Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 25 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 432 Dr. Blochs Wochenschrift. Sir. 25 find." Fast könnte man bei einem allgemeinen Blick auf die Behandlung der Judenfrage den Glauben an eine gerechte und vernünftige Weltregierung verlieren, wenn man fieht, wie seit Jahrhunderten die edelsten und besten Geister im Kampfe für die Wahrheit und Gerechtigkeit, die Vernunft und den Fortschritt, gleich einem Jesajas vergeblich arbeiten und ihre Kraft an einer Sisyphusarbeit umsonst und unnützlich zubringen, wenn man fich nicht auch hier an den Optimismus eines Lessing emporrichten wollte: „Geh deinen unmerklichen Weg, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln! Laß mich an dir nicht verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten, zurückzugehen! Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist, du hast auf deinem ewigen Wege so viel mitzunehmen, so viel Seitenschritte zu tun." Jerusalem. Phil. Kieferndorf. Theodor Barths Mahnruf an die Juden. Berlin. Der vor einigen Tagen verstorbene Abgeordnete Dr. Barth äußerte fich vor einigen Jahren wie folgt:- „Die Juden sollten sich klar machen, daß man den Antisemitismus nicht dadurch los wird, daß man über ihn lamentiert und ihn ausschließlich defensiv bekämpft. Der Antisemitismus ist nur im Rahmen der allgemeinen Polittk wirksam zu bekämpfen. Wenn manche jüdische Geheimen Kommerzienräte und geadelte, ungetanste und getaufte Parvenüs, die ihre Töchter mit verkrachten Junkern verheirateten, das noch nicht begriffen haben und sich womöglich eine Ehre daraus machen, in polittscheu und gesellschaftlichen Kreisen zu verkehren, wo man sie bloß duldet und mit Recht verachtet, weil sie mit einer so demüttgen Rolle vorlieb nehmen, so ist das allerdings bedauerlich. Es sollte aber die andern Juden, die nicht geduldet, sondern geachtet sein wollen, nur um so mehr veranlassen, jene politischen Richtungen mit allem Nachdruck zu bekämpfen, die ihnen nur ein Tttelchen von ihren staatsbürgerlichen Rechten nehmen wollen. Denn im politischen Leben wird nur respektiert, der sich kemerlei Ungerechtigkeit gefallen läßt." Ei« englisches Urteil über die Juden Palästinas. Aus London wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Ueber die Juden Jaffas äußert sich der soeben erschienene Bericht des brittschen Vizekonsuls in Jaffa für das Jahr 1908: „Die Bevölkerung umfaßt ungefähr 15.000 Juden, die als die fleißigste und arbeitsamste Klaffe in Bezug auf den Handel und die Landwirtschaft des Landes gilt, wie auch in der noch geringen Industrie. Während der letzten zwei Jahre haben die Juden zwei neue Handwerkerschulen in Jaffa errichtet. In der einen werden die eingeborenen jungen Leute zu Schmieden, Drechslern und Werkmeistern ausgebildet, die andere enthält eine Zimmermannsschule. Nach genügender Lehrzeit verdienen die jungen Burschen ihren Lebensunterhalt in der Stadt selbst oder in den Kolonien." Baurat Wilhelm Stiaßny und die Gesellschaft für eine jüdische Baukolonie in Jaffa. Jaffa, den 30. Mai 1909. Sehr geehrte Redaktion! Wir bitten Sie um die Freundlichkeit, nachfolgende Danksagung in den textlichen Teil der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes aufzunehmen. Herr k. k. Baurat Archttekt Wilhelm Stiaßny in Wien hat in großer Liebenswürdigkeit fich der mühevollen Arbeit unterzogen und für die durch unsere Gesellschaft neu zu begründende jüdische Häuserkolonie „Achuzath-Baith" in der Nähe von Jaffa Bebauungspläne und Häuserprojekte in mehreren Typen ausgearbettet. Diese opferfteudige und uneigennützige Leistung des hervorragenden Meisters gereicht uns zu umso größerer Genugtuung und Ehre, als sie seinem Interesse für die Entwicklung des neuen jüdischen Lebens in Palästina entsprungen ist. Im Namen aller Mitglieder bringt der Unterzeichnete Vorstand Herrn Baurat Stiaßny seinen tiefempfundenen Dank öffentlich zum Ausdruck. Der Vorsitzende: G. Berlitz. Der Geschäftsführer: L. K. Weisz. Jüdische Höhlenbewohner. Ernst v. Hess e-W a r t e g g hat auf seiner jüngsten Reise in das Wüstengebiet