Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021845--18420-3043347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 448 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 26 Lande allein strömen hunderttausend Juden jährlich aus, wie Mr. Schiff darlegte, wird deren Platz durch die Neugeborenen eingenommen und erst wenn der Exodus aus Rußland die Geburtsziffer übersteigt, kann die Emigration als Anfang der Lösung der russisch-jüdischen Frage in Betracht kommen, Aber Rußland ist nicht das einzige Land der Unsicherheit für die Juden. In Rumänien, Persien, Marokko, Arabien ist der Boden unter den Füßen der Juden auch nicht fest und die Juden leben dort mehr oder weniger in einem Zustande, wie Einwohner von Messina. Es gibt kein Land in Europa, das sie nicht das eine oder das andere Mal niedergemetzelt oder vertrieben hätte und mag auch ein vulkanisches Gebiet Jahrhunderte lang schlummern, so ist doch immerhin kein völliger Verlaß darauf. Ueberall her hören wir ein Dröhnen, überall herrscht Unruhe, und selbst in Frankreich, dem Zentrum des Lichtes und der Freiheit, zitterte der ganze Boden während der Dreyfus- Episode; wir befanden uns am Rande einer abgrundtiefen Katastrophe. Wenn ich bedenke, daß die Juden nicht nur den Mut besaßen, in jedem Lande des Erdbodens eine Minorität zu bilden, sondern sich sogar getrauten, die Minorität einer von der ihrigen verschiedenen, ja sogar ihr gegensätzlichen Religion zu sein, so bin ich erstaunt über den sorglosen Mut, in den sie ihre vollendete Feigheit Hineingetrieben hat. Aus Furcht vor einem Zusammenschluß zu einer einzigen großen Selbstwehr, lebten sie in einem Zittern am Tage und in einem Terror des Nachts. Aus Angst, ihren Brennesselstrauch herzhaft zusammenzuraffen, haben sie tausend Stachelstiche ertragen. Der Sonntag der Hospitäler und die Juden. Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen fiel diese unsere Versammlung auf den Sonntag der Hospitäler. Nichts könnte bezeichnender wirken, denn indem wir uns mit den Juden befassen, befassen wir uns mit einem kranken und leidenden Volke, das nicht mehr normal zu handeln oder zu denken vermag und deffen Geist infolge zweitausendjähriger Leiden und Erniedrigungen so gedrückt ist, daß die Idee der Unabhängigkeit, die für alle gesunden Völker etwas so Großes und Edles ist, daß sie lieber sterben, als sie aufgeben möchten, und für welche die Juden in Palästina in unübertroffenem Heldenmute auch tatsächlich starben, für die Juden von heute etwas bedeutet, das schaudern macht Von einem gefeierten ftanzöfischen Maler wird erzählt, daß, als er einst einen alten Bettler malen wollte, lange Zeit kein befriedigendes Modell finden konnte, bis er endlich eines Tages bei einem jüdischen Millionär dinierte, diesen plötzlich fragte: „Möchten Sie mir nicht sitzen. Ich suche schon lange vergebens ein Modell für einen Bettler und Sie find der einzige Mann, der dieser Rolle entsprechen würde." Diese Geschichte ist nicht so Paradox, wie sie klingt, denn während langer Jahrhunderte hatten die Juden die Position von Bettlern, die an den Türen aller Nationen pochten und ihre Position unter Protest und Verachtung hielten — und ich zweifle gar nicht daran, daß der betreffende Millionär die Seele eines Bettlers besaß. Das ist die jüdische Krankheit.. Leiden ist das Merkmal unseres ganzen Stammes." Ebenso, wie Pflanzen nicht zu treiben vermögen, bis sie Wasser haben, so können auch Völker nicht gedeihen, bis sie ein Land haben. „Derjenige, der kein Land besitzt," sagt der Talmud, „ist kein Mensch*. Was Wunder dann, wenn ein Volk, das kein Land sein eigen nennt, kein Volk ist. . Ein Volk oder eine Religion? Die Zeit ist gekommen, wo das jüdische Volk entweder genesen oder sterben muß. Eine beträchtliche Zahl Juden sagen uns, daß der Tod bereits eingetreten sei, daß das jüdische Volk mit dem Falle von Jerusalem vor 1839 Jahren gestorben sei und daß wir jetzt bloß eine religiöse Gemeinschaft bilden. Der Chief Rabbi (den zu seinem 70. Geburtstage zu beglückwünschen wir die Gelegenheit ergreifen) hat es erst dieser Tage gesagt. Das Judentum ist bloß eine Religion unter den hunderten von Religionen, die in der Welt herrschen. Wohlan