter rief mit Bezug auf den Zaren: „Ich hoffe, er wird das ihm Gebührende abkriegen, wenn er hieherkommt", und wenn der Sprecher mit seiner ganzen absoluten Präfidialgewalt, die er im englischen Unterhause besitzt, dem Redner nicht ins Wort gefallen wäre, so würde zweifellos ein sehr starkes Wort die Anschauungen des betreffenden Mitgliedes des Hauses der Gemeinen über den erlauchten Besucher von der Newa drastisch illustriert haben. Man erinnert sich der schrecklichen Menschenopfer zur Zeit der revolutionären Vorstöße, erinnert sich der Pogroms, der blutigen Tabelle, die kürzlich ein russischer Fürst nach amtlichen Daten zusammengestellt hat. Das offizielle Rußland ist in der ganzen Welt diskreditiert. Man schätzt es nach seinen Taten, nicht nach den feierlichen Versicherungen des Herrn Stolypin. Der Zarismus hat wohl politische Verbündete, aber er besitzt wohl, von den Herren Kramarz und Klofac abgesehen, wenig Freunde im westlichen Europa. Kaiser Nikolaus kommt als offizielle Person zu König Eduard. Er ist I>er politische Vertreter des Volkes, deffen Wohl und Wehe in seine Hände gegeben ist. Rußland und England find Alliierte, der Zar und König Eduard Freunde, aber die englische Volksvertretung zieht mit peinlicher Sorgfalt die Grenze zwischen politischen und menschlichen Angelegenheiten. England überläßt der Regierung die Verantwortung für den Besuch des Zaren, aber es hält mit seiner Meinung über das russische System nicht zurück. Man mag über