Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 24 (11.6.1909)
- Date
- 1909-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 416 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 24 Aeußerungen hervorragender Persönlichkeiten über Mesopotamien als jüdisches Kolonisationsgekiet. - 1) Jakob H. Schiff-Ne w-I o r k. Der bekannte amerikanische Philanthrop Jakob H. Schiff äußerte sich über seine Stellung zum Projekte, Mesopotamien durch Juden zu kolonisieren, im Londoner „Jewish Chronicle" wie solgt: „Auf Grund der mir gewordenen Informationen halte ich es für wünschenswert, Mesopotamien und das Euphrat-Tal der jüdischen Ansiedlung zugänglich zu machen. Ich bin jedoch gleichzeitig der Ueberzeugung, daß dieses grandiose Projekt, und ich halte es für ein solches, nicht von irgend einer Organisation allein durchgeführt werden kann, daß vielmehr verschiedene jüdische Organisationen Zusammenarbeiten und den Plan genauer Prüfung unterziehen müßten. Ich meine nämlich, daß die „Jca" aus eigener Initiative oder auf Verlangen andere führende Organisationen und im Einvernehmen mit diesen die sorgfältige Prüfung und eventuell auch Durchführung des Projektes in die Hand nehmen sollte. Die „Jca" ist nicht nur die mächtigste jüdische Organisation — vom finanziellen Standpunkte ist sie es sicher — sondern nimmt auch eine unparteiische Stellung ein. Sie wird im konservativen Sinne und geschickt verwaltet und jede Aktion, die sie in die Hand nähme, würde dem Vertrauen der gesamten Judenheit begegnen. Allerdings befürchte ich, daß die Korporation der jüdischen Organisationen nicht hinreichen wird, den Plan durchzuführen, da nach meiner Schätzung 40 bis 50 Millionen erforderlich sein werden, um die nötigen Jmmigationswerke herzustellen. Es wird daher auch die Unterstützung der Regierung notwendig sein. Auf die Einwendung, daß die Durchführung desselben Planes in Palästina billiger zu stehen komme, meint Herr Schiff, daß Mesopotamien Palästina entschieden vorzuziehen sei, da die Zustände in Palästina weder jetzt solche sind, noch in Zukunft solche werden können, welche die Wiedererrichtung der jüdischen Nation möglich machen würden. Das wichtigste Prinzip des gegenwärtigen Regimes in der Türkei ist die Stärkung der Integrität des türkischen Reiches. Ich selbst bin kein Nationalist und ich glaube, daß das Aufrollen der jüdischuationalen Frage ftüher oder später den Juden in Palästina im Besonderen und den Juden der Türkei im Allgemeinen großen und dauernden Schaden und Kummer wird zufügen müffen. 2. Der Präsident des „American Jewish Komitee", Judge Mayer Sulzberger. Sehr intereffant, auch vom historischen Standpunkte, sind die Aeußerungen, welche der bekannteste Gelehrte und Politiker Richter Mayer Sulzberger im „Jewish Exponent" in Philadelphia über diese Frage gemacht hat. Sulzberger sagt im Wesentlichen Folgendes: Seit dem Jahre 1888 besteht in Philadelphia ein kleiner Klub von Gelehrten, die sich hauptsächlich orientalischen Fragen widmen. Diesem Klub gehören namhafte Gelehrte, unter ihnen auch Judge Sulzberger an. Die Klubmitglieder kommen einmal im Monate abwechselnd im Hause eines Mitgliedes zusammen. Ende 1891 oder Anfang 1892 fand die Zusammenkunft im Hause Sulzbergers statt. Unter den Anwesenden befand sich auch Professor Haupt und der gegenwärtige amerikanische Botschafter in Konstantinopel Oskar Straus. Es kam die traurige Lage der russischen Juden und die Möglichkeit, ihnen zu helfen, zur Sprache. Professor Haupt legte ein umfangreiches Manuskript vor, in welchem er auf Grund eingehender Studien zu dem Resultate gelangt, daß Mesopotamien das einzige in Betracht kommende Gebiet ist, auf welchem die verfolgten Juden mit großen Aussichten für die Zukunft angesiedelt werden könnten. Mesopotamien war in alten Zeiten der reichste Getreidespeicher der Welt und könnte es auch heute werden, wenn die alten Berieselungswerke wieder hergestellt würden, was die moderne Technik sicherlich zumindest so leicht treffen würde, als die Technik jener alten Zeit. Dazu