Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 450 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 26 Mann, der er ist, verläßt Mr. Wolfe daher schließlich das Master. Die Juden haben Erfahrungen genug gesammelt, um zu wisten, daß die Strömung in Amerika, Argentinien und anderen westlichen Ländern eine so starke ist, daß je länger sie sich in ihr aufhalten, desto mehr werden sie vom Judentume entfernt. Warum also nicht ebenso empfindsam sein, wie Mr. Jabez Wolfe? Mit allen seinen Fehlern ist Rußland für die Erhaltung des Judentums vorteilhafter als Amerika und Argentinien. Der Ansiedlungsrayon, in welchem fünf Millionen Juden beisammen leben, auf welchen kurzsichtige Menschen, wie auf eine Einschränkung herabblicken, könnte beinahe ein Urland sein und Rußland würde in die Hände der „Jto" hinübergespielt werden, wenn es nicht durch einen teuflischen Zufall — denn ich halte es nicht für geschickt genug, es ausgedacht zu haben — die Juden verhindert hätte, fich in den Dörfern anzusiedeln und Landwirtschaft zu treiben. Aber dafür hätte es da wirklich ein jüdisches Land gegeben, das eines Tages hätte frei sein können. Wie die Dinge nun stehen, bilden die Juden bloß in den großen überhäuften Städten des Ansiedlungsrayons eine Majorttät, und selbst wenn sie die Rechtsgleichheit in Rußland erlangen würden, könnten sie sich auch nicht aus den Städten über das Land verbreiten, weil dort für die russischen Bauern selbst kaum Land genug vorhanden ist. Die Hoffnung, daß „Jto "-Land in Rußland erstehen könnte, ist daher eine vergebliche. Die einzige Aussicht liegt außerhalb des Ansiedlungsrayons und der einzige Weg, ein jüdisches Land aufzubauen, ist, den großen Emigrationsstrom weder nach Amerika, noch Argentinien, sondern nach einem Territorium zu richten, wo die Emigration ein dominierender Faktor werden könnte, nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Zivilisation und Religion. Diese Emigration müßte jedoch, von ihrem Beginne gefördert und geleitet, eine natürliche und freiwillige werden, wie die gegenwärtige Emigration nach New- Iork eine ist. (Schluß folgt.) Vom Aabrmarkrt des Lebens. Der Stationsvorstand von Pisek. (Ein Beittag zur Geschichte des Blutaberglaubens.) Wie die „Narodni Politika" aus Pisek berichtet, ruft dort und in der Umgebung das Gerücht von einem Ritualmorde, dem ein kleiner Knabe aus der Gemeinde Topelec zum Opfer gefallen sein soll, lebhafte Beunruhigung hervor. Die gerichtliche Untersuchung des Falles ergab jedoch, daß dieses Gerücht der überreizten Phantasie des Stationsvorstandes Karl Spul in Wlastcc entstammt. Die Eisenbahnstation liegt einsam im Walde und wurde vor drei Jahren zu nächtlicher Stunde von Zigeunern überfallen. Seither lebt der Stationsvorstand in steter Aufregung. Am 7. d. M. erhielt der jüdische Kaufmann Ludwig König durch Vermittlung der genannten Station ein deutsches Telegramm des Inhalts, er möge den Knaben abholen.' Der Stationsvorstand legte sich in seiner überreizten Phantasie das Telegramm so aus, daß König, der keine Kinder hat, wahrscheinlich um einen Knaben fahren werde, um ihn zu töten. Am 8. d. M. fuhr Herr König nach Prag und holte aus dem Kaiser Franz Joseph- Kinderspital das Söhnchen seiner Schwester Frau Johanna Czerwenka aus Wolschnik ab. Auf der Rückfahrt mit dem Knaben hielt er sich in Pisek auf und machte dort Einkäufe von Fleisch und Gemüse. Das Paket, in dem sich die gekauften Sachen befanden, deponierte er auf der Heimreise in Wlastec, von wo er es abholen lassen wollte. Der Stationsvorstand Spul untersuchte aber das Paket und-war entsetzt, als er auf den Kleidern des Knaben, die sich in dem Paket befanden, Blutspuren wahrnahm. Diese rührten von dem Fleische her, das sich ebenfalls in dem Paket befand. Stationsvorstand Spul machte sofort die Anzeige beim Gendarmeriekommando in Pisek. