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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-06-18 · 25 (18.6.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
25 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Seite 431 Dr. Blochs Wochenschrift. Beliebheit des bewährten Wahlmachers bei seinen verständnisvollen Parteifreunden nicht kleiner. Dann aber stahl ein Beamter der Bezirksvorstehung einige tausend Kronen. Jetzt mußte man ihn denn doch mit Schmerzen von seinem Amte entheben. Das war des christlichen Moralhelden Glück und Ende. Wir verfallen nicht in den antisemitischen Fehler, wir generalisieren nicht. Aber es scheint uns doch, daß das Sprichwort Recht hat, das behauptet, jeder spreche am liebsten von den Tugenden, die er nicht hat. Das Lieblingsthema der Christlich-Sozialen ist die Moral. In der Theorie. In der Praxis hat noch keine Verwaltungsära so viel schmutzige Affären gebracht wie die ihre. Alle Stufen ihrer Würdenträger sind daran beteiligt. Es ist ja bezeichnend für sie, daß man als rühmlichste Eigenschaft Luegers von ihm hervorhebt, er habe reine Hände. Das wirft ein helles Licht auf die Partei, welche von Schneider und Vergani aus der Taufe gehoben wurde-, in welcher die ungebildetsten Leute an der Spitze wichtiger Verwaltungskörper stehen. Es geht merkwürdig zu bei den Christlich-Sozialen, nur wissen es viele eben feiner anzustellen. Eine ihrer Größen aber war zu gierig, zu rasch, und kam zu Falle. Aber es laufen noch viele herum, die den Gelüsten dieses bis zum Bettgeher abgewirtschafteten politischen Geschäftsmannes leuchtende Vorbilder waren. Vom Zabrmarkt des Lebens. Ein christlich-liberaler Theologe des achtzehnten Jahrhunderts gegen de» Antisemitismus. Wenn es wahr ist, was man schon oft behauptet hat, daß die Behandlung der Juden ein Gradmesser ist für den intellektuellen, moralischen, ökonomischen und sozialen Hoch- und Tiefstand eines Volkes oder Landes, so haben wir trotz aller modernen Errungenschaften auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kultur, der Industrie und Technik im Grunde doch wenig Ursache, uns unserer materiellen, geistigen, kulturellen, staatlichen und politischen Errungenschaften und Fortschritte in besonderer Weise zu rühmen. Wenn man vor seinem geistigen Auge die lange Reihe der Jahrhunderte Revue passieren läßt, seit die Judenfrage die Kabinette, die Ratsstuben, die Gesellschaftshäuser und Köpfe der verschiedenen Nationen und Volksklassen beschäftigt, so kann man nicht umhin, sie als den Stein des Sisyphus zu bezeichnen, welchen zu allen Zeiten und zu allen Gelegenheiten wahrhaft gebildete, edel und gut gesinnte Menschen den Berg des Hasses, des Neides, der Vorurteile, der Lüge und Verleumdung hinaufzubringen suchen, und der, kaum Halbswegs oben, ihren Händen wieder entweicht und in die gähnende Tiefe wieder hinabrollt, wo das mühsame und undankbare Werk der Emporhebung immer wieder von neuem begonnen werden muß, ohne daß noch ein Ende der Bemühung abzusehen ist. Zu einem solchen Eindruck und Ergebnis wird man auch gebracht durch die nachstehend hier mitgeteilten Worte eines alten, frei und weitherzig gesinnten christlichen Theologen des achtzehnten Jahrhunderts, auf welche der Einsender in einem älteren Werke seiner Bibliothek dieser Tage zufällig gestoßen ist und welche sicher auch noch im zwanzigsten Jahrhundert Juden mit Interesse lesen werden, wie sie denn auch heute noch allgemeine Beachtung verdienen. Die weiterhin angeführte Aeußerung des alten sympathischen, schätzens- und liebenswerten christlichen Theologen befindet sich in „Dr. I. Christoph Döderleins auserlesenen theologischen Bibliothek, 4. Band, 3. Stück, S. 203k, Leipzig, bei Joh. Gottlob Jmman. Breitkopf, 1787", wo sie zunächst als Einleitung diene zu einer Besprechung des besonders für die Geschichte der Juden in Frankreich auch heute noch wichtigen Buches „dissertations critiques pour servir d’eclaiscissements a l’histoire des Juifs avant et depuis Jesu Christ; et de Supplement ä l’histoiie de M. Basnage par M. de