denn! Warum führt dann der Chief Rabbi das Judentum nicht als eine Religion. Die Religionen der Welt umfassen manchen grotesken und staunenswerten Glauben. Es gibt z. B. in England eine Sekte, die sogenannte „Walworth Jumpers", eine Art heiliger Kängurus, die ihr Gebet unter Springen und Hüpfen verrichten und glauben, daß sie niemals sterben würden. Wer hat aber jemals von einer Religion gehört, die auf Menschen von besonderer Zucht beschränkt ist? Von einer göttlichen Wahrheit, die nur für Menschen mit dunkler Gesichtsfarbe wahr ist? Von einem Rechtlichkeitsideal, das bloß von Frauen mit Kraushaar verfolgt werden könnte? Die Walworth Jumpers haben niemals etwas dermaßen Groteskes gelehrt, wie das ist. Sie machen wenigstens den Versuch, andere Menschen für das Hüpfen zu gewinnen. Sie machen den Versuch, sich zu vermehren. Je größer ihre Sekte wird, desto lieber haben sie sie, desto stärker fühlen sie mit ihr. Die Juden hingegen haben es lieber, wenn sie keine Konvertiten bekommen, als sie willkommen zu heißen. Sie sagen mit Pharao: „Auf daß sie sich nicht vermehren!" Diese merkwürdige jüdische Abgesondertheit war nicht die Idee Moses', denn hat er nicht ebenso eine gemischte Vollmasse aus Egypten -mitgenommen wie die Juden? , Sie war auch nicht die Konzeption der Juden in Palästina, denn hat nicht Salomon, als er den Tempel einweihte, verkündet, er müsse ein Bethaus werden für alle Völker? Sie entspricht nicht der Anschauung der späteren Palästinenser, denn sagte nicht Jesus zu den Pharisäern: „Ihr sollt Meer und Land durchstreifen, um einen Menschen zu bekehren?" Sie drückt auch nicht die Ansicht der Juden in anderen Ländern aus, denn zahlreiche Griechen und Römer wurden zum Judentume bekehrt. Selbst noch im achten Jahrhundert haben fahrende griechische Juden das Königreich der Chasaren, einer kriegerischen Nation am kaspischen Meere, zum Judentume bekehrt. Das ist der Pfad und die Politik, die alle Juden betreten und befolgen müssen, die behaupten, daß sie bloß eine Religion repräsentieren. Sie dürfen nicht länger Angst haben, sie könnten sich vermehren. Sie müssen in die Welt hinausgehen und Proselyten machen in so größer Zahl, daß die Raffe, die bisher das Judentum darstellte, überschwemmt und überwältigt werde in den großen Massen von Juden , der anderen Raffen und Völker. Erst dann wird die Judenfrage aufhören, auch eine Rasse von zwölf Millionen Menschen beschränkte Frage zu sein. Die wahre Religion ist stets missionstätig. So hat das Christentum gehandelt. Ihre Apostel wären Juden, und 'zwar eine unansehnliche Minorität unter Juden, aber sie gingen hinaus in die weite Welt und sammelten Schüler, bis es unmöglich ward, einen Christen durch ein äußeres Merkmal oder irgend einer Begleiterscheinung der Geburt, Tradition oder selbst der Farbe zu unterscheiden. Dasselbe hat auch der Mohammedanismus. Die Araber, die ihn begründeten, zogen aus mit Schwert und Wort und Feder, bis der Mohammedaner nicht mehr gleichbedeutend war mit Araber, so daß sie heute, wenn von einem Mohammedaner die Rede ist, nicht mehr in der Lage sind, zu sagen, ob er ein Hindu oder ein Türke, ob er ein Schwarzer, ein Weißer oder ein Brauner ist. Und so lange die Juden nicht gleichfalls bereit find, ihre Religion in die ganze Welt zu tragen, die Zahl ihrer Glaubensgenossen zu vergrößern und aufzugehen in der Masse ihrer Mitjuden aller Rassen und Farben, ist es kindisch, von ihnen zu behaupten, sie seien bloß eine Religion, und die Verantwortung, ein besonderes Volk zu sein, von sich zu weisen. Aber selbst, wenn sie gewillt wären, aktive Konversionisten zu werden, so wäre dies nur einem geringen Teile von ihnen möglich; sowie den amerikanischen Juden, die in einem Lande von alttestamentarischer Gründung und ohne Staatskirche leben und die bei Aufrechterhaltung ihrer amerikanischen Ideale ihren edelsten Beruf erfüllen würden. Ist es nicht bezeichnend, daß der Präsident der Vereinigten Staaten, ein Unitarier, erst jüngst die Kanzel der jüdischen Gemeinde Rodeph Schalom in Anspruch nahm. Hingegen wäre jede jüdische Propaganda ausgeschlossen in Rußland, wo die Juden, falls sie den Versuch machen wollten, gegen die griechische Kirche aufzustehen, hinweg-.