Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 23 (4.6.1909)
- Date
- 1909-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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' Nr. 23 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 405 Es wäre eine anerkennenswerte Leistung einer Kinderschutz- Jnstitntion, gemeinsam mit der Kultusgemeinde noch eine Anzahl Kinder bei Familien in niederösterreichischen Provinzstädten nach dem Gruppensysteme unterzubringen. Ein wichtiges Moment ist es jedoch, was jedem menschenfreundlich gesinnten Pfleger in der Kinderfürsorge zu denken gibt. Ich meine die Ueberwachung der verlassenen Kinder nach vollendeter Schulpflicht, d. i. nach ihrem 14. Lebensjahre. Nach der heutigen Fürsorgepraxis werden diese ärmsten unter den Kindern, gerade in ihrem kritischesten Alter jeder Stütze beraubt, sich selbst überlassen. Ich brauche Ihnen die moralischen und körperlichen Gefahren, die dem Kinde in diesem Alter überall auflauern, nicht zu schildern. Es ist leicht nachzuweisen, daß die sittlichen Schäden, welche unserer Jugend zugefügt werden, ihre ersten Ansätze im Pubertätsalter erhalten, da selbst bei normalen Verhältnissen große Widerstandskraft erforderlich ist. Nach bestem Können, respektive nach Maßgabe der freigewordenen Plätze finden einige unserer verlassenen Kinder gewünschten Schutz durch das segensreiche Wirken des Lehrmädchen-Hortes in der Malzgasse, in den Arbeitsschulen des Mädchen-Unterstützungsvereines in der Pillersdorfgasse, sowie durch den israelitischen Handwerkerverein in der Grünen Thorgasse; jedoch sind es mehr Kinder, die diese Fürsorge während ihrer Lehrzeit benötigen würden, als in den genannten drei Instituten Aufnahme finden können. Die Damen und Herren in den Vereinsvorständen würden eine sehr wichtige Mifiion erfüllen, wenn sie besonders diesen nunmehr doppelt verlassenen Kindern ihre Fürsorge und moralische Stütze auch über das 14. Lebensjahr hinaus angedeihen ließen. Zur Zentralstelle zurückkehrend muß als Endziel die Parole aufgestellt werden, daß jeder jüdische Wohlfahrtsverein der Zentralstelle angehören müsse. Ich halte dies im Jnterefie unserer Armenpflege für so unerläßlich, daß ich eine von einem heute schon genannten edlen Herrn bereits praktisch erprobte Anregung auch an den Vorstand der Kultusgemeinde leiten möchte, nämlich vorzuschlagen, daß die Kultusgemeinde die Erteilung einer Subvention an einen Verein von seiner Zugehörigkeit zur Zentralstelle abhängig mache. Durch das innige Zusammenwirken aller philanthropisch gesinnten Faktoren könnte die Ausgestaltung und Erweiterung der Zentralstelle in idealer Weise durchgeführt werden, da doch jetzt schon in der Reihe der der Zentralstelle bisher beigetretenen Institute von jeder Kategorie sich solche finden, die in der Spezialbehandlung der Fälle die Führung für eine rationelle Behandlung übernehmen würden. Wenn das derzeitige verehrliche Kuratorium mit vollem Ernste meine heute hier vorgebrachten Anregungen besprechen wird, um die Schritte zur Aktivierung einzuleiten, sowie das durch weitere Kooptationen vergrößerte Kuratorium für jeden Zweig des Armenwesens ein Spezialkomitee bilden wird, das mit Ernst und Eifer sich seiner Aufgabe und Pflicht bewußt ist, dann wird die Zentralstelle das werden, was sie sein soll und ihrem Namen nach zu sein verspricht, eine Zentralstelle für das jüdische Armenwesen, ein unentbehrliches Organ für Vereine und Philanthropen, sowie für jeden Armen. Hr * * Hier wäre mein Vortrag eigentlich beendet. Es fehlt ihm aber, wie ein Märchen mit der Moral, die daraus gezogen werden soll, zu enden pflegt, der Schlüss l zur praktischen Lösung der vorgebrachten Anregungen. Ja, es wirft sich jedem der verehrten Anwesenden gewiß beispielsweise die Frage auf. unter wessen Führung die Spezialverbände zu stellen wären, wie die Armengeldgebahrung gehandhabt werden soll, wie man die Mittel für honorierte Rechercheure beschaffen könnte, und viele, viele Fragen, die der Beantwortung noch bedürfen. Meiner Meinung nach ist jedoch der Schlüssel ba und diesen besitzen die edlen und mit mitfühlender, hochherziger Gesinnung bedachten Damen und Herren des derzeitigen Kuratoriums in dem B est r e b e n, die Zentralstelle immer mehr zu dem großen Unternehmen auszugestalten, die sie als praktischer Förderer aller berechtigten Armenwünsche sein soll. Ich selbst will mich in Bescheidenheit damit zufriedengeben, wenn auch nur ein Teil meiner Anregungen Verwirklichung