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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-06-25 · 26 (25.6.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
26 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Blochs Wochenschrfft. Seite 449 gefegt würden. Das ist ein Weg, der zur Lösung der russischjüdischen Frage führt, jedoch nicht die Lösung, die von der „Jto" empfohlen wird. Eine praktischere Lösung. Die Lösungsformel der „Jto" wird durch das eine Wort ausgedrückt: „Jto"-Land. Das jüdische Volk muß, seine kindischen Selbsttäuschungen und veralteten Illusionen aufgebend, sein eigenes Schicksal in seine eigenen Manneshände nehmen und ein großes jüdisches Zentrum errichten für diejenigen Juden, die in den Ländern, in denen sie gegenwärtig leben, nicht bleiben können oder bleiben wollen. Diejenigen, die bleiben können oder wollen, sollen einfach denjenigen helfen, die in das neue Land ziehen, sie selbst werden dann bloß eine Religion repräsentieren und werden sie, wenn sie an sie glauben, auch verbreiten, und wenn nicht, in aller Gemächlichkeit dahinschwinden. Auf diese Weise wird trotz des Abflusses das jüdische Volk, das heute weder ein Heim, noch eine Zukunft hat, Beides gesichert haben. Wenn ich sage, ein jüdisches Zentrum müsse errichtet werden, so meine ich damit nicht, daß künstlich Geschichte gemacht werden könne. Die gegenwärtige Position aller Raffen ist nichts anderes als ein auf viele Generationen verteiltes allmähliches Anwachsen. Das jüdische Wachstum war schlecht und verfallen und was während 19 Jahrhunderten den Verfalle anheimgegeben war, kann nicht in einem Jahrhundert aufgerichtet werden. Unsere heutige schlechte Lage ist die Folge der endlosen Emigration des wandernden Juden ohne jeden leitenden Gedanken und ohne zentrales Ziel. Diese Wanderungen sind einfach durch die Verfolgung hinter sich und den Wohlstand vor sich überhastet in Szene gesetzt worden. Der Verfolgung zu entrinnen und ihr Brot zu verdienen: das waren die Motive der Emigranten. Ihre Emigration war niemals mittelst staatsmännischen Planes geregelt worden. Und ungeregelte Emigration kann eben nichts anders als Chaos erzeugen. Eine regulierte Emigration hingegen würde ein Land erzeugt haben. Prüfung der freiwilligen Emigration. Nehmen wir zum Beispiel die letzte große Emigration des jüdischen Volkes, die noch immer im Zuge ist, mit Verfolgung hinter sich und Wohlstand vor sich: die Emigration aus Rußland nach Amerika. Diese Emigration, die von selbst blindlings und ohne regulierende Agentur vor sich geht, hat bereits nahezu zwei Millionen Juden in die Vereinigten Staaten versetzt und ihre Zahl in New-Iork allein beträgt schon fast eine Million. Nun ist es unmöglich, eine Ueberfiedlung von Rußland nach Amerika mit geringeren Spesen als durchschnittlich 10 Pfund Sterling per Kopf zu bewerkstelligen und so soll also angenommen werden, daß durchschnittlich jede Person, die nach Amerika geht, 10 Pfund mitführt. Die Ueberfiedlung von zwei Millionen Emigranten von Rußland nach Amerika repräsentieren also bei geringer Schätzung eine Ausgabe von vierzig Millionen Pfund Sterling und diese Riesensumme wurde fast zur Gänze von den Emigranten selbst aufgebracht. Aber stellen sie sich einmal vor, daß irgend ein jüdischer Führer im Jahre 1881, als die Verfolgungen ausbrachen, behauptet hätte, daß zwei Millionen Juden aus Rußland herausgeführt werden müßten! Er wäre als Träumer verlacht worden. Man würde ihm gesagt haben, daß das 40.000 Millionen Pfund Sterling koste. Man würde ihn gefragt haben, welche Vorschläge er zur Beschaffung der 40 Millionen Pfund Sterling zu machen imstande sei. Die Personen, die diese Frage gestellt haben würden, wären sicherlich Philanthropen gewesen, die an Wohltätigkeitsaktionen und an die Schwierigkeiten, Subskriptionen für Wohltätigkeitsakte zu erlangen, gewohnt sind. Es wäre diesen Personen nicht eingefallen, daß, wenn man sich mit Volksproblemen befaßt, man mit „Schnorrer"-Problemen nichts zu tun habe. Deshalb sage ich Ihnen: wenn wir dem jüdischen Problem nähertreten, bewahren wir uns vor der Meinung der Philanthropen l Wir dürfen nicht denken wie der