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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-06-18 · 25 (18.6.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 437 jedoch Zeiten, da die Regierung selbst bestrebt war, die Juden zum Ackerbau heranzuziehen. Ein Gesetz vom Jahre 1804 gestattete den Juden den Ankauf .oder die Pachtung ärarischen Bodenbesitzes. Es wurden den Juden verschiedene Erleichterungen behufs Ansiedlung auf dem flachen Lande gewährt. Im Jahre 1850 begann die Regierung die Kolonisierung der Juden systematisch zu organisieren. Aber der Boden, der den Juden überlassen wurde, war arm und unfruchtbar. Die Summe, welche dieser Hilfsaktion gewidmet wurde, reichte nicht aus, um die Juden zu selbständigen Landwirten zu machen. Die ersten jüdischen Kolonisten hatten sehr schwere Zeiten durchzumachen und konnten nicht zu sich kommen. Die Armut in den jüdischen Kolonien ist schrecklich anzusehen. Ihre Nahrung besteht zumeist aus schwarzem Brot und Kraut in Wasser gekocht; Fleisch gehört dort zu den Seltenheiten. Es gibt Familien, die nicht mehr als e i n Holzgeschirr für das ganze Hausgesinde besitzen. Als ich zur Winterszeit im Schlitten durch die Kolonien fuhr, warf ich ein Stück Zeitungspapier fort, in welches ein kleines Packet eingewickelt war. Wir befanden uns gerade neben einem jüdischen Dorf und die Leute, die in der Nähe waren, griffen nach dem Papier, wie wenn es weiß Gott wie wertvoll wäre. Als ich sie fragte, wozu sie das Papier brauchten, sagten sie, sie würden es zur Einpackung der Zigarren, die sie fabrizieren, verwenden und dadurch etwas ersparen. Eine Frau aus der jüdischen Kolonie, die in der Petersburger Gebäranstalt von einem Knaben entbunden wurde, wickelte ihr Kind in ein Zeitungspapier, als sie die Anstalt verließ. Anderes besaß sie nicht. Meine persönlichen Erfahrungen erstrecken sich auf hundert Meilen im Umkreise von Petersburg und man versichert mir, daß in anderen Gegenden die Armut noch größer sei. In den jüdischen Kolonien des Anfiedlungsrayons leben 13.000 jüdische Familien mit zusammen 76.000 Seelen. Sie verfügen insgesamt über 98.000 Desjatin Boden, wovon jedoch bloß 47.000 Desjatin Eigentum der jüdischen Farmer find, der Rest ist Eigentum der Krone, welcher Pachtzins entrichtet werden muß. Der 70. Geburtstag des Londoner Oberrabbiners. Es war ein schöner Tag für die englische Judenschaft, denn unter den Ehrungen vielfacher Art, die Dr. H e r m a n n Adler am 10. d. M. erhielt, waren viele, die nicht nur ihm persönlich, sondern der ganzen englischen Judenheil, als deren religiöses Oberhaupt Dr. Adler angesehen wird, gegolten. In erster Reihe gilt dies natürlich für die Gratulation, die König Eduard VII. telegraphisch sandte, und in zweiter Reihe von der Ehrung, die die Universität zu Oxford dem Oberrabbiner zuteil werden läßt. In England ist es nicht üblich, bei solchen Gelegenheiten Orden zu verleihen, das ersetzt hier die Verleihung eines Ehrendoktorates. Dr. Adler wird am 17. d. den Ehren-Doktorhut für Zivilrecht (D. C. L.) in Oxford erhalten. Er ist außerdem auch 1^. L. D. Ehrendoktor der Rechte an der St. Andrews Universität. Die Feierlichkeiten begannen schon am Sonntag den 6. Juni. Deputationen der Provinzgemeinden erschienen jeden Tag in der Wohnung des Oberrabbiners bis zum 10., der für den eigentlichen Festtag angesetzt war. Es war regnerisches Wetter, sonst wäre der Besuch in Gunnersbury Park, dem Landsitze Leopold de Rothschilds, noch zahlreicher gewesen. Auch so waren ungefähr 3000 Menschen erschienen zu dem Empfange, den Lord Rothschild, der Präsident der United Synagoge, zu Ehren Dr. Adlers daselbst gab. Der Empfang war von 4 bis 7 Uhr nachmittags angesagt und auf der ganzen Linie der Stadtbahn konnte man cs merken, daß das Londoner Judentum in Bewegung ist. Polnische Juden mit langen Röcken und Bärten, ganz englische Juden ohne Bart und sogar ohne Schnurrbart, jüdische Adelige und jüdische Makler, Alles strömte und drängte nach dem eine halbe Stunde entfernten Gunnersbury. Auch der Regen strömte und manche Londoner Schöne hatte Herzweh, daß die Gelegenheit, ihre speziell angefertigte