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet und am 11. d. M. erschien eine Gerichtskommisfion, die zahlreiche Zeugen vernahm. Die Untersuchung ergab schließlich, daß die ganze Angelegenheit, wie erwähnt, nichts anderes war als ein Phantasiegebilde des Stationschefs Spul. Herr König erstattete nun gegen Spul die Strafanzeige wegen Verleumdung. Im Verlaufe der Untersuchung sagten die Zeugen aus, daß der Stationsvorstand an Verfolgungswahn leide, weshalb die Untersuchung gegen ihn wieder eingestellt wurde. Es war im Jahre 1866, daß die guten Leute in Pisek ihre Mitbürger, welche an der Cholera erkrankten, in Dünger eingegraben haben, so daß ihnen nur der Kopf herausragte. Als Medizin gab man ihnen Jauche zum Einnehmen. Das war aber nicht ein vereinzeltes Vorkommnis, der Exzeß irgend eines verrückten Menschen, sondern entsprach der Vorstellung und der Anschauung der gesamten Bevölkerung. Seitdem scheint sich nichts geändert zu haben. Dünger bildet wohl dort noch immer die geistige Lieblingsnahrung, Jauche die trefflichste Medizin, welche diese Leute finden können. Der Herr Stationsvorstand wahrt somit die berühmten Traditionen von Pisek._ Offenbachs neunzigster Geburtstag. Am 21. Juni 1819 wurde einem mit Kindern reich gesegneten jüdischen Tempelsänger ein Sohn geboren, der den Namen Jakob erhielt; da die Familie aus der Umgegend Frankfurts, aus Offenbach stammte, nahm sie den Namen des Heimatsortes an und der Knabe Jakob, der sich später Jaques nannte, war dazu ausersehen, diesen Namen in der ganzen Welt bekannt zu machen: aus ihm wurde der berühmte Jaques Offenbach, der „König der Operette". Den Jungen ließ der musikalische Vater im Violoncellspiel unterrichten und er wurde bald ein Virtuose auf diesem Instrument, in dessen Ton er eine dumpfe, tiefe Wehmut zu legen wußte. Aus dem weich einschmeichelnden, süß betäubenden Klang der Kniegeige sind ihm zuerst jene so ganz anders gearteten, lachenden Melodien entgegengeklungen, die doch immer noch den verführerisch hinschmelzenden Sehnsuchtsruf seiner ersten Lieder bewahrten. Noch als Knabe nach Paris verschlagen, ging Jaques mit seinem Violoncell hausieren, zeigte erst auf der Straße seine Kunst und bald auch in den Salons, wo der romantische Knabe mit dem seelisch ausdrucksvollen Spiel recht interessant gefunden wurde. Schließlich wurde er Kapellmeister am Theatre Fran^ais; aber der klassische Stil und die klassische Musik behagten weder den in ihm sich regenden Geist leichtgeschürzter Klänge, noch seinem ebenfalls tief in ihm wurzelnden Geschäftsgeist. Er gründete selbst eine Bühne, die „Buffes-Parisiens" und wußte sich mit seinen Singspielen und Operetten bald zum beliebtesten Komponisten der Seinestadt aufzuschwingen. Die freche, prickelnde und sinnlich freie Stimmung des zweiten Kaiserreiches fand in seinen dahinwirbelnden Tänzen und seinen geistreich melodiösen Spöttereien den stärksten Ausdruck. Er wurde ein Liebling des allmächtigen Herzog von Morny und Napoleon III. schenkte ihm eine Bronzestatue der Euterpe, um ihm seine besondere Gunst zu bezeugen. Aber was er als Komponist verdiente, das verlor er wieder in seinen Theaterunternehmungen und beim Kartenspiel; in ewigen Auf und Ab wühlte er bald im Golde, bald sah er sich dem Ruin gegenüber. In solchen. Tagen der Not wurde ihm das Violoncell seiner Jugend zur Zaubergeige, die ihm wieder Geld brachte. Er gab vielbesuchte Konzerte als Violoncellspieler, besonders in Deutschland, und hier wieder vor allem in Wien. Friedrich Uhl, der Offenbach während seines Wiener Aufenthaltes nahetrat, gibt in seinen Erinnerungen ein scharfes Bild von der Persönlichkeit des Komponisten: „Offenbach kannte die Ruhe nicht; selbst wenn er von der Gicht gepackt, die Füße eingehüllt am Kamin fitzen mußte, besprach er mit seinen Dichtern künftige Stücke, mit den Direktoren Engagements der Darsteller, mit den Verlegern neue Ausgaben älterer Werke. Er lebte für zwei, drei Menschen; arbeitete ohne Unterlaß und war dabei kein Riese. Nicht groß, nicht klein, ein wenig nach vorne, wie über das Violoncell gebeugt, hager, die Glieder wenig mit Fleisch bekleidet, dafür stets, wenn die Mittel es irgendwie erlaubten, mit Kleidern