kommt noch der Vorteil, daß Mesopotamien verhältnismäßig nahe zu Rußland liegt und die Ueberfiedlung nicht so viel kosten würde. Das Manuskript würde für die Mitglieder des Klubs in Druck gelegt, jedoch auf Wunsch des Autors als vertrauliches Manuskript behandelt. Bald darauf wurde Oskar Straus zum ersten Male Botschafter in Konstantinopel und trat zum Baron Hirsch, der damals auf der Börse noch ein Zukunftsort für die verfolgten Juden war, in nahe freundschaftliche Beziehungen. Straus legte das Buch dem Baron Hirsch vor und dieser zeigte, trotzdem er sich bereits für den Kolonisationsplan in Argentinien engagiert hatte, große Geneigtheit, seinen Plan zugunsten Mesopotamiens zu ändern. Der eingestandene Grund, weshalb er schließlich dieses Projekt fallen ließ, war sein entschiedenes Mißtrauen gegen den Sultan Abdul Hamid. ... So blieb denn die Sache liegen bis 1898, als Zangwill nach Amerika kam. Sulzberger legte ihm damals den Plan vor und Zangwill gab ihn an Dr. Herzl weiter. Obgleich Herz! überzeugt war, daß die biblische Bezeichnung von Palästina auch Mesopotamien in sich begriff, lehnte er die Mitarbeit aus Angst vor den fanatifierten Zionisten ab. Sulzberger behauptet nun, daß Herzl nichtsdestoweniger mit dem Sultan über Mesopotamien gesprochen habe und daß Abdul Hamid das Projekt sehr günstig ausgenommen habe. Herzl fürchtete jedoch den Widerstand der strengen Zione-Zion. Schließlich zollt Sulzberger den staatsmännischen Fähigkeiten Zangwills uneingeschränkt Lob und erwartet von dessen Bemühungen praktische Resultate. Nach seiner Ansicht müsse die Bewegung von fähigen Geschäftsmännern und großen Kapitalisten gefördert werden und dürfte mit Philanthropie nichts zu tun haben. Er glaube, daß Zangwill derselben Ansicht ist. 3. Der Deputierte von Bagdad, Sassoon E f f e n d i. Große Aufmerksamkeit verdienen die Bemerkungen des Deputierten der Hauptstadt von Mesopotamien im türkischen Parlament, Sassoon Effendi, dem K. nstantinopler Korrespondenten des Petersburger „Fraind" gegenüber. Sassoorr, der in Bagdad eine hervorragende Stelle einnimmt und in der kulturellen Renaffsancebewegung der Araber eine bedeutende Rolle gespielt hat, kennt den itoistischen Plan ganz genau. Er äußerte sich hierüber folgendermaßen: Die praktische Durchführung dieses Planes ist heute noch verfrüht. Es müssen noch einige Jahre vorübergehen, bis die Stellung der Türken in ihren Provinzen eine stärkere sein wird, als dies heute der Fall ist. Um Mesopotamien zu kolonisieren, müßte man vorerst eine Militärdivifion von zumindest 10.000 Mann mit einer regelrechten Eskadre hinschicken. Das Militär müßte dort verbleiben und im Lande Ruhe schaffen. Jetzt ist es noch ein wüstes Land, in welchem die Beduinen herrschen. In den Städten sind die Türken noch irgendwie die Herren, das Land jedoch liegt einfach in den Händen von wilden Stämmen. Jetzt Kolonisten hinzuschicken, ist unmöglich, die Regierung kann aber auch momentan kein Militär hinschicken, da sie vorläufig wichtigere Geschäfte hat. Wird sich die Bevölkerung im Allgemeinen beruhigt haben, so wird es auch in Mesopotamien leichter sein, die Ruhe herzustellen. Das beansprucht jedoch eine Arbeit von Jahren, bis dahin wird auch die allgemeine Situation in der Türkei eine geklärtere sein." — „Sind Sie der Ansicht, daß das Land überhaupt günstig ist für die jüdische Einwanderung?" frug der Korrespondent. „Jetzt noch nicht. Das Land muß bewässert werden, es müffen viele Kräfte ins Land getragen werden. Dann — warum nicht? Nur darf die ganze Frage nicht leichtfertig behandett werden, auch erfordert ihre Lösung viel Geld. Aber die schwierigste Frage bleibt die Sicherung und Erhaltung der Ruhe. Nicht bloß die Juden, selbst die Mohammedaner würden jetzt von den Beduinen nicht ins Land gelassen. Und könnte man diese Stämme jetzt auch gemeinsam mit den Mohammedanern zeitweilig zur Ruhe bringen, so könnten sie doch schließlich für die Juden gefährlich werden. In Mesopotamien leben auch heute Juden. In Bagdad selbst wohnen Zehntausende von