Sommertoilette von der großen Menge bewundern zu lassen, ihr entschlüpfte, und die Damen, die zeitlich kamen, waren meist in Regenmänteln erschienen. Aber der Himmel hatte Erbarmen, um ungefähr 5 Uhr hörte der Regen auf und man konnte leidlich auf den Kieswegen des Parkes wandeln. Um diese Zeit erschienen Doktor Adler, von seiner Frau und Verwandten begleitet, auf der Terrasse des Hauses und Lord Rothschild richtete an ihn eine Gratulationsansprache und überreichte ihm eine mit tausenden Unrerschliften seiner Gemeindemitglieder versehene, prunkvoll ausgestattete Glückwunschadresse. Die Ansprache war eine herzliche, die die Verdienste Dr. Adlers vollauf würdigte. Er wünschte ihm eine noch recht lange Wirksamkeit und versicherte ihm, daß er der Liebe Aller, die ihn kennen, durch seine Frömmigkeit, durch sein Wirken im öffentlichen Leben auch außerhalb des Judentums und durch seine Toleranz voll und ganz gewonnen habe. Dr. Adler erwiderte in gerührten Worten, dankte Allen, die erschienen waren, ihn zu beglückwünschen. Er habe gestrebt, in den Pfaden, die sein Vorgänger und Vater Dr. Nathan Adler getreten, zu wandeln, und daß ein großer Teil der Anhänglichkeit, die ihm jetzt bewiesen werde, er seiner Frau zu danken habe. „Keine jüdische Freude ist ungestört," fuhr er fort, „fein einziger Sohn sei durch schwere Krankheit am Beisein verhindert." (Auch sein Schwager war an demselben Tage schwer krank und starb am folgenden Morgen.) Öberrabbiner Dr. Adler verdient entschieden die Anerkennung, die ihm gezollt wurde. Er hat wohl viele Gegner, die seine Politik der Alleinherrschaft nicht gutheißen. In London gibt es nämlich außer dem Oberrabbiner der Spanisch-Portugiesischen (Sephardim) Gemeinde, dem Chacham Dr. M. Gaster, nur einen Rabbiner, und das ist Dr. Adler. Es kam dies durch das rapide Wachsen der Londoner Gemeinde. Als Dr. Nathan Adler im Jahre 1845 nach London kam, gab es nur einige Aschkeuasim-Synagogen und diese waren alle in der City, nahe dem East End, wo die meisten Juden wohnten. Im Westend gab es nahezu gar keine Synagoge. Dr. Adler war Oberrabbiner oder besser der einzige Rabbiner, der Predigten hielt; erst später entstanden diese großen Westend-Synagogen. Diese wollten englische Predigten hören, aber es waren keine Rabbiner da. So setzte er denn Prediger, sogenannte Minister ein, die gar keinen Anspruch machen konnten, Rabbiner zu heißen, da sie die nötige Vorbildung nicht besaßen. Und so ging es weiter fort und es entwickelte sich in England ein eigenartiger geistlicher Klerus, der nirgendwo sonst zu finden ist. Ob Kantor oder Prediger oder Mohel oder Schochet, jeder heißt Reverend, der eine predigt, der andere schächtet, und es hängt einzig von der Persönlichkeit ab, ob der Prediger eine höhere Stellung einnimmt als der Kantor oder nicht. Dies wird nun Dr. Adler zum Vorwurfe gemacht. Hätte es genügend tüchtige, gebildete Rabbiner in England gegeben, vielleicht wäre es um die jüdische Religiosität in England nicht so schlecht bestellt, als es ist. Es ist aber sehr fraglich, ob das auch richtig ist. Es ist natürlich wahr, daß die zweite Generation, die Kinder der Eingewanderten sehr oft vom Judentum abfallen, daß sogar nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der in London wohnenden Juden überhaupt einer Synagoge angehört. Aber das hat auch in der englischen Freiheit seine Ursache. Niemand ist gezwungen, wie in Oesterreich, Ungarn, Deutschland, eine Kultussteuer zu zahlen. Aber in der Hauptsache wäre es, wenn es anstatt der „Minister" vollkommen geschulte Rabbiner in England gegeben hätte, kaum besser gewesen. Sehen wir nicht die Frömmigkeit von Tag zu Tag schwinden in Deutschland, Oesterreich und selbst in Ungarn, wo es Rabbiner mehr als genug gibt? — Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich hatte es in London eine gauze Zahl Reformrabbiner gegeben, von denen jeder seine eigenen Reformen unteruommen hätte, während jetzt die Reverends nichts gegen den Willen des Chief Rabbi unternehmen können. Und es ist ein unstreitiges Verdienst Dr. Adlers, daß es in seiner

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