Boissi, Paris 1785, II. T." Die betreffende, hier besonders erwähnenswerte Stelle bei Döderlein hat folgenden Wortlaut: „Auch von Deutschland mag es gelten, was der gelehrte Verfaffer dieses schätzbaren Werkes (Peil, de Boissi's) von seinem Vaterlande sagt, daß es eine sehr undankbare Mühe ist, welche man auf Arbeiten dieser Art verwendet, und daß, nachdem Schöngeisterei und falsche Philosophie den Geschmack an Gelehrsamkeit verjagt haben, man gegen solche Produkte eine Gleichgültigkeit äußert, die nahe an Verachtung grenzt. Indessen werden doch auch immer noch Männer sein, die an ernsthaften Untersuchungen, an einer sorgfältigeren Behandlung der Geschichte als man bei Voltaire antrifft, und an Erörterungen über Begebenheiten, bei denen mehr auf Wahrheit als auf Belustigung gesehen wird, Vergnügen finden, selbst wenn es Geschichte einer Nation wäre, die freilich in ihrer älteren Periode wegen ihrer Religion und in der neueren wegen ihrer politischen Lage besonders in unseren Zeiten mit einer Verachtung angesehen wird, die man sich kaum gegen Hottentotten und Irokesen gestatten würde. Wenn dies Witzlinge tun, die natürlich lieber Eau de Levante als Knoblauch riechen, den Juden nur als ihren Trödler oder Vertrödler kennen, nebenher etwas vom Nationalstolz, der Barbarei und sinnl'cher Denkart der jüdischen Nation gehört haben und es unbegreiflich finden, daß Voltaire nicht lieber in der Synagoge gelesen wird als Moses, so find diese Perfiflag n und Herabwürdigungen noch begreiflich — wer wird von Menschen, die von gestern her sind, Kenntnis der alten Welt, geduldige Prüfung des Charakters einer Nation und Ueberficht ihrer Geschichte erwarten, die allein den Wert einer Nation bestimmen kann — aber wenn es so manche andere tun, die Anspruch auf Philosophiemachen, so erregt dies dann gerechten Unwillen des Menschenfreundes, so ist diese Intoleranz ebenso unverantwortlich, als die Wut wider die Juden im Mittelalter, weil sie die Brunnen sohlen vergiftet haben, so ist es Verdien st, die Geschichte dieser Nation in einem vorteilhafteren Lichte zu zeigen und gerade durch die Erweckung des Gefühls von NationalehredengesunkenenGeist derselben wieder womöglich emporzuheben. Nicht eher, als bis die Juden bürgerliches Ansehen erhalten, aus dem Druck und der Verachtung herausgeriffen und würdiger als bisher von Christen behandelt werden, wird eine größere Brauchbarkeit für den Staat als bisher, wo Leibzoll und die schwer erkaufte Freiheit, zu heiraten und zu wuchern, beinahe der einzige Vorteil war, den sie den Kammern brachten, und eine vorteilhafte Annäherung zu einer befferen Religion zu erwarten sein." Was würde der verehrungswürdige, menschenfreundliche Mann, der diese Worte geschrieben, wohl sagen, wenn er sich heute mit eigenen Augen in der Welt nach deren Wirkung Umsehen könnte? Wohl ist seither seiner Forderung gemäß in Deutschland der Leibzoll, von dem zu der Zeit Döderleins nur Moses Mendelssohn als „Erweis Allerhöchsten Gnade" befreit war, aufgehoben, wohl haben die Juden in den meisten Ländern wenigstens auf dem Papier Emanzipation und bürgerliche und politische Gleichberechtigung erhalten und sie wären auch in ihrem Teile als vollwertige Bürger gerne bereit, mit dem Staate und der Gemeinde die von Döderlein in Aussicht gestellte größere „Brauchbarkeit" und die erwarteten „größeren Vorteile" zu bieten. Inwieweit dies den Juden aber heute möglich und gestattet ist, um das zu beurteilen, braucht man gar nicht nach Rußland und Rumänien zu gehen, auch Oesterreich, Deutschland und Frankreich, ja selbst England und Amerika bieten traurige und beschämende Belege genug dafür, inwieweit heute die Juden tatsächlich aus d m „Druck und der Verachtung herausgeriffen und von den Christen würdiger als bisher behandelt werden." Der bezeichnende Ausspruch des Erasmus hat an seinem Sarkasmus und seiner strafenden Ironie auch heute noch nichts eingebüßt: „Wahrlich, wenn es christlich ist, die Juden zu Haffen, so muß man sagen, daß wir sehr christlich

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