Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 26 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 447 Krnschemans Geist. Bei der Zusammenkunft von Björkö in den finnischen Schären schloß der deutsche Kaiser Wilhelm seinem an den Zaren Nikolaus gerichteten Toast mit dem Wunsche, Rußland möge sich glücklich entwickeln auf den Bahnen, welche die Weisheit seines Herrschers vorgezeichnet habe. Als wollte die Weltgeschichte dazu einen Witz machen, starb am nächsten Tage Kruschewan in Kischenew. Das gab eine prächtige Illustration zur Weisheit des Zaren. Die Schatten von niedergemetzelten Juden, qualvoll gemeuchelten Jüdinnen, auf Bajonette aufgespießten Kindern saßen an der Galatafel an Bord der Kaiserjacht „Standart" und applaudierten mit verstümmelten .Gliedmaßen, nickten mit blutüberströmten Köpfen zu den Worten von der Weisheit des Zaren, in dessen Namen Folter und Raub an ihnen begangen wurden. Von Kruschewan, dessen unnatürlich natürliches Ableben gerade jetzt die Aufmerksamkeit auf diesen Massenmörder lenkte, den nicht einmal der sonst versöhnende Tod davor bewahren kann, eine Bestie genannt zu werden. Von der Czernowitzer Realschule hatte man ihn infam davongejagt, aber die Weisheit des Zaren hat ihm Aemter, Geld und Würden gebracht. Der Anstifter des Kischenewer Pogroms erhielt die weise Erlaubnis der Regierung, die Juden abzuschlachten. Auf Petersburger Befehl, mit Petersburger Geld warb er durch die Zeitung und Branntwein zusammen mit dem Vizegouvcrneur Mörderbanden. Hunderte von Blutzeugen wunderten auf den Bahnen, welche die Weisheit des Zaren Rußland vorgezeichnet hat, unter Qualen ins Jenseits. Hunderte von Märtyrern -fielen unter den gleichgültigen Augen Europas, das auf den Mord die Todesstrafe gesetzt hat. Ihre Seelen flatterten über den Gewässern des finnischen Meerbusens, als der ritterliche deutsche Kaiser den weisen russischen Kaiser umarmte und küßte. Politik. Da haben die lebenden Juden keine Geltung, geschweige denn die toten. Jedes Jahr wird in Afrika oder Asien im Namen der Humanität die Kriegsflagge gehißt, aber in Europa hat sich aus diesem Grunde noch nicht das Taschentuch eines Ministers gerührt. Der amerikanische Botschafter hat nach Kischinew freundschaftliche Vorstellungen gemacht, aber da lief neben den edlen Motiven die Tatsache mit, daß die durch Pogroms aufgeschreckten Juden in den Vereinigten Staaten ein armes und daher unerwünschtes Element unter den Einwanderern sind. Und welche Folgen hatte nicht das Einschreiten des Boten Roosevelts, wie schnell beeilten sich die offiziellen Kreise, dem amerikanischen Hinweis darauf zu folgen, daß Rußland denn doch in Europa liege? Kruschewan wurde ein wohlhabender Mann, bekam nicht nur Geld aus den Regierungskaffen, sondern wurde auch in seiner Zeitung und seinem Ansehen so mächtig gefördert, daß er in der zweiten Duma Abgeordneter werden konnte. Selten noch wurde eine Erfindung so rasch und so ausgiebig belohnt wie die der Pogroms, dieser von Rußland begangenen Kulturschändung, dieser praktischen Erfüllung antisemitischer Lehren. Der Zar hat sie gut geheißen durch die Verleihung von Orden und Ehrenstellen an die Leiter des Massenmordes im Ghetto. Er hat gewiß Berichte aus jüdischer Hand empfangen, aber niemals hat man von ihm auch nur ein einziges Wort gehört, aus welchem die unglücklichen Juden hätten Trost schöpfen können. Sie erhielten ihre Antwort durch eine vielsagende Zeremonie, als der Zar demonstrativ das Zeichen des Verbandes echt russischer Leute anlegte und sich in diesem Zeichen mit den Pogromhelden von Kischinew und des Novembers traurigen Andenkens solidarisch erklärte. Das wird nicht im mindesten hindern, daß man Nikolaus II. auf der Rhede von Cherbourg mit französischen und in Southampton mit englischen Begrüßungssalven empfangen wird, daß Herr Pichon in Paris und Sir Edward Grey in London den Besuch des Zaren als einen Erfolg ihrer Staatskunst ausgeben werden. Als Abdul Hamid der Armeniermorde beschuldigt wurde, nannte ihn Gladstone einen gekrönten Mörder und es hätte beim