finden wird, zum Wohle der Armen und zur Ehre der Wiener Judenschaft. Rudolf Kraus Amtsleiter der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Korrespondenzen. An die „Jto in London. Nach dem letzten Berichte der „Oesterr. Wochenschrift" scheint nun die Sonne für uns in Mesopotamien aufzugehen und die Köpfe zu erleuchten, welche über das Wohl des schwergeprüften jüdischen Volkes sinnen und trachten. Das palästinensische Projekt blendet aus verschiedenen Gründen nicht mehr. Der Katholizimus und der Protestantismus halten dort Wache und die türkische Regierung wird niemals gegen ihren Willen den Juden einen Freibrief ausfiellen, mag es nun eine jung- oder altiürkische Regierung sein. Die Entscheidung liegt nicht in Konstantionopel, sondern in Petersburg, Berlin, Wien und Rom. In so ernsten Dingen muß man von Sentimentalitäten absehen und nur den Zweck im Auge behalten! Läßt man den forschenden Blick über den Globus schweifen, um für die verfolgten russischen Juden ein Territorium zu finden, groß und fruchtbar genug, große Massen zu ernähren, so muß er unbedingt auf Mesopotamien haften bleiben. Diese Erkenntnis kam mir schon im Jahre 1900 und am 6. Juli jenes Jahres ließ ich in der „Oesterr. Wochenschrift" (Nr. 27) den ersten diesbezüglichen Artikel erscheinen, dem viele weitere folgten, in denen ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Gebiet zwischen dem Euphrat und Tigris lenkte und auf die ehemalige, so reiche Produktivität dieses gegenwärtig öden Landes hinwies, das den Juden, die gemeiniglich an Reminiszenzen hängen, nicht ganz fremd ist. Hier wandelte, nach der geschichtlichen Legende vor sechstausend Jahren, Urvater Abraham; hier lebten vor 2500 Jahren unsere Vorfahren im milden Exile; hier ließ der Prophet Ezechiel warnend seine mächtige Stimme erschallen; hier ruhet der Prophet Jonas unter einem von Menschenhänden gehäuften Ecdhügel — überall Erinnerungen, überall Spuren hoher, jetzt erloschener Kultur! In fast gleichzeitig erschienenen Publikationen aus dem Jahre 1884 bezeichnen Lord Brabason und der deutsche Konsul in Jaffa, Baron von Krämer, die syrische Ebene als das ertragreich st e Land der Welt, wenn die ehemalige künstliche Bewässerung wiederhergestellt würde. Dieses weite und von der Natur liebevoll ausgestatletc Gebiet lieferte ehemals seinen prassenden Herrschern und seinen Schlaraffen Abgaben in der Höhe von 86 Mill. Kilo Getreide! Und Getreide allein war es nicht, was der dankbare Boden seinen Pflegern bot. Zwei Distrikte in der Nähe von Bagdad, in welchen Wein und Obst kultiviert wurden, entrichteten nach einem vor elfhundert Jahren aufgefundeuen Steuerkataster außer 15 Millionen Kilo Getreide 740.000 Mark vom Ob st ertrag! Ein Nationalökonom des zehnten Jahrhunderts und ein Anderer nach ihm haben auf Grund eingehender Studien und genauer Kenntnisse der Verhältnisse Berechnungen über die Rentabilität Babyloniens und Mesopotamiens angt stellt, wenn der statu-; lzuo uut6 wiederhergestellt würde, wenn der Euphrat und Tigris reguliert, die Drainage- und Jrrigationskanäle hergestellt würden und so der Boden die eingebüßte Zeugungskraft wieder gewonnen hätte. Nach diesen alten Forschern umfaßt das ganze Areal des Aluviums von Babylonien 7200 Quadratfarsangen oder 24V2 Millionen Hektare. Ein Drittel davon muß als unproduktiv für Straßen. Kanäle, Flüffe, Städte, Dörfer. Moräste in Wegfall kommen. Ein zweites Drittel bleibt teils brach, teils zu Viehweiden liegen, so erübrigt bloß eine Fläche von etwa acht bis neun Millionen Hektare für den eigentlichen Feldbau, welcher nach der früheren Besteuerung von 2 Mithkals-Silber per Garib, das heißt 2 Mark per 60 Quadratellen (ungefähr 10 Perzent, der Ertragssumme) ein Einkommen von 88 Millionen Mark bringen würde. Ein späterer Nationalökonom berechnet nach Professor Sprenger den Gesamtbodenertrag auf eine Milliarde Dirham — 566 Millionen Mark. Diese Berechnungen find nicht zu hoch angelegt, indem unter der Regierung Chosroes I. mehr als 22 Millionen Hektar angebaut worden sein sollen. Von diesem Areale blieben nach Abzug der brach belassenen Felder und der unproduktiven Strecken sogar 13 bis 14 Millionen zur Bewirtschaftung. Und was hat dieser kräftige Boden nicht Alles hervorgebracht! Es gediehen hier die Rebe, der Dattel- und Kaffeebaum, die Baumwollstaude, Hülsen- und Körnerfrüchte jeder Art, Leinen- und Hanfsamen, Tabak. Klee, Luzern und Sesam. Zwei Mal im Jahre schürten die Felder ihre reichen Gaben