zwischen Südtunesien und Tripolitanien bei den südtunesischen Troglodyten auch jüdische Höhlenbewohner vorgefunden, die in ganzen Gemeinden beisammenwohnen und unterirdische Synagogen und Talmudschulen besitzen. Auch in der Oasenregion der südtunesischen Schotts besuchte Hess e-W a r t e g g Oasen mit weitaus überwiegender jüdischer Bevölkerung, die nach Tausenden von Köpfen zählt. Etwas über jüdische Finanzgrößen. Unter dem Titel „Erinnerunaen eines alten Oesterreichers" veröffentlicht die letzte Nummer der „Deutschen -Revue" eine Epistel „Aus der Aera Schmerling und Belcredi". Dieser Brief ist einem im Herbste dieses Jahres erscheinenden Buche Ludwig Ritter von Pribrams entnommen, das eines der interessantesten Memoirenwerke zu werden verspricht. Im nachstehenden lassen wir einige besonders interessante Stellen aus dieser Publikation folgen, aus denen die damalige Stellung der jüdischen Finanziers zur Monarchie beleuchtet wird. Es war in der Zeit des Kampfes um Schleswig-Holstein im Jahre 1864. Ludwig Rltter von Pribram schreibt: „Schwer drückt die Finanzlage auf alle Verhältnisse. Die Bankhäuser Rothschild, Wodianer und Sina mußten mit außerordentlichen Mitteln bewogen werden, der Regierung mit Vorschüssen beizuspringen, sonst wäre es nicht möglich gewesen, die Kosten für den Transport der Truppen nach dem Norden aufzubringen. Aus jener Zeit datieren die ersten Kreierungen nicht - christlicher Barone, die dann einen epidemischen Charakter annahmen. Der aus Ungarn eingewanderte Moritz Wodianer sah allerdings nicht sehr freiherrlich aus, galt aber für einen „feinen Kopf". Sein Sohn hatte sich eben in den ungarischen Landtag wählen lassen, doch wurde die Wahl wegen allzugroßer Munifizenz annulliert. Der Vater jedoch bestritt dies lebhaft und rief aus: „Sie werden sehen, er wird wiedergewählt!" Sein Kollege Jonas Königswarter machte ihm scharfe Konkurrenz und erlangte durch seine kaustischen Aussprüche eine gewisse Berühmtheit. Zu einem geflügelten Wort wurde die Abfertigung, die er einem Börsegenossen, der ihn fragte, wieso er riskieren konnte, eine gewisse Sorte von Aktien zu kaufen, mit den Worten erteilte: „Was zerbrechen Sie sich meinen Kopf?" Auch dem alten Rothschild gebräch es nicht an Mutterwitz. Einem Fechtbruder höheren Stils, der, unzufrieden mit der ihm gereichten Spende, ihm vorhielt, daß sein Sohn ihm mehr gegeben habe, antwortete er: „Wenn ich einen so reichen Vater hätte, wie mein Sohn, dann würde ich auch splendider sein." War die Lebensführung und das Auftreten dieser drei Finanzgrößen einfach und von bürgerlichem Zuschnitt, so trat Sina, entgegen den Traditionen seiner griechischen Konnationalen, als Grandseigneur auf und wurde als solcher auch in „höheren Kreisen" gewürdigt. Sein Haus war mit großem Luxus und vielen Kunstschätzen apsxestattet. Die ganze und halbe Lebewelt huldigte ihm. Gelegentlich einer Reise, die er mit Familie und Gefolge durch die Schweiz und Italien machte, hatte der vorausgeschickte Kurier dafür zu sorgen, daß jedes Appartement, das die Reisenden bezogen, mit neuen Möbeln und Tapeten ausgestatttt werde. Kein Wunder, wenn die Gesamtkosten auf Milliönchen anschwollen. Im vollkommenen Gegensatz zu ihm suchte seine Frau, Baronin Maria Sinai, eine gute Seele, sich möglichst zu effazieren und Wobltätigkeit in aller Stille zu üben. Noch leben manche Künstler, die ihr Emporkommen der materiellen und moralischen Unterstützung jener Dame zu danken haben. Indes hat auch Baron Sina für sein hellenisches Heimatland große Opfer gebracht und seinen Namen mit manchen gemeinnützigen Institutionen verknüpft." Ein Denkmal für David Ney. Vor einigen Jahren starb in Budapest der berühmte Opernsänger David Ney, eine Zierde nicht nur der Budapester königlichen Oper, sondern auch der Budapester jüdischen Gemeinde, deren anhängliches Mitglied er bis an seinen Tod geblieben. Jahrzehnte hindurch pflegte er bei besonderen synagogalen Feiern, wie auch an den hohen Festtagen im Chore des großen Tempels selbstlos mitzuwirken. Vor einiger Zeit nun bildete sich ein aus den angesehensten Mitgliedern