Volk des Phlegmas, hätte in England eine Revolution gegeben, wenn man an einen Empfang des türkischen Herrschers auch nur gedacht hätte. Weil der Zar um drei Millionen Soldaten mehr hat, macht die englische Regierungsmoral eine Verbeugung und senkt dabei die Augen vor den Verbrechen des Gastes. Den serbischen König der durch den Mord an seinem Vorgänger auf den Thron kam, will man an den europäischen Höfen noch heute nicht empfangen. Den Zaren, der sich seinen Thron durch täglich, ja stündlich begangene Massenmorde zu erhalten glaubt, diesen ruhmwürdigen Herrscher eines Reiches, dessen sibirische Hälfte ein Kerker für die russische ist, küßt man in Björkö und wird ihn in Cherbourg küssen und überall, wo er sich zeigt. Und dann will man den Völkern Moral und Achtung vor dem menschlichen und göttlichen Gesetz beibringen! Die Radikalen und die Arbeiter Englands haben sich gegen diese Komödie gesträubt, ein französischer Gemeinderat hat dagegen protestiert. Im englischen Parlament hat es eine Kritik des Zarenbesuches gegeben, wie sie an diesem Orte bei einer solchen Gelegenheit noch nicht gehört wurde. Aber die Regierungen, welche sonst der Volksstimmung so gerne Rechnung tragen, machen den großen Kotau vor dem Zaren und verleihen den ihn begleitenden russischen Staatsmännern h.che Orden. Hoffentlich nehmen die englischen Juden Gelegenheit, am Tage der Entrevue in einer großen Volksversammlung darauf hinzuweisen, daß im Gefolge von Nikolaus II. nicht nur Jswolsky und Frederic sind, sondern auch das Gespenst des hochbelobten Zarendieners, der unsichtbare Kruschewan. Unterstützt von der öffentlichen Meinung Englands, wird es den Juden diesmal vielleicht gelingen, mehr durchzusetzen, als freundschaftliche Vorstellungen. Freundschaftliche Vorstellungen — ein wahnwitziger Ausdruck. Man macht es einem Verbrecher sanft begreiflich, daß es nicht hübsch ist, zu morden. „Seid fruchtbar und vermehret Euch!"*) Rede, gehalten von Israel Zangwill am 13. Juni in Leeds. Die jüdisch-territorialistische Organisation, deren britische Delegierte soeben ihre Jahreskonferenz beendet haben, ist eine internationale Körperschaft mit dem Zwecke, das jüdische Problem zu lösen. Dieses Problem entspringt der Tatsache, daß eine Raffe von ungefähr zwölf Millionen Seelen, daß heißt eine Bevölkerung, die derjenigen von Norwegen, Griechenland und Holland zusammengenommen gleichkommt, kein eigenes Land besitzt; eine Bevölkerung, die zweimal so groß ist, als die Einwohnerzahl von Kanada und dreimal so groß als diejenige von Australien, besitzt nicht einen Zoll breites Stück Land, das sie ihr eigen nennen könnte. Die Welt ist jetzt voll mit Völkerschaften und Problemen, aber dieses eigenartige Problem findet nirgends eine Parallele. Ihm am nächsten steht das Problem der Armenier, von denen genau so viele außerhalb wie innerhalb Armeniens leben. Das ist auch die Ursache, weshalb die Armeniermetzeleien erst an zweiter Stelle nach den Judenmaffakres stehen. Bon diesen zwölf Millionen Juden leben mehr als fünf Millionen in Rußland in Sklaverei, die derjenigen ihrer Vorväter in Egypten gleichkommt. Und als Ursache für diese Unterdrückung wird genau dasselbe angegeben, was Pharao angab: „auf daß sie sich nicht vermehren". Rußland ist ernstlich besorgt, daß die Minorität das Land beherrschen könnte. Und wer kann es in Abrede stellen, daß die Juden eine ältere und höhere Zivilisation repräsentieren, als Rußland und den Durchschnitts- Ruffen in bezug auf Hirn, Herz und Seele überragen? Das Aufeinanderplatzen solcher zwei Kulturen kann nur ein tragisches sein und der Höhepunkt dieser Tragödie liegt in der Tatsache, daß selbst die Emanzipation der Juden die Wucht des Zusammenstoßes nur verstärken muß. Aus diesem unglückseligen *) Die vorstehende Rede des „Jto"-Führers wurde auf einem aus Anlaß der Jahreskonferenz der „British Jto-Federation"' veranstalteten Massenmeeting in Leeds gehalten. Die 4000köpfige Versammlung hat die Rede Zangwills mit großer Begeisterung ausgenommen und oft durch rauschenden Beifall unterbrochen.