Präsident eines Board of Guardians, sondern wie ein Staats-Schatzmeister. Noch so riesenhafte Summen auch erforderlich sein mögen, sie find leicht zu erreichen, wenn wir ein Volk von Millionen haben, das dazu herangezogen werden kann, und jeder hat nur sein Scherflein beizutragen. Der Zwischendeck-Emigrant wird in der Regel als das wahre Symbol der Armut und der Hilflosigkeit betrachtet. Wohlan denn, die finanzielle Macht des Zwischendeck-Emigranten ist so groß, daß der Norddeutsche Lloyd und die Hamburg-Amerika-Linie ohne ihn bankerottieren müßten, wie dies auch die Bilanz dieser beiden großen Dampfschiffgesellschaften in diesem Jahre, da infolge der amerikanischen Finanzpanik die Emigration per dritter Klaffe in Wegfall kam, so deutlich zu Tage trat. Die Schmelztiegel. Aber alle diese 40 Millionen Pfund, die von jüdischen Emigranten verausgabt wurden und alle die weiteren Millionen, die noch ausgegeben werden, um die Juden über den Atlantischen Ozean zu bringen, können nicht ein jüdisches Heim und keine jüdische Zukunft in dem Sinne bringen, wie wir sie jetzt in Betrachtung ziehen, in welcher der Jude als separates Volk mit einer separaten Bestimmung steht. Die Emigration von 100.000 Briten nach Natal zeitigt eine britische Kolonie mit einem Parlament, aber die Emigration einer Million Juden nach New-Iork zeitigt nichts als einen riesenhaften Schneeball, der sich rasch verschmilzt mit dem amerikanischen Leben. Denn um ein Volk beisammen zu erhalten, genügt es nicht, daß es zusammengesammelt werde, es muß unter solchen Bedingungen zusammengesammelt werden, die es ihm ermöglichen, seine eigenen Ideen, seine eigene Lebensweise herrschend zu erhalten und nicht auf einem Platze, wo andere Konzeptionen und andere Lebens^ weisen vorherrschend und überwältigend find. Die jüdische Religion mag in Amerika eine Zukunft haben, das jüdische Volk kann keine haben. Betrachten wir nun ein anderes Zentrum jüdischer Einwanderung mit welchem ein bewußter Versuch gemacht wurde, die Auswanderung zu regulieren. Ich meine Argentinien, wo die Jewish Colonisation Association mit riesigen Kosten einige kleine Kolonien errichtet hat, mit dem Erfolge, daß sie als Stimulus für eine freiwillige jüdische Auswanderung aus Rußland nach Buenos-Ayres gedient haben. Kann das zu dem notwendigen jüdischen Zentrum führen? Nein, denn, so seltsam es auch klingen mag, Argentinien besitzt in noch höherem Maffe die Wundeckraft, den Einwanderern die eigene Form und Couleur aufzuprägen, als Amerika. Ich nannte Amerika einen Schmelztiegel, aber Argentinien scheint ein noch größerer Schmelzofen zu sein, denn selbst der Engländer, der gewöhnlich auf seine Rasse und sein Land so stolz ist, der fast in jeder großen Stadt der Welt in einem englischen Viertel wohnt, auf die eingeborenen Bewohner herabschaut und von ihnen wie von Fremden denkt, selbst der Engländer wird in der zweiten Generation zu einem Argentinier umgeschmolzen und genau so, wie in England oder Amerika die jüdischen Kinder nicht gern das Jiddisch ihrer Eltern sprechen, so sprechen die englischen Kinder in Argentinien nicht gerne englisch. Sie sprechen bloß spanisch und deren Kinder wieder wollen nur widerwillig daran glauben, daß ihre Großväter aus England kamen, obgleich ihre Namen Brown, Jones oder Robinson diese Tatsache jedem anderen verraten. Sie find argentinischer als die Argentinier selbst. „Die blau-weiße Fahne Argentiniens", sagt ein neueres Buch über „Modernes Argentinien" erweckt ihren Enthusiasmus, während die Unionsflagge sie gar nicht rührt." Ein Land, das selbst Engländer verschmilzt, ist sicherlich kein Platz zur Erhaltung des jüdischen Volkes. Die Lehre des Jabez Wolfe und die Juden. Es gibt einen berühmten jüdischen Schwimmer, auf dessen Mut und Tapferkeit wir alle stolz find. Mr. Jabez Wolfe, der wiederholt den Versuch unternommen hat, den Kanal zu durchschwimmen, aber nachdem er zwanzig Stunden im Wasser gewesen, schließlich die Erfahrung machte, daß die Strömung ihn in eine Richtung trug, daß, je länger er das Wasser trat, desto weiter er von Frankreich entfernt wird. Ein empfindsamer

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